Das Geiseldrama von Moskau bestätigt, was seit den Selbstmord-Angriffen auf Manhattan und Washington vor einem Jahr bereits offenkundig war: Die Zeit der traditionellen Militärkonflikte zwischen souveränen Staaten mitsamt ihren rituellen Kriegserklärungen und Friedensverhandlungen scheint vorerst vorüber. Die neuen Kriege folgen anderen Gesetzen. Ihre Urheber sind meistens organisierte Kriminelle im Kostüm von Freiheitskämpfern oder Gottessuchern.

Weder haben die seit 1945 friedensgewohnten Zivilgesellschaften Europas noch hat Russland eine Strategie gefunden, um im globalisierten Kampf mit nichtstaatlichen Gegnern zu bestehen. Moskaus Krieg in Tschetschenien stellt sich als fortdauernde Niederlage aller Beteiligten, vor allem der Zivilisten dar.

Einzig die Vereinigten Staaten glauben aufgrund ihrer rüstungstechnischen Überlegenheit, dem internationalen Terrorismus vor allem mit militärischen Mitteln begegnen zu können. Seit dem traumatischen 11. September 2001 fügt sich die unbestrittene moralische Rechtfertigung von Antiterrorismus nahtlos in Washingtons machtpolitische Überlegung, die Gunst der Stunde zu nutzen, um eine globale amerikanische Hegemonie auszubauen und für immer zu sichern.

Deutlichster Ausdruck solcher Absicht ist George W. Bushs neue Doktrin des Präventivkriegs. Der Präsident beansprucht seit kurzem das Recht, in Zukunft jede mögliche Bedrohung seines Landes, ob terroristisch oder nicht, im Voraus militärisch abzuwenden. Der Herr über Krieg und Frieden in aller Welt säße fortan im Weißen Haus. Europas Unbehagen an dieser imperialen Entwicklung gilt dort als Zeichen von moralischer Entkräftung und rüstungspolitischer Schwäche.

Doch die grand strategy der Vereinigten Staaten hat inzwischen zur schwersten Krise der atlantischen Allianz seit ihrer Gründung vor mehr als einem halben Jahrhundert geführt. Die Franzosen sind im "doghouse", in der Strafecke der Bush-Administration gelandet, weil sie im UN-Sicherheitsrat der Irak-Politik des US-Präsidenten entgegentreten. Zwischen Berlin und Washington ist das Tischtuch völlig zerschnitten. Das wird es lange bleiben, mögen US-Außenminister Colin Powell und sein deutscher Kollege Joschka Fischer sich auch persönlich schätzen. Denn George W. Bush fühlt sich durch die Irak-Absage des Bundeskanzlers persönlich getäuscht.

Er reagiert so empfindlich, weil er Amerikas Sicherheitspolitik vor allem als Ausdruck eines moralisch gefestigten Antiterrorismus versteht, der sich eher zufällig mit einigen anderen nationalen Interessen (zum Beispiel denjenigen der amerikanischen Ölindustrie) deckt. Wer sich von jener Politik distanziert, handelt - in seinen Augen - unmoralisch. Denn legitime Eigeninteressen souveräner Staaten werden in Washington inzwischen am Maßstab einer neuen politischen Moral gemessen und verworfen, falls sie nicht denjenigen der USA entsprechen. Die Geschichte des Schröder-Bush-Zerwürfnisses belegt diese neue Wendung.

Im Mai 2002 hatte George W. Bush auf dem Weg nach Moskau einen Zwischenstopp in Berlin eingelegt. Seinem Freund "Gerhard" sagte er zu, dass es nicht zu einem Krieg gegen Irak kommen werde - jedenfalls nicht vor den deutschen Wahlen im Herbst. Das war auch unwahrscheinlich

denn im Sommer lässt sich in Mesopotamiens Wüste kein moderner Infanteriekrieg unter erschwerten Bedingungen führen, zum Beispiel in gummierten Schutzanzügen gegen Gasangriffe. Bush hegte offensichtlich die Vorstellung, damit ließe sich ein Präventivkrieg gegen Saddam Husseins Regime als Thema im deutschen Wahlkampf vermeiden.

Zu diesem Zeitpunkt suchten deutsche Elitetruppen streng geheim, wenn auch erfolglos, im Hindukusch nach Al-Qaida-Kämpfern, bauten Bundeswehrsoldaten in Kabul ruinierte Schulen wieder auf oder hielten die Kleinvölker des Balkans auf Distanz zueinander. In Kuwait standen deutsche ABC-Spürpanzer, am Horn von Afrika patroullierten wie vor einem Jahrhundert deutsche Fregatten auf der Jagd nach verdächtigen Schiffen. (Damals suchte man die Dhauen von Sklavenhändlern, heute Schlauchboote mit Terroristen.)

Ein gutes halbes Jahr später jedoch sind die deutsch-amerikanischen Beziehungen vereist wie nie zuvor seit 1945. Der Führer der Weltmacht will Schröders Gesicht nicht mehr sehen, seine Stimme nicht mehr hören, noch nicht einmal am Telefon. Im Vergleich dazu war der Streit zwischen Lyndon B.

Johnson und Ludwig Erhard oder zwischen Helmut Schmidt und Jimmy Carter ein amüsanter Familienzwist und die Bitburg-Krise der Reagan/Kohl-Ära nur ein kulturelles Missverständnis.

Schröder hatte im Wahlkampf überdeutlich gemacht, dass die Bundeswehr an einem Krieg gegen den Irak nicht teilnehmen werde. Selbst ein UN-Mandat würde an seiner Haltung nichts ändern. Er glich in seinem Rigorismus Amerikas Vizepräsidenten Cheney, der sich - aus entgegengesetzten Gründen - vor einer Invasion Iraks auch nicht um ein Mandat der Vereinten Nationen kümmern wollte.

Henry Kissinger, respektierter Augur atlantischer Beziehungen, fürchtet nun, Antiamerikanismus könnte zu einem Merkmal deutscher Politik werden.

"Antiamerikanismus" war einmal das Privileg des arroganten deutschen Kulturkonservatismus, eng verwandt mit allerlei Varianten des Antisemitismus.

Ihre gemeinsamen Obsessionen hießen Materialismus und Handelsgeist, pluralistische Demokratie, Pressefreiheit, "Asphaltliteratur", sittliche Zügellosigkeit, alles zusammengehalten von der Illusion völkischer Überlegenheit. Nun sollte dieses Schreckgespenst aus der deutschen Vergangenheit gar zum Geist deutscher Außenpolitik einer linksliberalen Regierung geworden sein?

Schröders nationale Wehrdienstverweigerung brachte ihm am 22. September die entscheidende Mehrheit. Die Wähler der postkommunistischen PDS liefen zu Hunderttausenden zur SPD über. In Kissingers Worten: "So wurde am Ende des deutschen Wahlkampfs der Sieg möglicherweise durch eine Kombination aus Pazifismus, linkem und rechten Nationalismus und dem Beschwören eines spezifisch deutschen Wegs, der an das Wilhelminische Deutschland erinnert, errungen. Aber wenn Deutschland die USA beleidigt, die Haltung der Vereinten Nationen ablehnt und ohne Rücksprache mit den anderen europäischen Staaten im Namen eines 'deutschen Wegs' handelt, drohen ihm Isolation und eine Rückkehr zu den europäischen Verhältnissen vor dem Ersten Weltkrieg."

Das ist eine fast hysterische Analyse, und das Einzige, was ihr noch fehlt, ist der Name "Adolf Hitler". Allerdings wird sie von führenden amerikanischen Politikern und Diplomaten geteilt. Dennoch ist sie ungerecht, weil sie ganz nebenbei Schröders Abschied von der militärischen Abstinenzbewegung aller früheren Bundesregierungen mit dem Verdacht des Nationalismus belegt.

Jahrzehntelang hatte sich das kriegstraumatisierte Deutschland in einer außenpolitischen Nische eingerichtet. Beistandsforderungen der Verbündeten außerhalb des Nato-Vertragsgebietes ging es aus dem Weg. Weder entsandte es, wie Washington während der sechziger und siebziger Jahre verlangte, zwei Divisionen gen Vietnam (es gab nur das Lazarettschiff Helgoland), noch schickte es deutsche Truppen in den Golfkrieg.

Erst Gerhard Schröder hatte nach dem Kosovo-Einsatz von 1999 die endgültige Enttabuisierung des Militärischen in Deutschland mit einer Vertrauensabstimmung im November 2001, zwei Monate nach dem islamistischen "Kolossalverbrechen" (Helmut Schmidt) in New York, durchgesetzt. Sein Wort von der "uneingeschränkten Solidarität" mit den Vereinigten Staaten symbolisierte nicht nur Deutschlands politische Dankbarkeit für die Rolle der Vereinigten Staaten bei der Rückkehr der Nation in den Kreis zivilisierter Völker nach 1945, für Marshall-Plan, Luftbrücke und die Verteidigung gegen die Sowjetunion bis hin zur Wiedervereinigung. Vielmehr sprach und handelte Schröder auch im Sinne der Menschen, die innerlich aufgewühlt die Massenmorde von al-Qaida auf den TV-Schirmen verfolgt hatten.

Doch da gab es eine Einschränkung: Für "Abenteuer", so Schröder kurz nach dem Einsturz der Wolkenkratzer von Manhattan, stünde er nicht zur Verfügung. Im neuen Kanzleramt hatte sich herumgesprochen, dass in Washington die Möglichkeit von nuklearen Bunkerknacker-Bomben gegen die Taliban erörtert worden war.

Ausschlaggebend für den immensen Paradigmenwechsel, nämlich die Entsendung deutscher Soldaten ins Ausland während der ersten Amtsperiode Schröders, waren allerdings die vorangegangenen genozidalen Aktionen Milosevics gewesen, die so unterschiedliche Politiker wie Joschka Fischer und Rudolf Scharping moralisch vereinten: Hier, so glaubten sie, biete sich dem im Holocaust für immer schuldig gewordenen Deutschland eine außenpolitische Bewährungsprobe.

Zweifellos hätten die Serben ohne den (verspäteten) Einsatz der Nato-Truppen im Kosovo unbeirrt weiter gemordet. Zweifellos hätte eine noch längere Zurückhaltung der europäischen Mittelmächte angesichts des tribalistischen Irrsinns auf dem Balkan das endgültige Aus für ein halbwegs wehrhaftes Europa bedeutet. Und zweifellos hätte ein Zögern der europäischen Alliierten im Kampf gegen den internationalen Terrorismus nach dem 11. September 2001 die Entfremdung innerhalb des atlantischen Bündnisses, genauer, zwischen Amerika und Europa, noch beschleunigt. Sie scheint jedoch prinzipiell nicht mehr aufzuhalten - allerdings aus ganz anderen Gründen als einem angeblichen Antiamerikanismus.

Die Ursachen des langsamen Absterbens des atlantischen Bündnisses sind viel banaler. Nachdem sich die akute nukleare Bedrohung des Westens durch russische Raketen verflüchtigt hatte, begannen sich Anfang der neunziger Jahre nach den militärischen auch die politischen Bestandteile der Allianz aufzulösen. Die Amerikaner gingen ihren eigenen Weg: Der Abschied vom welt-ökologischen Kyoto-Protokoll, der Ausstieg aus der Biological Weapons Convention, aus dem ABM-Vertrag, aus dem Projekt eines Internationalen Strafgerichtshofs und die Rückkehr zu altmodischen Importhürden mittels absurder Zolltarife - dies alles belegte Washingtons neue Einschätzung der atlantischen Allianz, auf die es im eigenen Interesse nicht mehr Rücksicht zu nehmen gälte.

Was genau diese Interessen ausmachte, sollte nach dem New Yorker Terroranschlag deutlicher werden. Der Ausbau einer historisch einmaligen globalen Hegemonie stellte sich als geopolitische Dividende des Kalten Kriegs heraus. Amerika hatte ihn gewonnen. Mit dem Furnier des Antiterrorismus erhielt das Projekt legitimatorischen Glanz. Zugleich drohte diese Vermischung von moralischer Rechtschaffenheit und kühler imperialer Machtprojektion das atlantische Bündnis zu vergiften.

Im ersten Golfkrieg und auf dem Balkan hatte die amerikanische Generalität entdeckt, dass ihr militärtechnischer Fortschritt, ihre Fähigkeit, dem Feind tausendfache Verluste ohne eigenes Risiko beizubringen, so außerordentlich war, dass Europa mit seinen minimalen Verteidigungsbudgets rettungslos ins Hintertreffen geriet. Es wurde zum Reservoir für harmlose Hilfstruppen.

Mehr noch, aus Europas militärischer Verzagtheit, so eine neokonservative These in Washington, sei eine Toleranz des Untolerierbaren erwachsen - der Mörder nebenan werde allein deshalb hingenommen, weil man ihn leider nicht verhaften könne. Europa habe die Lektion von München 1938, nämlich die verheerenden Folgen von Appeasement, nicht gelernt. Es sei, anders gesagt, ethisch verludert und militärisch verweichlicht.

Dass aber ein kollektives Gedächtnis Europas zugleich die Folgen "unilateralen Handelns" in Kriegen präsent hält, taucht in solcher Welterklärung nicht auf. Die prägende Erfahrung Europas, dessen tiefe Wunden nie vernarben werden, ist ein einziger Weltkrieg, der nicht erst 1938, sondern bereits 1914 begann und erst 1945 endete. Dieser Kontinent, der in zwei Jahrtausenden die Kunst der Kriegsführung verfeinerte und dessen Forscher in der amerikanischen Emigration schließlich die ultimative Waffe entwickelten, hat sich aus der klassischen Machtpolitik verabschiedet, von Präventivstrategien ganz zu schweigen.

Die USA hingegen sind als Hypermacht bei sich und ihrer selbst definierten historischen Bestimmung angekommen. In einer Rede vor den Graduierten der Westpoint-Militärakademie sagte George W. Bush am 1. Juni 2002: "Amerika besitzt eine militärische Stärke, die von niemandem herausgefordert werden kann und die es bewahren wird." Für den amerikanischen Präsidenten ist die politische Geschichte der Menschheit dort, wo sie mit der Geschichte des Militärs, der Waffen und Kriege verknüpft war, zu ihrem eschaton, ihrem Ziel und Ende gekommen. Es heißt: United States of America. Die überbewaffnete Demokratie gibt sich als Sieger der Geschichte zu erkennen. Friede, genauer, Pax Americana herrscht aber erst dann, wenn alle anderen Nationen die Zwecklosigkeit von Nachrüstungen jeglicher Art erkannt haben. Und in der Tat, Amerikas Rüstungsvorsprung ist vom zerstrittenen Europa nicht mehr aufzuholen.

Steckt in der stolzen Selbstinterpretation unerträgliche Hybris - oder überwiegt hier der Enthusiasmus einiger amerikanischer Politiker, die sich nicht vorstellen können, dass andere Nationen sich ungern zur Handelsfreiheit oder zum American Way of Life bekehren lassen, nur weil eine demokratisch verfasste Großmacht Kriege vom Laptop aus führen kann?

Wohin aber führt die Übermacht eines einzigen Staates, wenn nicht zum Antagonismus mit allen anderen? Die Geschichte kennt berühmte Beispiele: "Als die wachsende Macht Athens den Spartanern Furcht einflößte", schreibt Thukydides, "wurde der Krieg unvermeidlich." Könnte China das "Sparta" der Zukunft für das amerikanische "Athen" sein?

Für die Auseinandersetzung mit den nichtstaatlichen Akteuren des neuen Terrors scheint die grand strategy ebenso wenig geeignet wie das neue Arsenal des Pentagon. Bin Laden und seine Helfer sind der geballten Macht der U. S.

Air Force offenbar auf Eselsrücken gen Pakistan entkommen.

Der Weg in die Zukunft unbestrittener amerikanischer Dominanz ist mit Girlanden einer präsidialen, politisch-religiösen Rhetorik dekoriert, deren manichäischer Charakter der Auseinandersetzung mit dem sowjetischen "Reich des Bösen" vor zwei Jahrzehnten entstammt. Jetzt aber fehlt ihr das totalitäre Widerlager des klar definierten Feindes in Moskau. So erzeugt die Sprache des Präsidenten eine seltsame Akustik der Leere. Es geht fortan um das Böse schlechthin, als hätte die furchtbare Erfahrung des 11. Septembers 2001 die Zunge eines präsidialen protestantischen amerikanischen Fundamentalismus gelöst: "Unsere Verantwortung vor der Geschichte ist klar", sagte Bush am dritten Tag nach dem Anschlag, es gälte, "diese Angriffe zu beantworten und die Welt vom Bösen zu erlösen." Diesem "Kreuzzug" sollte sich niemand in den Weg stellen. "Jede Nation muss jetzt eine Entscheidung treffen", forderte der Präsident am 20. September 2001, "entweder steht sie bei uns oder bei den Terroristen."

Kenner der europäischen Sektengeschichte hören in dieser Sprache den Klang der frühchristlichen Gnosis wieder: Auf der einen Seite das Reich der Finsternis, die Achse des Bösen, auf der anderen Seite das Lichtprinzip der "unverzichtbaren Nation" Amerika, dessen Urerlebnis der eigenen Verletzlichkeit zu einer historischen Selbstbesinnung geführt hat. Die Supermacht tritt aus ihrer bisherigen Sphäre der Isolation heraus und erklärt sich zum spirituellen, ökonomischen und militärischen Heros im Krieg gegen das Böse.

Es ist auch der demokratische Messianismus Woodrow Wilsons, der in George W.

Bushs Worten aufscheint: "Die Geschichte hat unsere Nation zum Handeln aufgefordert. Die Geschichte hat uns vor eine große Herausforderung gestellt: Wird Amerika mit seiner einzigartigen Stellung und Macht vor dem Terror die Augen verschließen oder uns in eine freiere und zivilisiertere Welt leiten?

Darauf gibt es nur eine Antwort: Dieses großartige Land wird die Welt zu Sicherheit, Frieden und Freiheit führen." Die Geschichte ist, in anderen Worten, ein Weltgericht unter amerikanischem Vorsitz. Auf dem Weg zum erlösenden Urteil könnten den USA viele alte Verbündete verloren gehen, weil sie sich weigern, dieser Weltsicht endgültige Legitimität zuzugestehen - gerade weil nicht zu übersehen ist, dass die amerikanische Dominanz nicht nur eine politisch-moralische sein würde, sondern auch als militärische und wirtschaftliche Herrschaft einherkäme.

Die präsidiale Rhetorik der mission civilisatrice ist seit dem 11. September 2001 nicht mehr defensiv und bündnisbezogen wie früher, sondern global und nationalistisch zugleich geworden: "Die amerikanische Sicherheitsstrategie beruht auf einem spezifisch amerikanischem Internationalismus, der die Einheit unserer Werte und unserer nationalen Interessen widerspiegelt", heißt es im National-Security-Strategy-Dokument des Weißen Hauses.

Eines wird man Bush und seinen Beratern aus der Sicht des realpolitisch abgebrühten Europas nicht vorwerfen können - Zynismus. Sie sind die reinsten Enthusiasten, die nur ihren Zukunftsglauben präventiv verteidigen möchten: "Wir werden nicht zögern, falls nötig allein zu handeln, indem wir unser Recht auf Selbstverteidigung wahrnehmen und präemptiv, wenn nötig allein gegen Terroristen vorgehen und sie daran hindern, unserem Volk und unserem Land Schaden zuzufügen. Angesichts der Ziele von Schurkenstaaten und Terroristen, können wir nicht zulassen, dass unsere Feinde zuerst zuschlagen."

In der interpretationsreichen Geschichte des Völkerrechts ist das allerdings ein neuer Tonfall. Er soll die Bürger des eigenen Landes, ja der Welt auf einen zweiten Golfkrieg vorbereiten.

Während die europäischen Alliierten und ihre Öffentlichkeit noch zögerlich über die Frage eines gerechten oder zumindest eines gerechtfertigten Krieges diskutieren, scheinen in Washington bereits die wesentlichen Entscheidungen getroffen worden zu sein. Der zweite Golfkrieg, glaubt der ehemalige Nato-Oberbefehlshaber Wesley Clark, werde nicht länger als 14 Tage dauern.

Die Infrastruktur Iraks werde zusammenbrechen. Ölquellen würden brennen, und womöglich werde Saddam Hussein sich mit einem Giftgasangriff aus der Welt verabschieden.

Keine guten Aussichten, es sei denn, den Siegern gelänge es, so schnell wie möglich den nuklearen Gefahrenherd Pakistan zu neutralisieren und wenig später dafür zu sorgen (wahrscheinlich mit Gewalt), dass auch der Iran seine Atomwaffenentwicklung einstellt, ehe man sich den Nordkoreanern zuwendet, während gleichzeitig die Aufstände der islamischen Massen, aufgehetzt von Fernsehbildern aus dem ruinierten Bagdad, in Saudi-Arabien und Ägypten niedergeschlagen und die 25 Millionen Kurden ruhig gestellt werden. Das sind apokalyptische Spekulationen, gewiss. Fest steht nur, dass der außenpolitische Kollateralschaden eines Irak-Kriegs unberechenbar ist.

Sollte der Militärschlag ohne UN-Mandat stattfinden, wäre die Kernregel des Völkerrechts, das Gewaltverbot, gebrochen. Artikel 2, Absatz 4 der Charta der Vereinten Nationen von 1945 sagt: "Alle Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt." Ein militärisch erzwungener Regimewechsel "als Ziel einer Militärintervention", schreibt Henry Kissinger, "verstößt gegen das System internationaler Beziehungen, das 1648 durch den Westfälischen Frieden errichtet wurde und das Prinzip der Nicht-Intervention in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten verankerte. Außerdem läuft der Begriff einer gerechtfertigten Präemption dem modernen Völkerrecht zuwider, das den Einsatz von Gewalt zur Selbstverteidigung nur gegen akute, nicht aber gegen potenzielle Drohungen erlaubt."

Könnte ein moralisches Urteil der Vereinten Nationen über die tyrannische Qualität des Regimes in Bagdad Saddam Hussein beseitigen, wäre er längst aus der Geschichte verschwunden. Folter und Mord, Terror und Korruption sind die Merkmale seiner grausamen Herrschaft. Und dennoch wäre ein moralisch gerechtfertigter, gleichwohl mandatsloser zweiter amerikanischer Feldzug gegen den Irak ein mit unkalkulierbaren Risiken behafteter Rechtsbruch. Des Antiamerikanismus unverdächtige ehemalige Politiker und Militärs der Vereinigten Staaten sprachen sich darum in Zeitungsbeiträgen gegen einen Krieg aus - unter ihnen James Baker, Brent Scowcroft und Norman Schwarzkopf, aber auch die Expräsidenten Jimmy Carter und Bill Clinton. Derlei hatte die amerikanische Geschichte nur in ihren Anfängen erlebt.

Offenkundig gehören die Bush-Kritiker der alten Schule an, die seit Mitte des vorigen Jahrhunderts die amerikanische Außenpolitik charakterisierte: Eindämmung des Warschauer Pakts, Abschreckung, Nato, UN, Asean, Bretton Woods, WTO, OECD - hinter all den Stichworten und Akronymen verbarg sich eine erfolgreiche Bündnisvernetzung der amerikanischen Interessen mit denjenigen ihrer Partner - und bisweilen auch ihrer Gegner. Diesen gesprächs- und verhandlungsoffenen Allianzen mitsamt ihrer diplomatischen Schwerfälligkeit und nicht etwa einem hochgemuten, währungs- und waffengeschützten moralischen Unilateralismus verdanken die Vereinigten Staaten ihre Rolle als Supermacht.

Die neue grand strategy der Bush-Regierung scheint hingegen geprägt von einem ungeduldigen Herrschaftswillen, der sich seine Partner nach Bedarf aussucht - als ständen sie Schlange und warteten darauf, gebraucht zu werden. Doch der bewusste Verzicht auf eine internationale Bündnis- und Außenpolitik klassischen Zuschnitts, der den Anfang der Bush-Administration charakterisierte, hat nicht nur Misstrauen in aller Welt geweckt, sondern auch wesentliche diplomatische Instrumente beschädigt - zum Beispiel vorhandene und neu auszuarbeitende Abkommen zur Kontrolle von Massenvernichtungswaffen und zur nachrichtendienstlichen Eindämmung und polizeilichen Bekämpfung von internationalem Terrorismus.

Der Vorschlag des amerikanischen Verteidigungsministers Rumsfeld, eine Nato-Eingreiftruppe (Rapid Response Force) zu bilden, die - ganz gewiss unter amerikanischem Kommando - mit rund 20 000 Mann überall dort auftritt, wo Terroristen zündeln, würde das völkerrechtliche Risiko eines Präventivkriegs amerikanischen strategischen Zuschnitts auf das gesamte Bündnis verlagern. Es müsste seine Vertragsgrundlagen ändern. Das Misstrauen der Europäer, die es offenbar nicht sehr eilig haben, ihr eigenes, etwas älteres Projekt einer Kriseninterventionstruppe vom Planungszustand in die Realität umzusetzen, ist unübersehbar. Obendrein spiegelt das Vorhaben Rumsfelds Überzeugung wider, Terror ließe sich am besten mit hoch gerüsteten Spezialkräften bekämpfen. Die Wurzeln des Terrorismus (und zwar nicht nur des islamistischen) lassen sich aber von schnellen Truppen nicht ausreißen. Sie reichen tiefer in die Geschichte.

Die zumeist terroristisch operierenden Warlords an der Peripherie ehemaliger Kolonialreiche verkaufen Bohr- und Schürfrechte an westliche Investoren, betreiben Drogen- und Menschenhandel, leben von den Hilfsmitteln internationaler Organisationen und führen Kleinkriege, um ihre Kleinkriege zu finanzieren. So geht das in Angola seit 30 Jahren zu

derzeit zum Vorteil einer amerikanischen Ölfirma. Im Sudan sind mindestens zwei Millionen Menschen einer zumeist muslimischen Soldateska zum Opfer gefallen. In Somalia herrschen seit 15 Jahren diverse Kriegsherren, und die unübersichtliche Lage Afghanistans ist vor allem aufgrund ihrer Unübersichtlichkeit bekannt. Hier ist der Krieg auf kleiner Flamme längst zu einer neuen "männlichen" Lebensform marginalisierter Jugendlicher geworden.

George W. Bushs Doktrin eines "Kriegs gegen den Terror" führt auch semantisch auf die falsche Spur. Die ökonomischen und historisch-kulturellen Ursachen des Terrorismus lassen sich nicht mit Waffen aufheben. Terroristen vom Schlage eines bin Laden sind allenfalls mit international koordinierten polizeilichen Aktionen auszuschalten. Wer ihre Finanzierungs- und Kommunikationsströme unterbinden, wer ihre kriminellen Einkommensquellen verstopfen, wer ihren Waffennachschub unterbrechen kann, der wird eher Erfolge erzielen als eine Hegemonialmacht mit großvolumigen Militäreinsätzen.

Das bedeutet zugleich, dass die zivilisierten Staaten eine striktere Nichtverbreitungspolitik als bisher verabreden sollten. Einer ihrer Eckpunkte müsste ein weltweites Export- und Importverbot für Handfeuerwaffen sein. Es gibt sie in Hülle und Fülle in aller Welt. Durch Kalaschnikows und Uzis, durch Heckler & Kochs und M-16-Gewehre sind in den vergangenen 30 Jahren mindestens so viele Menschen ums Leben gekommen wie durch Malaria. Und Nationen, in denen traditionell das Geld internationaler Verbrecherorganisationen gewaschen wird, müssten mit diplomatischen oder ernsten wirtschaftlichen Sanktionen der Vereinten Nationen rechnen, sofern sie ihre Bankgesetze nicht alsbald ändern.

Doch derlei Vorschlägen haftet aus amerikanischer Perspektive das Odium eines unkontrollierbaren Multilateralismus an, einer schwächlichen Friedensutopie, deren Pflege einer politischen Gemeinschaft unterläge, die nicht unbedingt den politischen und wirtschaftlichen Interessen der einzig verbliebenen Supermacht folgen würde. Und die wird sich auf der Nato-Tagung im November in Prag mit einem Präsidenten vorstellen, der keine Zeit für den deutschen Bundeskanzler hat und einem Gespräch unter vier Augen aus dem Weg gehen wird.

Denn die Vereinigten Staaten setzen im Namen des war on terrorism zu einem großen moralischen Macht-Monolog an. Wer ihm nicht zuhören will, das lassen die Falken Washington Europas Tauben bereits wissen, der muss eben fühlen.