Russlands unsäglicher Tschetschenienfeldzug, dessen zweite Auflage nun schon in den dritten Winter geht, hat sich nie auf die kleine Kaukasusrepublik im Süden des Landes beschränkt. Schon im Juni 1995 hatten rund 100 tschetschenische Freischärler ein Krankenhaus im südrussischen Budjonnowsk besetzt und 1000 Geiseln genommen. Der ungestüme Einsatz der russischen Sicherheitskräfte scheiterte und kostete damals 121 Menschen das Leben. Erst ein ausgehandelter Waffenstillstand rettete die übrigen Geiseln. Der Anführer der Terrorrebellen, Schamil Bassajew, hatte wenige Tage zuvor seine Familie im Bombenhagel russischer Luftstreitkräfte verloren.

Nun ist der Krieg also in der Hauptstadt der Russischen Föderation angekommen. Eine merkwürdige Stille überzog die Metropole, als die ersten Meldungen über die Geiselnahme von rund 800 Musical-Besuchern das abendliche TV-Programm unterbrachen. "Wie damals 1991 beim Putsch", empfanden viele Moskauer die angespannte Stimmung in der Stadt. Die dramatischen Ereignisse schienen dem Zehn-Millionen-Moloch plötzlich den Atem zu nehmen. Auf den Straßen war es ruhiger als sonst, die Menschen wirkten nachdenklich, schweigsam, scheu.

In Moskau sind Musicals derzeit der große Renner. Russifizierte Adaptationen der Welterfolge "Paris de Notre Dame", "Chicago" und "42nd Street" spielen meist vor ausverkauftem Haus. Doch der Hit der Saison war "Nord-Ost", ein russisches Eigenprodukt um einen Flugkapitän, der die weite Welt erkunden will. Das Stück basiert auf dem Roman "Zwei Kapitäne", für den Autor Weniamin Kawerin 1946 den Stalin-Preis erhielt. Spektakulär an dem Musical war vor allem die Bühnenshow, bei der Straßenbahnen und Züge über die Bühne gondeln und ein echter Jagdbomber vor den Augen des Publikums landet. Für das obligatorische Happy End sollte die Liebe zwischen dem Flieger Alexander und der Forschertochter Katja sorgen. Aber aus der Lovestory wurde nichts.

Eine offenbar neue Generation tschetschenischer Rebellen hat der Weltöffentlichkeit gezeigt, wie sehr Moskaus Kaukasuspolitik in der Sackgasse steckt. Erst 23 Jahre alt war Mowsar Barajew, der Anführer der spektakulären Geiselnahme im Herzen der russischen Hauptstadt. Zu seinen Kampfgefährten zählten blutjunge Witwen, die ihre Männer im Krieg verloren und selbst daher nichts mehr zu verlieren hatten.

Noch vor einer Woche hatte der tschetschenische Duma-Abgeordnete Aslanbek Aslachanow bei einem Meeting des Komitees der russischen Soldatenmütter von der Regierung gefordert, so schnell wie möglich Friedensgespräche aufzunehmen. "In fünf Jahren müssen wir mit jungen Menschen verhandeln, die nur den Krieg kennen und in einem Klima des Hasses gegen Russland aufgewachsen sind. Dann finden wir erst Recht keinen Kompromiss", ahnte der Parlamentarier. Die Realität war schneller als seine Befürchtungen, die verlorenen Kinder Tschetscheniens hatten bereits das Theater an der Melnikow-Straße vermint.

Zwar ging das Drama schneller und unblutiger aus, als viele befürchtet hatten. Aber nicht nur der ominöse Gaseinsatz und die brutale Hinrichtung der schlafenden Terroristen stellt den vermeintlichen Erfolg des Kreml in Frage. Denn Moskau reagierte nach dem "Sieg", wie Moskau immer reagiert. Spezialeinheiten verstärkten erneut ihre berüchtigten Streifzüge durch tschetschenische Dörfer, obwohl bei diesen offiziell "Säuberungen" genannten Aktionen vor allem die Zivilbevölkerung leidet. Außerdem haben russische Panzer gleich nach der Erstürmung des Musical-Theaters drohend Flüchtlingslager in Inguschetien umstellt, maskierte Soldaten durchkämmten daraufhin die Zeltcamps nach verdächtigen Terroristen. Auf dem Nährboden solcher Kampagnen gedeihen die neuen Bassajews und Barajews. Moskaus Reflex erinnert immer stärker an den Nahen Osten, wo Gewalt und Gegengewalt sich zu einer endlosen Spirale winden.

Friedensverhandlungen scheinen für Putin keine Alternative zum zermürbenden Partisanenkrieg in den Bergen Tschetscheniens. "Die Generäle sind nicht an einem Ende des Krieges interessiert, und gerade sie haben großen Einfluss auf Putin", meinte Ida Kulina vom Koordinierungsrat der Soldatenmütter. "Er braucht die Militärs als Rückhalt bei den bevorstehenden Wahlen."