In diesem Jahr war die Nummer mit dem Rinderschädel der Aufreger in Donaueschingen. Der Aufreger ist ja meistens nicht das beste Stück bei den Musiktagen, aber er bietet den schönsten Gesprächsstoff für die abendlichen privaten Expertenrunden. Das hatten wir nämlich noch nie: dass der Dirigent als zotteliger Schamane mit einer Monsterkopfmaske auf der Bühne steht und zwei schöne, in jungfräuliches Weiß gekleidete Tänzerinnen das archaische Kunst-Urtier für uns schlachten. Wie ein atavistischer Tambourmajor hatte der Dirigent die eigenwillige musikalische Naturbeschwörung stampfend mit einem großen Fransenstock in Gang gesetzt. Blechbläser und Kontrabässe grummelten in den allertiefsten Lagen, Schlagwerksalven dröhnten, Klavierclusterklänge detonierten. Bis die grazilen Tänzerinnen irgendwann nach den langen Baumäxten griffen, ein auf dem Dirigentenpodest abgelegtes Rinderschädelskelett krachend zerschmetterten und die Knochensplitter dem Publikum wie bei einer Kommunion in stiller Andacht kredenzten.

Sehr gewagt, so ein Gottesdienst in der falschen Kirche. In Donaueschingen kann man nicht ungestraft ein Abendmahl der Vormoderne feiern und die Voodoo-Trümmer eines primitivistischen Ritus als neue Hostien verteilen. Die Musiktage fühlen sich wie kein zweites Festival auf der Welt den Errungenschaften der musikalischen Moderne verpflichtet hier wird noch unverbrüchlich an das Neue in der Neuen Musik geglaubt. Deshalb sieht man die Zuhörer schon höhnisch auflachen und ratlos die Köpfe schütteln, noch bevor die Komposition in unregelmäßigen Schlagzeugschüben verröchelt. Hastig leert sich am Ende nach einem kurzen, müden Beifall der Saal, nicht einmal zu einem Buh für den Komponisten reicht es. Das ist in Donaueschingen traditionell die Höchststrafe.

Nun ist Schatten vergessener Ahnen des exilkubanischen Komponisten George Lopez, der als Einsiedler in den Oberkärntner Bergen lebt, wirklich kein gutes Stück. Zu wenig Musik und zu viel krude, raunende Mystik. Lopez hat in früheren Werken großorchestral aufgeworfene, schrundig monumentale Klanglandschaften entworfen und sich in letzter Zeit mehr und mehr in den tiefen Gletscherspalten seiner Privatmythologie verloren. In seiner eremitischen Weltferne erscheint er zuallerletzt wie ein bewusst gegen den Betrieb an agierender Provokateur. Aber trotzdem hat er geschafft, was in Donaueschingen unendlich wichtig ist: Er ist mit seinem Stück im großen Rauschen der Neuen Musik - in diesem Jahr sind in zweieinhalb Tagen 21 Kompositionen erstaufgeführt worden - nicht untergegangen.

Knatternde Fehlzündungen Vielleicht wird ein bisschen unterschätzt, welche ästhetische Folgen der harte Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeitressourcen der Hörer bei einem Uraufführungsfestival hat, das so viele neue Werke in einer egalitären Dramaturgie aneinander reiht. Womöglich überlagert die Angst, nicht wahrgenommen zu werden, bei manchen Komponisten längst das Vertrauen auf die innere musikalische Stimme. Vielleicht wird das Neue in Donaueschingen (und anderswo) weniger von grenzüberschreitender schöpferischer Fantasie hervorgebracht als vielmehr vom allgegenwärtigen Originalitätsstress und dem Abgrenzungsdruck mühsam abgerungen.

Man staunt immer wieder, wie Komponisten die Musik hochrüsten, technisch und theoretisch (nachzulesen im berühmt-berüchtigten Donaueschinger Programmheftmurks) wie Videoscreens, Live-Elektronik und Raumklangkonstruktionen immer selbstverständlicher in die Musik integriert werden, ohne dass der Aufwand in allen Fällen ästhetisch gedeckt wäre.

Heillos überinstrumentalisierte Werke findet man jedes Jahr auf den Musiktagen. Die Komponisten-Ich-AG muss auf Teufel komm raus florieren, und das Neue ist der hart erarbeitete Mehrwert, der eine gute Performance im Nemax der zeitgenössischen Musik verspricht.

Kaum zu glauben, was da inzwischen so alles an der Tonkunstbörse notiert wird. Da ist zum Beispiel der Holländer Jaap Blonk, der sich als Mundklangkünstler bezeichnet und auf seinem "Wangensynthesizer" spielt. Die Finger drückt er sich ins Gesicht und lässt die Luft durch ungeahnte Kanäle geräuschvoll entweichen. Mit hochrotem Kopf, laut sprotzend, beherrscht er Motorklanggeräusche quer durch alle Hubraumklassen, nach Bedarf auch polyfon geschichtet und von knatternden Fehlzündungen durchsetzt. Er versteht es, ganz weit hinten im Schlund klangschön den Auswurf zu sammeln (ohne zu spucken) und dazu gleichzeitig einen geschnalzten Rhythmus zu deklamieren.