In der Nacht vom 26. auf den 27. Oktober 1962 dampfte der sowjetische Frachter Poltawa mit einer Ladung Raketen durch den Atlantik in Richtung Kuba. Nur wenige hundert Seemeilen trennten ihn von dem Seeblockadering der U.S. Navy, die ihn abfangen sollte. Die Welt, so schien es, stand kurz vor dem atomaren Armageddon.

Um Mitternacht saß Verteidigungsminister Franz Josef Strauß in seinem Büro in der Bonner Ermekeilkaserne. In Hamburg war die Spiegel-Redaktion seit vier Stunden besetzt - Landesverrat warf die Bundesanwaltschaft dem unbequemen Nachrichtenmagazin vor. Gegen halb eins ließ Strauß sich den deutschen Militärattaché in Madrid, Oberst Achim Oster, ans Telefon holen. "Auch im Namen des Kanzlers" befahl er ihm, so schnell wie möglich die Verhaftung des stellvertretenden Spiegel-Chefredakteurs Conny Ahlers zu veranlassen, der in Torremolinos Urlaub machte. Es sei besonders wichtig, ihn zu finden, weil Augstein bereits nach Kuba geflohen sei.

Das war eine faustdicke Lüge. Womöglich ging sie darauf zurück, dass Ahlers tags zuvor von Málaga aus den Chefredakteur Jacobi angerufen und gefragt hatte, was der Spiegel wegen der Kubakrise unternehme. Ob er seine Koffer packen solle? Jacobis Antwort: "Nicht nötig. Rudolf [Augstein] hat schon etwas gemacht." Offenkundig hatten die Lauscher nur das Stichwort "Kuba" mitbekommen, aber nicht richtig hingehört.

Der wackere Oberst Oster - als CSU-Mitgründer ein Duzfreund von Strauß, aber auch seit langem mit Ahlers befreundet - suchte mitten in der Nacht den spanischen Interpol-Chef Pozo González auf. Er sprach von gemeiner strafbarer Handlung, von Kriegsgefahr, kommunistischer Organisation und Flucht des Spiegel-Herausgebers nach Kuba. Noch herrschte Franco in Spanien. González handelte sofort und gab der Polizei in Málaga telefonisch den Auftrag, Ahlers in seinem Hotel Nido in Torremolinos festzunehmen. Morgens um drei wurden der Spiegel-Mann und seine Frau aus dem Bett geholt. Ahlers erklärte sich zur freiwilligen Heimkehr bereit. Bei der Ankunft auf dem Frankfurter Flughafen erwartete ihn die Polizei.

Die Dönhoff-Runde, die derweil im Hamburger Pressehaus die nächste ZEIT-Ausgabe plante, vertagte sich am Samstagmittag mit dem Vorsatz, auf der Seite eins der nächsten Ausgabe die Kubakrise und die Spiegel-Affäre in gleicher Länge zu kommentieren. Dann begann ein großes Möbelschieben, um Platz zu schaffen für die Kollegen vom Spiegel. Sie erhielten Schreibmaschinen, Archivzugang, Sekretariatsunterstützung - alles, was sie zum Weitermachen brauchten. Auch stern und Morgenpost halfen, selbst Springers Blätter, die in einem neuen Haus am anderen Ende der Hamburger Innenstadt saßen. Die Obrigkeit bedrohte die Pressefreiheit

die Presse rückte zusammen. Für den Spiegel war das überlebenswichtig. Den Ausfall von zwei, drei, vier Nummern hätte das Magazin wirtschaftlich nicht überstanden, räumte Rudolf Augstein rückblickend ein.

Überall in der Republik gibt es Sitzstreiks und Demonstrationen

Am Sonntagnachmittag wurde der Spiegel-Herausgeber in sein Büro gebracht, wo der Erste Staatsanwalt Siegfried Buback den Schreibtisch durchsuchte. Ich kenne dieses Büro gut - als ZEIT-Chefredakteur habe ich, nachdem der Spiegel ein paar Straßen weiter in einen Neubau an der Brandstwiete gezogen war, 20 Jahre lang in dem palisandergetäfelten Chefzimmer im sechsten Stock gesessen.

Neben der Eingangstür war der mächtige Safe im Kleiderschrank verborgen. Ich habe ihn kaum benutzt, höchstens zuweilen Gehaltslisten und interne oder intime Korrespondenz dort deponiert. Aber ich konnte mir die Kombination nie merken und musste jedes Mal bei Augsteins Sekretärin anrufen. Dem Spiegel-Herausgeber wurde dieser Safe am dritten Tag der Affäre um ein Haar zum Verhängnis.

Zuunterst in einem Stapel von Schriftstücken fand Buback die Kopie eines Exposés über den Zustand der Bundeswehr, das Oberst Alfred Martin, ein Kontaktmann des Spiegels im Bundesverteidigungsministerium, Ahlers im Sommer überlassen hatte - das Basismaterial für den Artikel Bedingt abwehrbereit.

Augstein hatte noch versucht, den Umschlag unter einen bereits durchsuchten Stapel Papiere zu schieben

vergebens. War dies der Schuldbeweis, der "rauchende Colt"?

Kurze Zeit danach kam der ZEIT-Verleger Gerd Bucerius aus seinem Büro im 4.

Stock nach oben. Er traf Buback schwitzend, erschöpft und seufzend vor: "Ich bin hier völlig allein und muss sämtliche Akten selbst durchsuchen." Bucerius monierte: "Wenn Sie solch eine Aktion unternehmen, dann können Sie nicht mit einem einzelnen Herrn kommen, dazu brauchen Sie ein Dutzend Staatsanwälte!"

Bucerius - damals noch Bundestagsabgeordneter der CDU - lag daran, dass die Besetzung des Pressehauses sich nicht ewig hinzog. Er rief in Karlsruhe an und erwirkte Verstärkung.

Das Echo auf den "kriegsähnlichen Überfall", wie Sebastian Haffner die Spiegel-Aktion nannte, war gewaltig. Überall in der Republik veranstalteten Studenten Sitzstreiks nach dem Motto: "Wer sich heute nicht setzt, kann morgen schon sitzen." Es gab Demonstrationen, Podiumsdiskussionen, Protestadressen, Solidaritätsappelle zuhauf. Augstein konnte nachts im Untersuchungsgefängnis nicht schlafen, weil Demonstranten unter seinem Zellenfenster unentwegt den Schlachtruf skandierten, der in den nächsten Wochen immer wieder zu hören war: "Alle Leute müssen schrein: Augstein raus und Strauß hinein!"

Der Ruf verstärkte sich nach den tumultuösen Bundestagssitzungen vom 7., 8.

und 9. November. Im Laufe der erregten Debatte hatte Adenauer den denkwürdigen Satz gesagt: "Wir haben einen Abgrund von Landesverrat im Lande.

Ich sage das, denn wenn von einem Blatt, das in einer Auflage von 500 000 Exemplaren erscheint, systematisch, um Geld zu verdienen, Landesverrat getrieben wird ..." Der Rest des Satzes ging in empörten Zurufen unter.

Doch Adenauer ließ sich nicht beirren. Auf Augstein gemünzt, polterte er: "Auf der einen Seite verdient er am Landesverrat, und das finde ich einfach gemein. Und zweitens verdient er an allgemeiner Hetze auch gegen die Koalitionsparteien ..." Der Kanzler setzte noch eins drauf: "Gott, was ist mir schließlich Augstein! Der Mann hat Geld verdient auf seine Weise. Es gibt Leute, die ihm dabei geholfen haben, indem sie den Spiegel abonniert haben und indem sie Annoncen hineingesetzt haben." Worauf Adolf Arndt, der Kronjurist der SPD, mit schneidender Stimme erwiderte: "Der einzige Eingriff in ein schwebendes Verfahren ist, dass hier Herr Augstein schon als Landesverräter behandelt wird und dass alle die diffamiert werden, die im Spiegel inseriert haben. Offenbar ist dem Herrn Bundeskanzler entgangen, dass die Bundeswehr immer im Spiegel inseriert!"

Auch Helmut Schmidt gerät ins Visier der Ermittler

Die Vorgänge in Málaga suchte der greise Kanzler zu bagatellisieren: Wäre Ahlers in Deutschland gewesen, wäre er doch auch verhaftet worden. So habe ihn in Spanien eben das gleiche Missgeschick getroffen. Außerdem habe er doch nach Tanger gewollt. Adenauer: "Holen Sie bitte mal einen aus Tanger raus!

Ich wüsste nicht, wie wir das machen sollten." Aber das Ablenkungsmanöver verfing nicht. Die bohrenden Fragen der SPD brachten bald die Wahrheit ans Licht.

Das konservative Lager wehrte sich. Es gehe nicht darum, die Freiheit gegen die staatliche Autorität zu schützen, sondern umgekehrt um den Schutz der Autorität vor einer zügellosen, chaotischen Freiheit, predigte der baden-württembergische Ministerpräsident und spätere Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger. "SPD - das heißt Spiegel-Partei Deutschlands", trompetete der CDU-Geschäftsführer Will Rasner.

In der FAZ veröffentlichte der Freiburger Historiker Gerhard Ritter, getrieben von vaterländischem Empfinden, einen bestürzenden Leserbrief. Die Spiegel-Redaktion nannte er eine "Journalistengruppe von höchster Verschlagenheit". Ritter fragte: "Gibt es in unserer schwatzhaften Demokratie überhaupt keine Möglichkeit mehr, militärische Geheimnisse vor dem Sensationshunger der Allzuvielen und vor dem Geschäftsinteresse der Sensationsblätter zu schützen?" Und: Lebe man in Westdeutschland bereits unter einer Art Terror der Nachrichtenmagazine? "Das wäre dann freilich eine jämmerliche Sorte von demokratischer Freiheit."

Drei Tage später - zur Ehre der Zunft sei es gesagt - entgegnete ihm sein Bonner Kollege Karl Dietrich Bracher in einem weiteren FAZ-Leserbrief, Ritter rechtfertige "den verhängnisvollen traditionellen Obrigkeitsstaat in Deutschland auf Kosten der Demokratie, in der wir eben die ersten Schritte tun". Dies degradiere den Bürger zum Untertan und unterwerfe die Prinzipien der Demokratie der Ordnungs- und Militärverteidigung.

Ende November oder Anfang Dezember hielt ich auf Einladung des Politologen Arnold Bergsträsser an der Freiburger Universität einen Vortrag über die Spiegel-Affäre. Der angekündigte Titel: Regierungskrise, Staatskrise oder Krise des Staatsbewußtseins? Die Aula war voll besetzt. In der vordersten Reihe saß Gerhard Ritter, den ich als Autor einer großen Biografie über den Leipziger Oberbürgermeister und späteren Nazigegner Carl Goerdeler hoch schätzte. Als ich sagte, die Spiegel-Krise habe die Verfassungsunsicherheit der Staatsverwalter und ihr anachronistisches obrigkeitsstaatliches Denken zutage gefördert, wir hätten eine Regierungskrise und daher eine potenzielle Staatskrise, erhob sich Ritter demonstrativ und stelzte steifbeinig aus dem Saal. Im Hinausgehen hörte er wohl noch meine Feststellung, wir hätten mitnichten eine Krise des Staatsbewusstseins - dieses sei durch die Affäre vielmehr geweckt und geschärft worden.

So war es in der Tat. Die öffentliche Empörung schwemmte Strauß aus dem Amt: Die FDP zog ihre Minister aus dem Kabinett zurück und weigerte sich, in die Regierung zurückzukehren, falls der Bayer in der Ermekeilkaserne bleibe

an seine Stelle trat Kai Uwe von Hassel. Nach vier Wochen endete die Besetzung der Spiegel-Redaktion. Die Verhafteten wurden einer nach dem anderen entlassen. Am längsten saß Rudolf Augstein. Er kam, 15 Pfund leichter, erst nach 103 Tagen wieder frei

Hans Schmelz nach 81, Ahlers nach 56 Tagen. In immer neuen Gutachten schrumpften die Verdachtsmomente gegen den Spiegel von Jahr zu Jahr stärker zusammen. Das Gerichtsverfahren ging aus wie das Hornberger Schießen. Am 5. August 1966 zog das Bundesverfassungsgericht einen Schlussstrich: Alle Beschuldigten wurden außer Verfolgung gesetzt - übrigens auch Hamburgs Innensenator Helmut Schmidt.

Schmidt - seit der Veröffentlichung seines Buches Verteidigung oder Vergeltung Deutschlands sachverständigster Wehrpolitiker - war damals erst eine halbe Stunde vor Beginn der Aktion unterrichtet worden und hatte später sein Befremden darüber kundgetan. Aber er war selbst ins Visier der Ermittler geraten. Einige Monate vor Erscheinen des Artikels Bedingt abwehrbereit hatte ihm Ahlers einen ersten Entwurf vorgelegt. Schmidt riet Ahlers, überprüfen zu lassen, ob einige Punkte nicht geheimhaltungsbedürftig seien. Daraufhin wandte sich Ahlers an Oberst Wicht vom Bundesnachrichtendienst. Der monierte einige Punkte, im Übrigen jedoch fand er das Manuskript in Ordnung. Dafür wurde er später verhaftet. (Strauß und Adenauer hatten zeitweise geglaubt, der BND-Chef Reinhard Gehlen habe die ganze Affäre angezettelt. Der Kanzler wollte ihn gleich im Bundeskanzleramt, im Palais Schaumburg, verhaften lassen, doch Justizminister Stammberger vereitelte dies mit dem Hinweis, dass es dafür keine rechtliche Handhabe gebe.)

Die Affäre katapultierte die Auflage des Spiegels über die Halbmillionenmarke

sie kletterte alsbald auf eine Million. Das Magazin war jetzt eine nationale Institution. Conny Ahlers wurde 1966 stellvertretender Pressechef der Großen Koalition, 1969 Regierungssprecher unter Willy Brandt.

Hans Schmelz trat in die Dienste des Staates und brachte es zum Stellvertreter des Leiters Planungsstab im Bundesministerium der Verteidigung. Siegfried Buback stieg zum Generalbundesanwalt auf

1977 fiel er in Karlruhe einem Mordanschlag der RAF zum Opfer. Helmut Schmidt wurde fünf Jahre nach der Affäre SPD-Fraktionsvorsitzender, 1969 Verteidigungsminister, 1974 Bundeskanzler.

Franz Josef Strauß aber? Sein Comeback ließ nicht lange auf sich warten. Er wurde 1966 Bundesfinanzminister, 1978 bayerischer Ministerpräsident, 1980 Kanzlerkandidat der CDU/CSU. Als Finanzminister erwarb er sich unbestrittene Lorbeeren

als Ministerpräsident prägte er das Antlitz des modernen Bayern

als Kanzleraspirant ging er gegen Helmut Schmidt ruhmlos unter. Noch in seinen Erinnerungen hielt er unbeirrt und unbekehrt an den Lügen von 1962 fest: "Ich bin damals behandelt worden wie ein Jude, der es gewagt hätte, auf dem Reichsparteitag der NSDAP aufzutreten. Es gab Anzeichen eines ausgesprochenen Massenwahns - ohne Rücksicht auf die Fakten wurde für den Spiegel und damit gegen mich agiert und agitiert. Unter einer Woge einseitiger Stimmungsmache sollte der Keim der Affäre verborgen werden, nämlich der ungeheuerliche Verrat brisanter militärischer Geheimnisse aus Augsteins Blatt."

Die letzten Tage des deutschen Obrigkeitsstaates

Einsicht war Straußens Sache nicht. Den Ruch des Unseriösen, Dubiosen, Rücksichtslosen wurde er nie ganz los. Theodor Eschenburgs Charakterisierung haftete ihm an bis ans Ende seiner Tage: "Man traut ihm alles zu, dem hochintelligenten, sehr gebildeten, willensstarken Mann. Aber das eine erwartet man nicht von ihm: den Respekt vor den rechtsstaatlichen Schranken."

In Freiburg beendete ich meinen Vortrag mit dem Satz: "Hoffen wir, dass wir in der Rückschau einmal sagen dürfen: Wir haben bei dieser Krise eine Regierung verloren, aber ein mündiges Volk gewonnen." Die Hoffnung ist in Erfüllung gegangen. Eine mächtige Freiheitsregung machte sich in unserem öffentlichen Leben bemerkbar. Das Staatsgeheimnis wurde im Strafgesetzbuch neu definiert - so, dass es die Presse nicht mehr genierte und jene "Mosaiktheorie" verworfen wurde, nach der selbst die bloße publizistische Zusammenfügung bekannter Fakten Landesverrat sein konnte. Dem Sicherheitsbedürfnis des Staates wurde kein Vorrang mehr vor den Grundrechten eingeräumt

von nun an konnte die Pressefreiheit dem militärischen Interesse an Geheimhaltung demokratische Schranken ziehen. Deutsche Richter bescheinigten Strauß, sein Vorgehen habe den objektiven Tatbestand des Amtsmissbrauchs und der Freiheitsberaubung erfüllt. Die Macht musste vor dem Recht zurückweichen.

Sieben Jahrzehnte zuvor hatte der französische Schriftsteller Anatole France über die Affäre Dreyfus geschrieben, sie habe Frankreich einen unschätzbaren Dienst erwiesen, "indem sie allmählich die Kräfte der Vergangenheit und die Kräfte der Zukunft konfrontierte und aufdeckte".

Denselben Dienst leistete die Spiegel-Affäre der jungen Bundesrepublik. Was wir damals im Pressehaus erlebten, war der Epilog auf den deutschen Obrigkeitsstaat und zugleich die Ouvertüre der modernen, freien, vom Untertanengeist entlüfteten deutschen Demokratie.