Wer alles über Ilse Köhler-Rollefson erfahren will, lässt am besten die Mutter reden. Die Forscherin selbst sitzt daneben und hört zu, wie die alte Dame zu ihrer Linken wortgewaltig Episoden aus dem Leben der Tochter zum Besten gibt. "Also, das mit den Kamelen fing an, als Ilse 1984 nach ihrem tiermedizinischen Studium ein Stipendium hatte, um in Jordanien bei Ausgrabungen zu helfen wegen ihrer Kenntnisse in der Knochenarchäologie."

"Das mit den Kamelen" ist der Beginn der großen Liebe von Köhler-Rollefson zu den nomadisierenden Hirten und ihren Tieren. Jeden Tag zogen damals am Ausgrabungsort Kamelherden vorbei. Die Abende verbrachte sie am Feuer der Beduinen. Die nahmen sie freundlich auf, auch wenn man kein Wort miteinander wechseln konnte. Kommt Köhler-Rollefson selbst zu Wort, erzählt sie fasziniert von der "besonderen symbiotischen Gemeinschaft von Hirten und ihren Herden" und wie sie, die heute 49-Jährige, durchs Leben nomadisierend, zu ihrem Betätigungsfeld kam.

Es liegt in der indischen Provinz Rajasthan. Hier leben die Raika, eine Kaste, deren Lebensgrundlage, die Dromedarherden, bedroht ist. An der lebendigen Vorlage erforscht sie, wie eng die Menschen über Jahrhunderte ihr Leben mit dem der Tiere verflochten haben - und sich eine eigene Kultur gebildet hat. Nun drohen die Traditionen zu verschwinden. Ideen über Landwirtschaft, Rentabilität und Landschaftspflege, importiert aus dem Westen, bringen das angestammte Leben ihrer Studienobjekte aus dem Gleichgewicht.

Sechs Monate im Jahr verbringt sie hier und versucht zu retten, was noch zu retten ist. Sie behandelt kranke Tiere. Sie hilft im Kampf gegen korrupte Beamte um Weiderechte und versucht in Forschungsberichten die wissenschaftliche Welt für die Probleme der Nomadenvölker zu interessieren.

Dafür wird sie in dieser Woche mit dem Ehrenpreis der Rolex-Stiftung ausgezeichnet.

Bis sie eine solche Anerkennung erhielt, ist sie - fast den Nomaden gleich - viel umhergezogen auf der Suche nach dem eigenen Leben und fruchtbaren Forschungsgründen. Die Enge hiesiger Tierarztpraxen hat sie nach dem Studium an der Tierärztlichen Hochschule Hannover fortgetrieben. "Ich wollte immer raus, hab immer irgendwas gesucht", sagt sie. Ein vages, "aber unwiderstehliches Gefühl" hat sie nach England geführt, in die USA, in den Sudan. Beim Projekt in Jordanien fand sie nicht nur Kamelknochen aus dem 8.

Jahrhundert nach Christus sondern auch den Ehemann. Der Amerikaner ist auf die Prähistorie des Vorderen Orients spezialisiert.