In den letzten Jahren hat sich in Deutschland ein auffälliger Wandel des "Zeitgeistes" vollzogen, den man als die Rückkehr einer konservativen Agenda in die gesellschafts- und kulturpolitische Debatte bezeichnen könnte. Dieser Wandel geht quer durch die politischen Lager und Parteien, von rechts bis links in der Tat ist das Ausmaß des Konsenses, der in vielen Grundfragen auf einmal zu herrschen scheint, verblüffend. Es geht um die Wiederentdeckung und Hochschätzung von Werten und Konzepten, die vor nicht allzu langer Zeit als verstaubt, altmodisch, überholt, als "konservativ" im schlechten Sinne oder gar reaktionär gegolten hatten. Die Unionsparteien haben sich diesen Zeitgeistwandel bisher kaum zunutze machen können. Nach ihrer Wahlniederlage allerdings und auf der Suche nach einem zeitgemäßen Profil sollten sie sich damit vielleicht einmal etwas näher befassen. Die neue Konservativität kann man an vier Beispielen verdeutlichen.

Erstens: die Wiederentdeckung der Familie als Grundeinheit der Gesellschaft und Gegenstand der Politik. In den achtziger und neunziger Jahren konnte man glauben, Familie - ob mit verheirateten oder unverheirateten Eltern - werde zu einem Sonderfall sozialer Lebensformen, den sich nur noch wenige und dann auch nur für begrenzte Zeit zumuten wollten. So, wie sich in den vergangenen Jahrhunderten schon viele traditionelle Sozialsysteme und Bindungsformen aufgelöst hatten, schien auch die Familie im Grunde ein Relikt einer vorindividualistischen Gesellschaftsordnung zu sein. Erst in der radikalen Unabhängigkeit des Individuums und seiner "Selbstverwirklichung" konnte sich demnach das Versprechen der Moderne erfüllen. Hier hat sich ein fundamentaler Wandel angebahnt. Es ist deutlich geworden, dass eine Gesellschaft als Single-Gesellschaft nicht existieren kann. Sie kann es demografisch ohnehin nicht, sie kann es schon mittelfristig finanziell nicht, sie kann es aber vor allem moralisch nicht. Kinder und die Verantwortung für ihre Erziehung gewinnen wieder ihren Stellenwert zurück.

Zweitens: die Wiederentdeckung von Ethik und Religion. Lange Zeit schien es so, als sei das Verschwinden der Religion, einschließlich religiöser oder quasireligiöser Ethiken, nur noch eine Frage der Zeit. Bestenfalls eine radikale Privatisierung der Religion werde übrig bleiben im weiteren Verlauf einer Modernisierung, die schon seit vielen Jahrhunderten immer auch Säkularisierung, Verweltlichung, gewesen ist. Inzwischen hat nicht nur die Existenz des islamischen Fundamentalismus deutlich gemacht, dass mit Religion auch in der Politik des 21. Jahrhunderts zu rechnen ist. Wichtiger noch, in unseren "hausgemachten" Problemen wie der Entwicklung der Gen- und Biotechnologie empfinden wir das Bedürfnis nach einer religiösen Vergewisserung über die Grundlagen des menschlichen Lebens. Jürgen Habermas hat in seiner Frankfurter Friedenspreisrede mit Blick auf den 11. September ebenso wie auf die Gentechnik von der "postsäkularen Gesellschaft" gesprochen.

Drittens: das Bedürfnis der Bürger nach innerer und privater Sicherheit.

Lange Zeit ist übersehen worden, dass die Sicherheit des Bürgers und nicht zuletzt sein subjektives Sicherheitsgefühl die unverzichtbare Grundlage einer stabilen Ordnung gerade auch in der Demokratie sind. Im Ursprung der modernen Staatstheorie steht Thomas Hobbes' Leviathan: der Staat, der die Bürgerkriegsparteien in Schach hält und jene Befriedung und Sicherheit gewährleistet, ohne die eine freie Entfaltung bürgerlichen Handelns nicht möglich ist. Gerade in Deutschland haben wir genügend Erfahrungen mit einem "Leviathan" gemacht, der zum autoritären Staat, zum Polizeistaat, zum Staat der Diktatur geworden ist. Auch deshalb haben sich viele gescheut, die staatlich garantierte Befriedung der Gesellschaft zu groß auf die Fahne zu schreiben. Inzwischen hat sich aber herausgestellt, dass auch die "Zivilgesellschaft" nicht ohne diese elementare Sicherheitsfunktion auskommen kann.

Viertens: die Kritik der neuen Massenkultur. Wir alle sind Traumatisierte einer Kulturkritik - einer Kulturkritik der Moderne, die lange Zeit, besonders vom späten 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, zum Fundament des konservativen Denkens gehörte. Kulturelle Innovationen wurden skeptisch beargwöhnt oder sogar politisch bekämpft, von der expressionistischen Kunst bis zur Jazzmusik. Das galt besonders, wenn diese Innovationen aus dem Westen, zumal aus Amerika, kamen. Schließlich haben wir, zum Glück, die Verwestlichung akzeptiert und mit ihr eine innovative Kultur der Moderne, die immer wieder Grenzen überschreitet. Dabei ist jedoch ein Gefühl dafür abhanden gekommen, dass bestimmte Formen der populären, der Massen- oder Jugendkultur den Grundwerten einer freiheitlichen und zivilen Gesellschaft massiv zuwiderlaufen. Inzwischen findet auch hier ein Stimmungswechsel in eine Richtung statt, die man früher nur als konservativ denunziert hätte. Es wird wieder möglich - und vielleicht sogar nötig - "Kulturkritik" zu betreiben, also ein urkonservatives Geschäft wiederzubeleben diesmal jedoch nicht gegen Demokratie und liberale Ordnung, sondern in ihrem Interesse und zu ihrem Schutz.

Was ist der gemeinsame Nenner dieser vier Beispiele? Die Veränderungsdynamik der modernen Gesellschaft macht eine politische Agenda wieder aktuell, die sich aus den Traditionen des Konservativismus herleiten und begreifen lässt.