Bayerische Skandale werden gern mit dem Etikett "Amigo-Wirtschaft" versehen und als Folklore abgetan. Die Sache Oberreuter aber, über die der Bayerische Verwaltungsgerichtshof dieser Tage sein Urteil sprechen wird, sollte ernster genommen werden. Es geht um einen Eingriff in die Hochschulautonomie, der in der bundesrepublikanischen Geschichte seinesgleichen sucht. Ob Wissenschaftsminister Hans Zehetmair die treibende Kraft ist oder von höherer Warte getrieben wird, ist bis heute nicht klar.

Gegenstand der Begehrlichkeit ist das politikwissenschaftliche Institut der Münchner Universität, das renommierte Geschwister-Scholl-Institut (GSI), eine Gründung des Remigranten Ernst Voegelin aus dem Jahr 1958. Das GSI bildete unter der Leitung des späteren Kultusministers Hans Maier (CSU) in den sechziger und siebziger Jahren das totalitarismuskritische Widerlager zu dem von 1968 inspirierten Berliner Otto-Suhr-Institut (OSI). Nach Jahren der Vakanz wurde 1999 am GSI ein C-4-Lehrstuhl mit dem Schwerpunkt Vergleichende Politikwissenschaft westlicher Demokratien ausgeschrieben. Von 42 Bewerbern kamen fünf in die engere Wahl, am Ende wurde im Jahr 2000 dem Minister Zehetmair von der Universität, wie üblich, eine Liste mit drei Bewerbern vorgelegt: Die Professoren Suzanne Schüttemeyer und Klaus Goetz belegten die ersten beiden Plätze. Gleichzeitig wurde ein Sondervotum zweier Professoren eingereicht, die Professor Heinrich Oberreuter von der Universität Passau empfahlen. Im Institut hielt man dies zunächst für ein Kuriosum: Der 60-jährige Oberreuter würde schon aus formalen Kriterien nicht in Frage kommen, denn die Ausschreibung war mit der Altersgrenze von 52 Jahren versehen. Es sollte schließlich um Erneuerung und Verjüngung des Instituts gehen.

Oder etwa nicht? Der Erstplatzierten auf der Berufungsliste wurde zwar seitens des Ministers Wohlwollen signalisiert, die Berufung kam aber nicht recht in Gang, sodass sich Frau Schüttemeyer im Mai 2001 entschloss, einem Ruf nach Halle zu folgen. Dem üblichen Verfahren gemäß, wurde nun der Zweitplatzierte Klaus Goetz dem Minister zur Berufung vorgeschlagen. Der Mittvierziger Goetz lehrt im Government Department an der London School of Economics, er ist Experte für vergleichende Föderalismusforschung und Fragen der Verwaltungs- und Sozialreform und würde gut zu dem Reformkonzept des GSI passen, das eine stärkere Europäisierung fordert. Ein internes Papier, in dem das Institut auf Anforderung des Ministers Vorschläge zu seiner Reform machte, empfahl Klaus Goetz. Das Papier wurde vom Minister gelobt.

Groß war daher das Erstaunen, als Zehetmair im Dezember 2001 nicht etwa Goetz, sondern Heinrich Oberreuter auf den vakanten Lehrstuhl berief: Oberreuter, den Parteifreund und Stoiber-Berater, den ständigen politischen Kommentator des Bayerischen Rundfunks, den stolzen Träger von vier Bayerischen Verdienstorden, den Leiter der Akademie für politische Bildung in Tutzing und Interimsdirektor des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts, einen viel beschäftigten und im Lande zweifellos hoch, ja alle rhöchst geschätzten Mann.

So keimte der Verdacht, das regelrechte Ausschreibungsverfahren sei eine Farce gewesen und das Ministerium habe von Anfang an Oberreuter gewollt. Der damalige Dekan der sozialwissenschaftlichen Fakultät, Hans Wagner, berichtet überdies, dass er Oberreuter nach dessen "kläglichem Probevortrag" Gelegenheit habe geben wollen, sich ohne Gesichtsverlust zurückzuziehen.

Dieser jedoch habe erklärt, das komme nicht in Frage, er werde "höheren Orts" gedrängt, sich zu bewerben, weil man von ihm erwarte, am GSI "Ordnung zu schaffen".

Der Zweitplatzierte Goetz wollte die ministerielle Missachtung der üblichen Verfahren nicht hinnehmen und klagte beim Bayerischen Verwaltungsgericht.