Schon Carl von Clausewitz, der geniale Stratege (1780 bis 1831), hat es gesagt: Zeige mir dein Feldlager, und ich sage dir, wes Landes Soldat du bist. Gut, er hat es nicht ganz so formuliert. Genau genommen hat er es gar nicht gesagt. Aber das Entscheidende ist doch: Er hätte es tun können, ja, er hätte es ohne jeden Zweifel getan, hätte er bloß die Gelegenheit gehabt, die Garnison des UN-EU-Nato-Protektorats im kosovarischen Prizren zu besuchen und dort die Camps der Deutschen einerseits und der Österreicher und Schweizer andererseits zu inspizieren.

Die Deutschen, seit dem Nato-Luftkrieg von 1999 an der Spitze der multinationalen Brigade, die im Südsektor des Kosovo für Frieden und ein bisschen Ordnung sorgt, haben sich in die Einsicht gefügt, dass ihr Aufenthalt in der nominell zu Serbien gehörenden, aber (zumindest wenn es nach der albanischen Mehrheit geht) weiterhin nach staatlicher Unabhängigkeit strebenden Provinz wohl oder übel von gewisser, um nicht zu sagen von ungewisser Dauer sein wird. Vorbei die Tage, da die Mannschaften hinter Sandsackmauern zelteten und die Stabsoffiziere unter staubigen Gummipalmen in der stillgelegten Textilfabrik Progres hin- und hereilten. Inzwischen hat man sich auf dem weitläufigen Gelände einer ehemaligen Kaserne der jugoslawischen Volksarmee mit gewohnter Gründlichkeit bis auf weiteres eingerichtet.

In den Zelten der Grünen Villa mit dem launigen Schrebergartentor stehen nur noch die Spinde der Ortskräfte. Die meisten der rund 4400 Soldaten sind untergebracht in Etagenfertighäusern: in Reih und Glied den Hügel entlang gestaffelt, so gesichtslos, dass sie (wären sie nicht erkennbar fabrikneu) in jeder bundesdeutschen Kaserne zwischen Glücksstadt und Penzing stehen könnten. Die anderen hausen (zu drei Mann pro Stube) in Wohncontainern, ein jeder davon mit eigener Satellitenschüssel, stramm in Richtung Heimatsender salutierend.

Ein Hang zu solider Qualität, ja zum verhalten Festlichen, immerhin, ist im Speisezelt zu erkennen: Wo Streitkräfte anderer Nationen unter Baumarktfunzeln oder sirrenden Neonröhren Essen fassen, lassen bei der Bundeswehr doldenförmige Lüster mit mondschimmernden Leuchtgloben mildes Licht auf blank gewienerte Tischplatten fallen, eine jede mit ihrem Nylonblumentopf. Doch überall sonst herrscht das, was der besagte Militärtheoretiker einst als den trockenen Ernst der Notwendigkeit bezeichnet hat - sogar die Schatten spendende Laube im Freizeitbereich wurde aus Tarnnetz gemacht, die Tische aus entsorgten Kabelrollen.

Wie anders ist da Camp Casablanca, das Lager, in dem die Österreicher und Schweizer sich etabliert haben (samt ein paar Dutzend Ost- und Ostosteuropäern wie Bulgaren, Georgiern und Aserbajdschanern). Kein Fertighaus weit und breit. Aber: Was man aus Containern und ein paar Klaftern Holz alles machen kann, wenn man nur über entschlossenen Gestaltungswillen verfügt und ein unverkrampftes (Exbundespräsident Roman Herzog) Verhältnis zu den tradierten Ausdrucksformen der eigenen Ethnizität (vulgo: Folklore) hat!

Geranienkästen und karierte Gardinen im Camp Casablanca So werden die Container hier nicht etwa nur zu Blöcken gereiht und gestapelt wie bei den Deutschen. Nein, in der austrohelvetischen Version ist jeder Block mit einem gewaltigen Satteldach versehen, jedes Stockwerk hat einen eigenen rundlaufenden Balkon und unter den Fenstern: jawohl - Geranienkästen.

Die Schweizer, in einem Akt inneralpinen Auftrumpfens, haben bei ihrer Truppenbar noch eins draufgesetzt: Die gesamte Fassade ist zünftig mit Holz verkleidet, kupferne Regenrinne und Fensterklappen inklusive drinnen sorgen rot-weiß karierte Gardinen und Tischdeckchen für das angemessene Alpenhütten-Feeling. Auch im Freien gilt: Ornament ist kein Verbrechen, der ziersteingesäumte Weg zum Containereingang windet sich höchst gefällig um ein kleines Pflanzrondell (für die Schönheitslinien gibt es keine Abszissen und Ordinaten, Vom Kriege, III. Buch, 14. Kapitel).