Ich weiß, es ist nicht besonders originell, Wanderer, kommst du nach Spa ..., die frühen Erzählungen Heinrich Bölls, als Lektüre für junge Leser vorzuschlagen. Immerhin werden sie seit Jahrzehnten in Schulbüchern zur Behandlung im Deutschunterricht angeboten. Typischer Mittelstufenstoff, höre ich den Chor der Pädagogen sagen: Man könne daran sehr gut a) das Grauen und die Unmenschlichkeit des Zweiten Weltkriegs vermitteln und b) den Aufbau kürzerer Erzähltexte erklären. Außerdem seien Bölls Texte so offenbar und kunstlos, dass man auch Schüler mit geringer Leseneigung dafür gewinnen könne.

Das stimmt alles, und es stimmt auch nicht. Natürlich werden die frühen Erzählungen Heinrich Bölls von der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und von der des Nachkriegschaos dominiert. Und richtig ist auch, dass viele der Texte so wirken, als wollten sie sich als Literatur, als Gebilde aus nichts als Worten, zum Verschwinden bringen, so konzentriert sind sie auf das, was sie erzählen wollen, so wenig scheint der Autor beweisen zu wollen, dass er ein ganz besonderer Mensch ist und ganz besonders mit der Sprache umgeht.

Doch andererseits lernt, wer anhand dieser Texte lernen will, was der Zweite Weltkrieg war und warum es ihn gab und nie mehr geben sollte, so gut wie gar nichts. Denn Böll schreibt weniger über ein konkretes historisches Ereignis und schon gar nicht über die politischen und sozialen Verhältnisse, aus denen es zur "Machtergreifung" der Nationalsozialisten und zum Ausbruch des Weltkriegs kam. Seine kurzen Erzählungen liefern vielmehr Beispiele für das furchtbare Neben-, Mit- und Ineinander von Normalität und Katastrophe, zu dem es, wie die jüngsten Bürgerkriege zeigen, immer wieder kommen kann. Oft ist die Handlung auf einer sehr dünnen Grenzlinie zwischen den Territorien von Alltag und Krieg angesiedelt; in der Titelgeschichte Wanderer, kommst du nach Spa ... ist der Klassenraum, aus dem die Schüler in den Krieg ziehen, sogar identisch mit dem Lazarett, in das sie, auf den Tod verwundet, zurückkehren.

Und gerade indem Böll die Allgegenwart des Katastrophalen und die Verlängerung des inneren Krieges über jeden Friedensschluss hinaus zu seinem Thema macht, schafft er Texte, die für das Bewusstsein der Gegenwart von allergrößter Bedeutung bleiben.

Auch die so genannte Kunstlosigkeit von Bölls Prosa kann zu Missverständnissen führen. Natürlich lässt sie sich erklären als Ausdruck des Zerstörten und Reduzierten der Kriegs- und Nachkriegszeit. Trümmer beschreibt man ohne Ornamente. Aber dabei darf nicht vergessen werden, dass es Kunstlosigkeit in einem literarischen Text gar nicht geben kann. Bölls Schlichtheit ist eine Kunstfertigkeit, um die er sich sehr bemüht hat. Man kann das in den verschiedenen Texten von Wanderer, kommst du nach Spa ... deutlich erkennen: Es gibt dort noch welche, die es mit einem Trick, mit einer surrealen Perspektive oder einem besonderen Arrangement versuchen; doch die besten vertrauen allein auf die Kraft der schlichten Schilderung und auf die Wirkung knapper, wenngleich präzise gearbeiteter Dialoge.

Ich selbst habe die Erzählungen Heinrich Bölls als etwa 12- oder 13-jähriger Schüler gelesen. Ich musste dazu, um die Erwachsenenabteilung der Stadtbibliothek Mönchengladbach betreten zu dürfen, einen Ausweis für meinen Vater beantragen, der wenig jünger war als der Autor Heinrich Böll. Am Aufsichtsschalter zeigte ich einen Zettel, auf dem ich meinen Vater ein paar Namen hatte schreiben lassen, obenan den des damals renommiertesten unter den lebenden Autoren: Heinrich Böll. Immer hatte ich Angst davor, dass die Sache auffliegt. Tat sie aber nicht.

Bei der Lektüre lernte ich dann wenig über die Kriegszeit meines Vaters, aber viel über die Ursachen der Stimmung, die bei uns zu Hause herrschte. Die Schlichtheit der Texte ist mir nie als Flachheit erschienen, ihr Grau in Grau nie als langweilig, ihre moralische Tendenz nie als Belehrungsüberschuss.