Wenn die Dämmerung am Samstagabend die Turmspitzen der Stalin-Hochhäuser und Konzernzentralen verhüllt, gehört Moskau der Jugend. Die Metro verteilt die Lebensgierigen in alle Ecken der Stadt, Stimmen säuseln verheißungsvoll in den Straßen. Vor dem Klub Jet Set dehnen die Türsteher ihre Finger, dass die Knöchel knacken, im "Dritten Weg" schließt der unrasierte Hausherr Boris für die Musiker seine Wohnung auf, und an der Twerskaja-Straße steigt Lena mit ihrem Leibwächter in den Mercedes. Sie fährt in eine Nacht, die kaum vor sechs Uhr enden wird. Moskaus Jugend ist lebenslustig. Die jungen Frauen und Männer haben vor gut zehn Jahren ohne eigenes Zutun eine neue Freiheit geschenkt bekommen, und sie haben allerhand miterlebt: Das unbesiegbare Sowjetreich brach zusammen, die russische Armee schoss das Parlament in Brand, der Raubtierkapitalismus hielt Einzug. Mit den Verwerfungen dieser Zeitenwende musste die Generation der 18- bis 28-Jährigen allein fertig werden. In der Provinz des weiten Landes stapfen die Jugendlichen oft chancenlos dem Tempo der neuen Epoche hinterher. In Moskau oder Sankt Petersburg aber halten die meisten Schritt. Viele mühsam, manche spielerisch.

Lena gehört zu den Gewinnertypen. Die 28-jährige Moskauerin ist hübsch und vor allem erfolgreich. "Geld bedeutet Unabhängigkeit", sagt sie, "gerade auch von den Männern." Die Juristin verkörpert eine durchsetzungsfähige und weltoffene Großstadtjugend. "Nur die Faulen und Unfähigen können in Moskau kein Geld verdienen", sagt Lena. Vor Jahren hat sie das Leben einer reichen Ehefrau geführt - zwischen mittäglichem Frühstück, Schönheitssalon und Boutiquenbummel. Abends wartete sie auf den Mann, der sie kaum eines Blickes würdigte. Als Wiedergutmachung legte er ab und zu ein Bündel Geld für ein neues Auto auf den Tisch. Lena stieg aus der Ehe aus, nutzte die neuen Möglichkeiten des Kapitalismus und gründete eine Anwaltsfirma.

"In dieser Gesellschaft konnte ich mich frei entwickeln, viel Geld verdienen und überall hinreisen", erzählt sie und ruft mit dem Handy ihren Bodyguard an, der in einer schwarzen Limousine vor der Tür wartet, er solle ihr eine Jacke bringen. "Sicherlich lebe ich risikoreicher", sagt sie. Vor kurzem hat ihr der Gegner eines ihrer Mandanten mit dem Tod gedroht - wirtschaftliche Auseinandersetzungen in der Ölbranche, im Handel mit Edelmetallen und bei der Kontrolle profitabler Unternehmen werden zuweilen mithilfe von Auftragsmorden bereinigt. Lena muss ihr Leben bewachen lassen und ist trotzdem zufrieden: In der Sowjetunion hat sie nur eine Hand voll Rubel bekommen, heute leistet sie sich eine Immunsystemkur inklusive Blutsäuberung für mehr als 3000 Dollar.

Privatklub mit Walzermusik und Nebelmaschine

Einen Teil ihrer Jugend hat Lena noch in der Sowjetunion verbracht. Wenn sie zurückblickt, halten sich Nostalgie und Schauder die Waage. Bei manchen ihrer Altersgenossen, sagt Lena, sei die sowjetische Mentalität keineswegs verloren, die Eltern gäben sie an ihre Kinder weiter. "Viele junge Leute sitzen nur da und warten darauf, dass ihnen alles im Leben gebracht wird."

Sonntagnachmittags schaut Lena sich gern alte Filme aus den fünfziger und sechziger Jahren an, in denen sozialistische Menschen strahlend und ohne Selbstzweifel ideale Taten vollbringen. Und das Gefühl, dass überall nur Gutes walte, wie die Filme es vermitteln, gibt ihr die Wärme und Geborgenheit ihrer Kindheit zurück. Montags darf sie keine Schwäche mehr zeigen: "Wenn ich einfühlsam bin, werde ich gefressen."

Samstagabend, kurz vor Mitternacht, fährt Lena in den "Salon". Der Privatklub liegt über der Fußgängerzone Arbat, wo Breakdancer am Puschkindenkmal für Geld ihre headspins vorführen. Den Klub hat ein befreundeter Mäzen finanziert, der seinen Möbelhandel erfolgreich etablierte und nun gegen Langeweile in seinem Leben ankämpft. Der Besucher betritt in einer Wohnung im fünften Stock eine wunderliche Welt: Dicke Kerzen flackern auf dem Boden, schwere Samtvorhänge bilden einen Korridor und werden mit Lichtpunkten bestrahlt. Wer die Vorhänge durchteilt, betritt rechterhand eine mit silbrig schimmerndem Zelttuch verkleidete Grotte, deren Wände in rot strahlende Lavaspalten aufzubrechen scheinen. Auf dem Glastisch stehen Sektgläser und ein Früchtekorb. Sphärische Musik wabert durch den Raum. Auf weißen Sofas sitzen junge Männer und Frauen. Sie wirken gelangweilt und erwartungsvoll zugleich. Einzig der Tretmülleimer in der Ecke erdet das Etablissement ein wenig.