Das Problem dabei: Die Zeit läuft. Spätestens im Dezember auf dem Gipfel in Kopenhagen soll der Handel mit den Kandidatenländern beendet sein, damit im Frühjahr endlich die Verträge unterschrieben werden können.

Auch in dieser Woche streiten Schröder, Chirac und Co. in Brüssel wieder über Geben und Nehmen. Die einen möchten die Erweiterung mit den vorhandenen Mitteln stemmen und bei der Gelegenheit gleich das System reformieren. Die anderen würden lieber mehr ausgeben. Aber im Zweifel wollen alle am liebsten den Kandidaten noch ein Weilchen den Zugriff zu den Geldtöpfen verweigern. "Wir haben die Zeit der donnernden Reden über Europas Mission hinter uns gelassen und sind nun beim Kleingedruckten angelangt. Das auszuhandeln dauert", sagt der Europa-Experte Werner Weidenfeld.

Je nach Interessenlage wird dann das ganze Projekt billig oder teuer gerechnet. Der deutsche Finanzminister Hans Eichel etwa redet gern von vierzig Milliarden Euro Kosten für die ersten drei Jahre, verbucht davon zehn Milliarden für Deutschland und findet das viel zu viel. Und Kanzler Gerhard Schröder assistiert: "Die Grenze der finanziellen Belastbarkeit ist erreicht." Nach dem Entwurf der Kommission dagegen fließen in diesem Zeitraum netto nur etwa acht Milliarden Euro von den 15 alten in die 10 neuen Mitgliedsstaaten. Davon müsste Deutschland zwei Milliarden Euro bezahlen. Zum Vergleich: Nach Ostdeutschland flossen allein in den neunziger Jahren mehr als 600 Milliarden Euro.

Wer richtig rechnet? Wie immer in Europa ist auch das eine Frage der Perspektive. So argumentieren die Berliner Finanzprofis mit Verpflichtungen - und verschweigen klug die Rückzahlungen, die Deutschland aus den europäischen Töpfen erhält. Die Brüsseler hingegen arbeiten mit Nettosummen - schätzen also, was am Ende wirklich übrig bleibt. Wohlgemerkt: Sie schätzen.

Einer Behauptung stimmen die meisten Finanzfachleute zu: Die Erweiterung wird den Steuerzahler in keinem europäischen Land ruinieren. Dafür sorgt eine feste Obergrenze: Mehr als 1,27 Prozent des Sozialproduktes darf Brüssel von keinem Land einfordern. 1,09 Prozent zahlt Deutschland zurzeit; zieht man davon die Rückflüsse an die Bundeskassen ab, muss Finanzminister Eichel netto 0,34 Prozent des deutschen Sozialproduktes an die Kommission überweisen, also knapp sieben Milliarden Euro.

Solche Rechenspielchen ließen sich endlos fortsetzen. Denn auch die Vertreter der Kandidatenländer reden inzwischen in Brüssel gern mit. "Wenn die jetzigen Vorschläge der Kommission umgesetzt werden, würde Polen im nächsten Jahr mehr in den EU-Agrartopf einzahlen als herausbekommen", klagt der polnische Außenminister W¬odzimierz Cimoszewicz. Er steht mit seiner Kritik nicht allein. "Sie dürfen in den Club, Mitgliedsbeiträge bezahlen, die Regeln beachten - aber das Schwimmbad nicht benutzen", kommentierte die International Herald Tribune.

Soll man die neuen Gäste also gleich in den Pool bitten - auch wenn dann alle auf dem Trockenen sitzen? Kann man einfach den Pegel erhöhen, auch wenn das Wasser längst zu teuer ist? Oder lässt man sie nur die Füße nässen und renoviert derweil das Bad?