"Hier", sagt er, "lagen die Truppen von Hekmatyar, dem Islamisten. Und dort", sein Finger zeigt auf die gegenüberliegende Seite, "hatten sich Massuds Krieger von der Nordallianz verschanzt." Dazwischen das zerstörte Kabul. Stadtteile in Trümmern, die aus der Entfernung wie archäologische Ausgrabungsstätten anmuten. Renate Elsaeßer gibt noch nicht auf: "Aber die Menschen hier sind doch so wundervoll." Diesmal schweift der Blick des Afghanen nach unten, wo unter der ewigen Staubwolke das Stadtzentrum dröhnt. "In jedem dieser Häuser gibt es noch eine Kalaschnikow. Der Krieg ist noch nicht vorbei. Ich hasse Afghanistan."

Um das deutsche Image am Hindukusch muss Renate Elsaeßer sich keine Sorgen machen. Eigentlich eine gute Nachricht für die Frau, die Ende September nach Kabul kam, um ein neues Goethe Institut aufzubauen. Noch befindet sich ihr kleines Gründungsbüro in der Deutschen Botschaft. Es liegt gleich neben den Dienstzimmern von Bundesnachrichtendienst, Bundeskriminalamt und dem Sicherheitsdienst der Bundeswehr. Plastischer könnte man die neue Rolle der auswärtigen Kulturpolitik in Krisengebieten nicht symbolisieren.

Eine Million Euro standen dem Goethe Institut schon in diesem Jahr aus den Afghanistan-Sondermitteln des Bundes zur Verfügung. Die Zeit drängt, denn das Geld will nach guter deutscher Budgetordnung bis zum Jahresende ausgegeben sein. Und im Januar will Frau Elsaeßer schon das Institut im stattlichen Haus der einstigen DDR-Botschaft einrichten. Goethe in Kabul, deutsche Kultur für notleidende Afghanen - ist das nur ein frühreifes Prestigeprojekt aus Joschka Fischers Außenamt? Oder kann ein Goethe Institut dieser Stadt im permanenten Ausnahmezustand tatsächlich ein Stück Normalität verschaffen?

Normalität, das Wort wäre wohl zu hoch gegriffen. Zu unwirklich ist die Welt innerhalb der so genannten Kabul-Bubble. Elend und Zerstörung prallen hier unvermittelt auf das, was man die Internationale Staatengemeinschaft nennt. Sie zeigt sich mannigfaltig in Kabul: als Soldaten der internationalen Schutztruppe Isaf, als Polizeiausbilder des Bundesgrenzschutzes und in Gestalt nicht weniger als 250 internationaler Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Jeder Flug in die Hauptstadt bringt neue Wohltäter in die Stadt. Bunte Schilder auf Dari und Englisch künden allenthalben von ihren Projekten.

Ganz gut geht es jenen Afghanen, die als Koch oder Fahrer bei einer der Organisationen anheuern konnten. Frau Elsaeßer zahlt ihrem Fahrer 15 Dollar am Tag. Das bekommt ein stellvertretender Minister im Monat! Richtig reich werden aber nur die Hausbesitzer. Bequemer Wohnraum ist knapp, die Mieten sind astronomisch. Dafür wohnt Frau Elsaeßer in einem komfortablen Haus mit gepflegtem Garten und zwei Angestellten. Natürlich nicht allein. Es ist die erste WG-Erfahrung für die Frau, die Ende der sechziger Jahre studierte und seither im Ausland arbeitet. Ein Dieselgenerator erspart ihr und ihren deutschen Mitbewohnern die nervtötenden Stromausfälle. Ein eigener Brunnen fördert leidlich sauberes Wasser aus der Tiefe.

Wer in der Welt der internationalen Entwicklungs- und Aufbauhilfe etwas gelten will, der ist in Afghanistan. Und weil die Armada der Hilfsorganisationen genauso wenig das ganze Land durchdringen kann, wie es die amerikanischen oder früher die sowjetischen Streitkräfte vermochten, tummeln sich die Helfer in Kabul. Da fehlen weder dänische Minenräumer noch tschechische Brunnenbauer. Auch die deutschen Parteienstiftungen sind komplett vertreten. Eine Dame aus Schwaben, in eigener Mission unterwegs, will sich für den Bau von Radwegen einsetzen.

Theater in der großen Leere