Ich wollte schon immer sein wie andere Menschen, wollte haben, was sie hatten, ihr Leben leben. Das heißt, ich wollte nicht ihr Leben leben, sondern sie lebten meins. Sie waren Figuren, die auf Feldern standen, auf denen ich hätte stehen müssen. Ich wusste nur nicht, ob ich das Geschick und das Glück haben würde, bis dahin zu kommen. Oder ob dieses Leben mich vorher rausschmiss. Ein Wettlauf. Eine stete Verwandlung. Ich war immer auf dem Weg, ein anderer zu werden. Ich war in meiner Welt, unter meinen Freunden, nicht zu Hause. Sie waren eigentlich nicht einmal meine Bekannten, denn sie kannten mich nicht. Und meine wirklichen Freunde kannte ich noch nicht. Ich sprach nicht meine Sprache, trug nicht meine Kleider. Irgendwo wartete das alles, die passenden Kleider, Wörter, Menschen. Ich war auf dem Weg.

Indes, es gab durchaus eine Zeit innerer Ruhe und Identität. Anfangs schien mir alles erreichbar, und von Neid konnte keine Rede sein. Mit zweieinhalb bekam ich Ärger in sämtlichen Sandkästen des 8. Arrondissements. (Falls Sie jetzt neidisch werden: Ich war mir damals nicht bewusst, dass es sich um Pariser Sandkästen handelte. Ich hätte auch den Vergleich zu den Sandkästen in Deutschland nicht herstellen können, da ich mich an mein Leben in Deutschland nicht erinnerte.) Auslöser des Sandkastenkrieges war folgender sich wiederholender Vorgang: Ich stürmte auf die Franzosen zu und riss ihnen Eimer und Schaufel aus der Hand. Worum ging es? Habgier? Gewiss. Aber Neid?

Nein.

Ich begehrte ein Ding, ohne mich in den Menschen hineinzuversetzen, der (noch) sein Glück darin fand. Und ich glaubte an die Einheit von Wunsch und Erfüllung. Dazwischen zu unterscheiden lernte ich erst später, so wie zwischen Heute und Morgen, mir selbst und den anderen. Erst dann wurde es schmerzhaft: Die Fantasie ließ mich ein anderer sein, die Gegenwart, in der ich erwachte, nicht. Aus Begierden wurden Sehnsüchte. Aus den Sehnsüchten, blieben sie unerfüllt, Hass auf mich und andere. Was ich dagegen im Sandkasten tat, war ein ressentimentfreies, kindlich-caesarisches Kommen, Sehen (wenn nötig: Hauen) und Greifen. Für kompliziertere Gefühle waren noch unsere Mütter zuständig.

Doch mit der Zeit holten wir Kinder auf. Und sobald die Fantasie uns ein anderer sein ließ, waren wir fast nie mehr wir selbst. Außer wenn Eltern oder Lehrer uns zwangen (meist indem sie unseren Namen riefen: Sven, kommst du mal! Steigerung: Sven Hil-len-kamp, wenn du glaubst ...). Dann konnten wir es nicht erwarten, hinauszulaufen und wieder jemand anderes zu sein. Wir wechselten die Rollen, oft stündlich. Ich wechselte von Moses zu Mick Jagger und von Bud Spencer zu Didi Hallervorden. Für Winnetou, lange Zeit mein Favorit, besaß ich den gar originalen beige-grünen Indianeranzug und die Silberbüchse. Für Mick, der ich oft vor dem Spiegel meines Kleiderschranks war, hatte ich immerhin die passende Frisur. Didi war ich in gespielten Witzen, und für Bud langte dieses gewisse Räuspern, das allen Respekt einflößte. Nur bei Moses konnte ich der Fantasie nicht durch Imitation auf die Sprünge helfen. Vielleicht war mir deshalb klar, mehr noch als beim Rockstarsein oder meiner Komikerexistenz, dass das Völkerretten zu warten hatte, bis ich das Erwachsenenalter erreichte.

Als Kind wollte ich Winnetou sein und war nur selten ich selbst

So war die Kindheit ein langer Traum, unterbrochen nur von kurzen Wachphasen.