D ie Stille wird nur von einem elektrischen Anspitzer unterbrochen. Ruhe ist das oberste Gebot in Watermill, wenn an einer sechs Meter langen Tafel 40 junge Menschen neben Robert Wilson hoffen, dass ihrem Meister wieder Geniales aus dem Bleistift fließt. Ein Puzzleteil in jener großen Inszenierung, die das ganze Leben des weltberühmten Autors, Theaterregisseurs und Designers umfasst.

In Watermill befindet sich Wilsons Arbeitsstätte seit 1992. Jeden Sommer lässt er für sechs bis acht Wochen Künstler aus der ganzen Welt einfliegen, um seinen Stücken Leben einzuhauchen. Ausgesucht hat er sich dafür die Hamptons auf Long Island, eine Gegend, in der sich weiß getünchte Wochenendhäuser von New Yorker Multimillionären endlos aneinander reihen.

An dem Ort, der Spender becircen und Künstler inspirieren soll, schwebt über einer Rasenfläche von 300 Quadratmetern ein weißes Zeltdach. Hölzerne Grabwächter aus der Han-Dynastie stehen am Zelteingang, im Inneren Kupferschüsseln, groß wie Badewannen, Schränke aus Java und Shaker-Tische, auf denen Wilson in Vasen Blumen drapiert, als würde er Robert Mapplethorpe zum Fotoshooting erwarten. Über das Areal verteilt sind mehr als 100 Stühle, reihenweise Unikate. Mit einem 15-Tonner lässt er diese und andere Schätze jedes Jahr von seinem Loft in Manhattan nach Watermill karren. Seine Sammlung von Kunst- und Alltagsgegenständen ist so groß, dass er zusätzlich drei Depots anmieten musste, in Manhattan, Zürich und Paris.

Mittags tafelt man an indonesischen Holztischen, isst aus mattschwarzen Keramikschalen, mit Silberbesteck. Der Meister hasst verschiedenartige Gläser auf dem Tisch. Im Stilempfinden und in der Anordnung seiner Gegenstände ist er rigide - ohne sich jedoch an die einzelnen Objekte zu krallen. Als plötzlich ein 200 Jahre alter Kinderstuhl unter einer Journalistin zusammenbricht, seufzt Wilson nur leise: Oh no.

Viel mehr gibt Robert Wilson nicht aus seinem Inneren preis. Einer von seinen Produktionsleitern sagt, er habe Wilson nie so privat gesehen wie in jenen Sekunden, als ein prähistorischer Stein aus Indonesien angeliefert wurde und er den Deckel hob. Sein Gesicht leuchtete, aber das Leuchten dauerte nur Sekunden, dann verschwand es wieder. Die Sammelleidenschaft pflegt Wilson, seit er als Junge das erste Mal Taschengeld bekam. So schuf sich der Mann, der als Stotterer bis zu seinem 18. Lebensjahr von vielen Welten abgeschnitten war, sein eigenes Universum. Ein Universum, das ihm keine Sprache abverlangt, sondern mit ihm schweigt.

Die Leidenschaft habe ihn schon als Neunjährigen gepackt, sagt Wilson. Sein mittelloser Onkel vermachte ihm einen seiner wenigen Shaker-Stühle, den ihm sein kleiner Cousin jedoch sofort wieder entriss. Eine Initialzündung, sagt Wilson, verschließt sich aber weiterer Ursachenforschung. Stühle liebe ich, genau wie Leitern, weil sie poetisch sind und viele Bedeutungen haben.

Robert Wilson verwehrt sich gegen Fragen nach seiner Kindheit oder nach den Wurzeln seiner Leidenschaft, auf der Bühne wie dahinter.