Die Sache sei nämlich die, dass dieses Jahr für ihn sowieso eher ungünstig verlaufen sei, sagt Herr Pietsch aus dem ersten Stock und stellt eine Thermoskanne Kaffee auf den Tisch - Sahne? Gerne. Er bringt ein Fläschchen Bärenmarke aus der Küche. Wir haben uns nach 17 Jahren hier getrennt. Ich lebe seit dem Frühjahr also alleine. Die Trennung war drei Monate vor dem Ereignis, das spielt alles zusammen. Tagsüber geht's mir eigentlich immer gut, aber am Abend fühle ich mich alleine hier drin. Und dann ist noch dieses Ereignis hinzugekommen.

Wie soll man es nennen? Überschwemmung wäre übertrieben, weil seine Wohnung ja trocken geblieben ist. Hochwasser klingt zu harmlos, weil zwei seiner Nachbarn darin ertrunken sind. Also spricht er von dem Ereignis oder vom 7.

Juni so ähnlich wie der Rest der Welt vom 11. September.

Ihr Name steht noch an der Klingel. Die Bilder, die seine Frau ausgesucht hat, hängen noch an der Wand. Aufbäumendes Einhorn vor Wasserfall, geblendet von einer weißen Sonne. Auch das Dutzend Stofftiere, die vom Sofa auf den Fernseher glotzen, sind wohl von ihr. Vermutlich sollten sie ihr Gesellschaft leisten. Er war ja viel zu selten da. Im Nachhinein war das ein Fehler - obwohl ich immer mal wieder einen Warnschuss gekriegt hab: >Ich bin hier nicht die Putzfrau.< Ich hab trotzdem gelebt wie ein Single.

Über die fröhliche Fußmatte mit dem Aufdruck Hereinspaziert ist sie dann gegangen, im März, ist ausgezogen aus der Wohnung, die sie sich vor 15 Jahren zusammen gekauft haben. 87,6 Quadratmeter, drei Zimmer, eine Zurückziehstätte, zehn Kilometer hinter Augsburg, Top-Lage, am Stadtrand, naturnah: geschafft.

Ein Bächlein, dessen Glucksen das Leben so schön heimelig machte

Es ist bei uns noch nie ein böses Wort gefallen. Solche Trennungen gibt's sonst nur im Film. Das glauben mir auch Bekannte nicht. Ich meine, sie wäscht bis heute meine Wäsche, sie bügelt meine Wäsche, man hilft sich gegenseitig.