Auch unter den alten Mitgliedsländern wird es Erweiterungsgewinner geben. "Je höher die Handelsverflechtung mit den Beitrittsländern ist, umso höher fällt auch der Wohlfahrtsgewinn aus. Vor allem profitieren Deutschland und Österreich", heißt es beim Bundeswirtschaftsministerium. Schon jetzt ist das zu sehen: Die Bundesrepublik investiert bereits heute mehr als jeder andere europäische Staat in Osteuropa; die Exporte steigen; alles in allem sichert das mehr als 100 000 heimische Arbeitsplätze.

Die Liste der ökonomischen Vorteile ließe sich beliebig verlängern - Christian Keuschnigg von der Universität Sankt Gallen rechnet sogar mit einem Wachstumsschub, "der die Finanzierung der Osterweiterung neutralisiert". Seine Wirkungskette ist einfach: Mehr Handel und Investitionen ergeben mehr Wachstum, das schafft mehr Steuereinnahmen und erlaubt mehr Ausgaben - und dann ist auch mehr Geld für die EU da. Selbst die Furcht der Gewerkschaften, nun der Billigkonkurrenz und den Arbeitsmigranten ausgeliefert zu sein, lässt sich nicht untermauern: Heute arbeiten mehr Deutsche in Tschechien als umgekehrt. Und Übergangsbestimmungen dürften dem massenhaften Umzug von Osteuropäern in den Westen einen Riegel vorschieben.

Die EU-Kommission schätzt, dass langfristig höchstens ein Prozent der Einwohner der neuen Mitgliedsländer ihre Heimat verlassen wird. Auch nach dem Beitritt Spaniens und Portugals hielt sich die Zahl der Umzugswagen, die von Granada oder der Algarve ins Ruhrgebiet fuhren, in Grenzen. Je mehr sich die armen Länder auf das Niveau der reichen Nachbarn hocharbeiteten, desto eher blieben die Leute zu Hause.

Fakten aber spielen beim Ränkespiel der Brüsseler Diplomaten keine Rolle. Schon warnt der Botschafter eines kleinen Mitgliedslandes: "Jeder weiß, dass Deutschland ökonomisch und politisch durch die Erweiterung gewinnen wird. Deshalb spielt die Bundesregierung ein riskantes Spiel, wenn sie das historische Projekt an einer verhinderten Agrarreform und ein paar Milliarden Mehrausgaben scheitern lassen würde."

Doch Brüssel wäre nicht Brüssel, kursierten in den Büros rund um den Schumann-Platz im Euroviertel nicht längst Lösungen. Insider spekulieren auf einen Vertragsentwurf, der die Vorschläge der Kommission ein wenig variiert und hier und da ein bisschen spart. Was bliebe, wäre der langsame Zugang der neuen Länder zu den Wohltaten des alten EU-Systems: So sollen deren Bauern zunächst nur ein Viertel der Direktbeihilfen bekommen, und auch der Geldsegen aus den Strukturfonds wird anfangs begrenzt. Gleichzeitig sorgen Pauschalzahlungen dafür, dass die neuen Mitglieder nicht mehr einzahlen, als sie aus dem EU-Topf bekommen. Verzichtet Deutschland zudem auf den sofortigen Umbau der Landwirtschaftspolitik und genehmigt Frankreich dafür von 2007 an den sanften Einstieg in den Ausstieg, könnte das Hickhack um die Erweiterung bald Geschichte sein.

"Schon jährlich drei Prozent Abbau der Direktbeihilfen in der Landwirtschaft könnten das System reformieren und gleichzeitig die langsame Integration der Bauern aus den neuen Mitgliedsländern in das EU-System finanzieren", sagt Kommissarin Schreyer. Und sie ist nicht die Einzige, die auf eine baldige Lösung hofft.

Nachdem er lange über Kosten und Nutzen gesprochen hat, erinnert der polnische Präsident Aleksander KwaŽniewski vorsichtig an das, was viele seiner Kollegen im Osten fühlen: "Europa wird viel zu oft auf lästige Verfahrensfragen reduziert. Dabei geht es doch um mehr als Milchquoten. Wenn wir die europäische Flagge hochziehen können, erfüllt sich für uns ein Traum, der uns 1945 gestohlen wurde."