Aus meiner Sicht lässt sich die Bedeutung Unselds und des Suhrkamp-Verlages schon in der Schulzeit und also ein gutes halbes Jahrzehnt vor 1968 an einer vermeintlichen Kleinigkeit deutlich machen: Bis dahin hatten wir als Gymnasiasten unsere literarischen Unterrichtserfahrung aus den (damaligen, heute sehen sie auch anders aus) gelben (oder beigen) Reclam-Heften bezogen. Goethe, Schiller, Eichendorff... Aber irgendwann musste dann doch auch von Bert Brecht die Rede sein, nicht nur in unserem individuellen Schul-Lebenslauf, sondern auch im Lebenslauf der deutschen Schule selber, für die Brecht bis in meine Schultage hinein unter politischer Quarantäne stand. Wie dem auch sei: Mit Brecht kam auch Suhrkamp - oder sollte man besser sagen: Mit Suhrkamp kam auch Brecht in unser Klassenzimmer. (Irgendwo in meinen langen Regalen steht auch noch ein schmales Bändchen mit Brechts theatertheoretischen Schriften (der V-Effekt!), Suhrkamp natürlich … wie gut, dass sich Brecht in seinen Dramen nur sehr beschränkt daran gehalten hatte.)

Spätere Schülergenerationen haben dann ihren Hesse, ihren Frisch (Andorra!) aus Suhrkamp-Bänden gelesen, von Lehrern angeleitet, die ihre ersten Suhrkamp-Begegnungen mit Brecht gemacht hatten.

Diese Episoden machen deutlich: Unseld und der Suhrkamp-Verlag hatten einen nicht zu überschätzendes Beitrag geleistet zum geistigen Übergang der Republik aus der Reclam-Schulzeit, die sich noch auf die geschichtlich wie politisch unverfängliche Klassik beschränkt hatte, der Vorsicht und der modernisierenden Restauration halber - zum geistigen Übergang also aus der Restauration in die wirkliche Moderne.