Ich wurde gerade 13, als Leonid Iljitsch Breschnew den sympathischen, aber etwas ungebändigten Bauern Nikita Sergejewitsch Chruschtschow an der Macht im Kreml ablöste. Das war 1964, alle freuten sich über den Beginn einer Ära, die heute unter den Jugendlichen ein wenig verklärt wird.

Seit meiner Kindheit war ich an Politik sehr interessiert. Mein Großvater brachte mir das Alphabet anhand der Prawda bei. Änderungen im politischen Klima der Sowjetunion vermochte ich so schon recht deutlich wahrzunehmen, ich wurde fortan nicht mehr weggeschickt, wenn in unserem Haus Erwachsene über Politik diskutierten. Freilich hatten meine Eltern vor uns auch nichts mehr zu verbergen, denn das Leben wurde mit jedem Tage besser.

Meinen Aufsatz in den Abschlussprüfungen habe ich über ein freies Thema geschrieben. Ich wollte mich mit der Rolle des jungen Lenin in der sowjetischen Gegenwartsliteratur befassen und ließ meiner Begeisterung für die Person des jungen Revolutionsführers freien Lauf. Nach der Notenvergabe fühlte sich die Klassenlehrerin anscheinend verpflichtet, meine Arbeit vor der ganzen Klasse vorzulesen - mein aufrichtiges kommunistisches Pathos rührte sie sichtlich zu Tränen.

Ein anderes und vor allem turbulenteres Leben eröffnete sich mir erst in Moskau, wohin ich zum Studium ging. Auf den offiziell genehmigten Studentenpartys in der weiträumigen Kantine im ehemaligen Gebäude des Pagen-Corps, wo nun die elitäre Moskauer Hochschule für Internationale Beziehungen hauste, dröhnten einmal im Monat Yellow river, yellow river und natürlich die Beatles-Melodien.

Manche Mitstudenten, es waren die Diplomatenkinder, brachten von ihren Sommerferien-Aufenthalten in den Auslandsbotschaften immer die neuesten Veröffentlichungen der westlichen Pop- und Rockmusik mit. Kurz vor Ende der Semesterferien luden sie zu einer Party in der elternfreien Wohnung ein, die Einladungen waren sehr begehrt.

Moskau bot dem Provinzler zu dieser Zeit eine berauschende Vielfalt an Ereignissen, die oft eng an die Grenze des Erlaubten gingen: Fast jeder Premierenbesuch in den Taganka- oder Sowremennik Theatern kitzelte in den siebziger Jahren die noch schlummernden Dissensgefühle der Studentenseelen.

Bei Bier und Wodka führten wir nächtelang feurige Diskussionen in unseren Wohnheimzimmern. So etwas wäre in einer sozialistischen Industriestadt wie Minsk undenkbar gewesen.