Der Krieg im Irak hat noch nicht begonnen, da ist in der Türkei das Getöse groß. Geschützdonner? Jagdbomber? Marschierende Infanterie? Noch nicht, es sind vor allem die lederbesohlten Halbschuhe der Politiker, die hart aufs Parkett schlagen. "Die Türkei wird die Entstehung eines kurdischen Staates nicht zulassen", rumpelte Parlamentssprecher Ömer Izgi vergangene Woche, "denn dieser Staat könnte über reiche Ölreserven verfügen und die Türkei angreifen." Auch Ministerpräsident Bülent Ecevit fand, dies sei nicht der Moment für diplomatische Pirouetten: "Wir wollen keinen Krieg, aber wir werden in ihn hineingezogen. Die Amerikaner ermuntern die kurdischen Gruppen im Nordirak nicht nur, sie steuern sie."

Die Türkei ist in Alarmbereitschaft. An der Grenze zum Irak im Südosten riegeln Armee und Polizei das Gelände ab. Schon weit vor der Grenze im Gebiet von Sþrnak werden Besucher an Checkpoints abgefangen. Quer stehende Jeeps, Sandsäcke, Stacheldraht, schwer bewaffnete, mit den Armen fuchtelnde Polizisten: Hier soll niemand durch. Nicht aus der Türkei in den Irak und erst recht nicht umgekehrt.

Vor elf Jahren, im ersten Golfkrieg, kamen bis zu einer halben Million kurdische Flüchtlinge in die Türkei. Darunter hätten sich Kämpfer der kurdischen Guerillapartei PKK verborgen, sagen Polizisten wie Politiker. Heute verbietet ein türkisches Gesetz das "Eindringen von Flüchtlingen" ins Land: Der "Massenansturm" soll in Lagern direkt an der Grenze aufgefangen werden. Auch die Tiere der Fliehenden dürfen nicht passieren: Achtung, Maul- und Klauenseuche! Die Behörden halten Zelte, Kanonenöfen, Lebensmittel und Medikamente bereit. "Sobald die erste Bombe auf den Irak fällt", sagt der Gouverneur von Sirnak, "kann alles innerhalb von 24 Stunden fertig sein." Diese Lager, so dringt es aus dem türkischen Verteidigungsministerium, werden auch im Irak stehen.

Die Türkei fühlt sich bedroht. Nicht Saddam Husseins Mittelstreckenraketen, nicht Bagdads fliegende Chemiekeulen fürchten die Strategen in Ankara, sondern den Zerfall des Iraks. Ihr Nachbarland halten die Türken für so zerbrechlich wie einen ottomanischen Kristalllüster. Weil der Irak eben kein einheitlicher Nationalstaat ist, sondern ein ethnisch bunt gemischtes Land mit Arabern, Turkmenen, Assyrern, Kurden. Vor allem die rund 3,5 Millionen irakischen Kurden mit ihrem Wunsch nach Selbstbestimmung machen den Türken zu schaffen. Weil auch die Türkei kein einheitlicher Nationalstaat ist, sondern unter anderem Heimat für 12 Millionen Kurden.

Seit George W. Bush den "Regimewechsel" im Irak zum US-Patentrezept für die Lösung der Sicherheitsprobleme in dieser Weltregion gemacht hat, ist der kurdische Frühling ausgebrochen. Die in den neunziger Jahren bitter verfeindeten irakischen Kurdenparteien KDP und PUK haben wieder zum Gespräch gefunden, nach heftigen diplomatischen Massagen der Amerikaner. Die einzige Weltmacht im Rücken, strotzt der Vertreter der KDP in Ankara vor Selbstbewusstsein: "Wir schlagen eine Föderation für den Irak vor." Safin Disajis Hände umschließen ein schmales Teeglas. "Nur so wird der Irak, der jetzt faktisch geteilt ist, wiedervereinigt."

Die Wiedergeburt von Turcomania

Das kurdische Parlament hat Anfang Oktober in Arbil einen Verfassungsentwurf für den Irak verabschiedet, mit kurdischen und arabischen Regionen. Auch für die Region "Kurdistan" gibt es bereits eine Verfassung. Artikel 75 verspricht den Kurden das Selbstbestimmungsrecht, sollte Bagdad gegen die Verfassung verstoßen. Damit würde der türkische Alptraum wahr: ein unabhängiger kurdischer Staat, der an die kurdischen Gebiete der Türkei grenzt. Nicht minder heikel ist Artikel 5, die Hauptstadtfrage: Die Region "Kurdistan" soll von einer Stadt aus regiert werden, durch die heute noch Saddam Husseins Panzer rasseln: Kirkuk.