Großhandel mit kaukasischen Früchten. Kalandadse steht über einem blank gewienerten Schaufenster unweit des Moskauer Belorussischen Bahnhofs in der Uliza Lesnaja, der Waldstraße. Welcher Teufel reitet diesen Neureichen Kalandadse - dem Namen nach ist er Georgier -, so effekthascherisch ein Schaufenster auszustaffieren? Wozu dieser Großhandel mit kaukasischen Früchten? Wo sich heutzutage doch die Händler von dort auch ganz ohne Vermittler auf allen Moskauer Märkten breit machen?

Wer einen Stadtführer in der Hand hält, versteht: Dieser Laden in der Nummer 55 gehört keinem Privatmann. Er ist das Museum für die Untergrunddruckerei der RSDRP (der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei), die hier, ohne je entdeckt worden zu sein, während der ersten russischen Revolution 1905 bis 1906 arbeitete. Früher war die ganze Stadt gespickt mit solchen kleinen Revolutionsmuseen. Nur wenige sind übrig geblieben. Dieses wurde renoviert und erstrahlt in neuem Glanz. Wer sich über die mit dünnem Eis bedeckten Pfützen durch den Hinterhof den Weg zum Eingang gesucht hat, betritt einen perfekt geschlossenen Kreis der Konspiration.

Direkt unter der Nase des benachbarten Polizeireviers gründeten die beiden Georgier Jenukidse und Kalandadse 1905 die illegale Druckerei. Dass sie von weit her kamen, war kein Zufall. Es sollten hier Menschen ohne Verwandte in der Nähe arbeiten. Die Bezeichnung Großhandel wählte man, damit sich niemand wunderte über die wenigen Käufer, die den Laden betraten. Die Obstkisten im Laden, heute mit täuschend echt aussehenden Wachsorangen gefüllt, haben alle einen doppelten Boden. Wurden sie hinausgetragen, enthielten sie unter echten Früchten die auszuliefernden Flugblätter. Ging es hinein, verbargen sich Papierbogen darin oder Ersatzteile für die amerikanische Druckerpresse. Die arbeitete direkt unter der Ladenwohnung in einem zum Gewölbe erweiterten Brunnenschacht.

Das Ehepaar, das den Laden führte, lebte ärmlich. Sie durften das Geld der Partei nicht zum Schaufenster hinauswerfen. Viele ihrer Lebensäußerungen waren geheime Zeichen. Wenn zum Beispiel der Mann die Ladenglocke auslöste, bedeutete dies eine Warnung für die halb gebückt im Untergrund arbeitenden Genossen. Ebenso, wenn die Ehefrau die Windeln ihres Säuglings nach der Wäsche um einen Holzflegel schlang und heftig ausklatschte.

Der Revolutionär ist ein verlorener Mensch. Er hat weder eigene Interessen, Aufgaben, Gefühle, Bindungen, Eigentum noch gar einen Namen, schrieb im 19.

Jahrhundert die Sozialrevolutionärin und Terroristin Wera Sassulitsch. Die junge Frau schoss 1878 auf den tyrannischen Sankt Petersburger Stadtkommandanten, General Trepow, und wurde anschließend freigesprochen. Das machte sie für eine ganze Generation von sozialrevolutionären Utopisten zum Vorbild. Die narodowolzy träumten von radikaler gesellschaftlicher Gleichheit und wollten ihr Land durch Bombenattentate gegen zaristische Würdenträger diesem Ideal ein Stück näher bringen. Wera Sassulitsch selbst wurde später Mitglied der russischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Die lehnte terroristische Methoden zur Verfolgung ihrer politischen Ziele ausdrücklich ab, ebenso wie ihre sich später abspaltende Fraktion der Bolschewiki. Als nach deren Sieg 1917 allerdings der Bürgerkrieg ausbrach, fanden sie schnell Argumente, mit denen sie Geiselnahmen und Strafexpeditionen gegen ganze Dörfer rechtfertigten. Um die einmal gewonnene Macht zu halten, glorifizierte die Partei nun den Roten Terror.

Die Aktivisten in der Uliza Lesnaja hätten sich eine solche Entwicklung nicht träumen lassen, als hier während der Morgenröte der russischen Sozialdemokratie die Druckerpresse ratterte. Das Ethos der sozialdemokratischen Revolutionäre aber, die Verleugnung der Bedürfnisse des Individuums, trug den Stempel der älteren Narodowolzy-Bewegung.

Auf die Frage, wer denn heutzutage so herkäme, antwortet die Museumswärterin: Hauptsächlich Schülergruppen. Die sind begeistert! Kinder mögen ja Versteckspiele. Sogar die Nüsse in den Kisten sind falsch. Hätten Sie wohl nicht gedacht!

Der kranke Lenin trinkt aus fremden Tassen

Die Revolution ist kein Deckchensticken, sagte Mao. Aber heute ist sie manchmal ein Spielzeugkaufmannsladen. Oder ein Puppenheim, wie auf dem Landgut von Sinaida Grigorjewna Morosowa, der Witwe des berühmten Moskauer Tuchfabrikanten und Kunstmäzens Sawwa Morosow, der die revolutionäre Bewegung unterstützte. Die Villa mit weißen Säulen in neoklassizistischem Stil thront romantisch über einem Flusstal bei dem südlich von Moskau gelegenen Dorf Gorki. Heute Gorki Leninskije. Inmitten von Putten und Deckengemälden verbrachte hier der Führer des Weltproletariats seine letzte, tragische Lebensphase von Mai 1923 bis zum 20. Januar 1924, während deren ihn ein Schlaganfall nach dem anderen ereilte. Immer stärker eingeschränkt in seiner Artikulationsfähigkeit, wurde Lenin von seinen Genossen langsam entmachtet.

Er trank aus fremden Tassen und schlief auf fremden Laken. Seine Schwester Marija saß an Sinaida Morosowas Toilettentisch aus geblümtem Meißner Porzellan. So wenig empfanden Frau und Schwester Lenins diese Umgebung als die ihre, dass sie die Schonbezüge auf den Polstermöbeln ließen. Und doch scheint die komfortable Gediegenheit des Anwesens sich vorteilhaft auf die Psyche des Kranken ausgewirkt zu haben. Das Haus war für seine Zeit äußerst modern, ausgestattet mit elektrischem Licht und einem Kommutator (einer urzeitlichen Telefonanlage) mit mehreren Anschlüssen.

Zehn Chinesen waren es, sagt die Dame im Exkursionsbüro auf die Frage, wer denn bei diesem Schneeregen heute hierher gefunden habe. Und dann erklärt sie: Von den Chinesen, die Moskau besuchen, kommt keiner um unser Museum herum. In den wärmeren Jahreszeiten allerdings finden jährlich etwa 100 000 Besucher aus ganz Russland und auch Ausländer hierher. Auf dem 200 Hektar großen Gedenkgelände haben sie außerdem noch die Möglichkeit, eine Nachbildung von Lenins spartanischer Wohnung im Kreml zu besichtigen, mit der Originaleinrichtung. Sie wurde Mitte der neunziger Jahre aufgelöst, als Jelzins heute weltweit wegen Korruptionsverdachts gesuchter Adlatus, Pawel Borodin, den Kreml renovierte.

Vom direkt am Grundstück gelegenen Bahnhof Gerassimowo aus trat im klirrenden Frost des Januars 1924 ein spezieller Zug mit dem Leichnam Lenins die Reise nach Moskau an. Das Haus, in dem Lenin seine vorläufig letzte Ruhe gefunden hat, ist die abstruseste Sehenswürdigkeit der russischen Hauptstadt. 1991 zogen noch drei Millionen Besucher an dem toten Exführer im Mausoleum auf dem Roten Platz vorbei. Im Jahr 2000 waren es nur noch etwa 80 000. Doch die, die heute kommen, kommen aus eigenem Antrieb. Damit die Kinder das noch erleben.

Und weil man doch nicht in Moskau gewesen sein kann, ohne das gesehen zu haben, erklärt in der kurzen Schlange eine Mutter mit Kopftuch. Wir sind keine Kommunisten, entschuldigt sich ein hoch gewachsener Mann, ein ehemaliger Offizier. Aber das hier gehört zu unserer Geschichte einfach dazu. Spekulationen um eine mögliche Entfernung des Leichnams aus dem Mausoleum wurden noch 1997 von der Regierung genährt. Heute sind sie verstummt.

Zum Friedhof war der Hauptplatz des Landes schon im November 1917 geworden.

Anders als in Petrograd erfolgte der revolutionäre Umsturz in Moskau in einem blutigen, 14-tägigen Kampf, bei dem mindestens 500 Menschen ums Leben kamen.

Die Moskauer Arbeiter hoben nach ihrem Sieg spontan einen tiefen Graben an der Kremlmauer aus, in dem sie ihre Genossen in Särgen beerdigten. Während der Feierlichkeiten für die ersten Jahrestage der Oktoberrevolution verstummten die Demonstranten beim Betreten des Platzes und senkten die Fahnen.

Viele der im November 1917 auf dem Roten Platz Bestatteten kamen aus dem hügeligen Stadtteil Krasnaja Presnja. Den Ruf eines schwer auszuräuchernden Rebellennestes hatte sich die Presnja schon im Winter 1905 geholt. Damals lieferten sich die Arbeiter im Fabrik- und Randbezirk, unter anderem angestachelt durch Flugblätter aus der Druckerei in der nahe gelegenen Uliza Lesnaja, neun Tage lang erbitterte Schlachten mit zaristischen Dragonern.

Auch damals hatte es über 500 Tote gegeben. Heute liegt dieses Viertel im Zentrum und hat viel von seinem historischen Charakter bewahrt. Die Straßen werden zur Moskwa hin immer steiler und führen schließlich auf ein Massiv.

Hier, direkt über der Uferstelle, an der sich der Regierungssitz im Weißen Haus befindet, entfaltet sich in einem eigenen Museum Europas größtes Historiendiorama: Die heroische Presnja im Jahre 1905. Neben dem Museum stehen noch einige der alten Holzhäuser, welche 1905 die aufständische Bevölkerung bewohnte. Am Ende der Kämpfe allerdings waren Hunderte von ihnen obdachlos.

Die Exkursionsleiterin im Presnja-Museum ist enttäuscht, dass ihr niemand bei einem Spaziergang zu den historischen Stätten folgen möchte. Die Besucher fürchten die Rutschpartie. Zudem kann man das draußen zu Besichtigende auch drinnen nachvollziehen, hat man sich doch eben noch mit den Füßen durch dieselben Gässchen vorangetastet, in denen im Diorama nun Arbeiter, Dragoner, Frauen, Greise und Kinder kämpfen und fliehen. Fahnen flattern, und üppig verbreiten sich Rauchschwaden. Hinter der von Feuersbrünsten geröteten Szenerie peitschen Schüsse, dröhnen Kirchenglocken, stürzen Bauten krachend ein, begleitet von einer pathetischen Männerstimme, die wahlweise in einer von fünf Sprachen berichtet. Fünfsprachig verschwiegen wird dabei, dass die Kämpfe auf der Krasnaja Presnja im Jahre 1905 von vornherein aussichtslos waren. Doch für die Legitimation der neuen bolschewistischen Machthaber leisteten sie ebenso gute Dienste wie das Lenin-Mausoleum. Unverzichtbarer Bestandteil der Paraden auf dem Roten Platz war das Gelöbnis, das von den gefallenen Genossen Begonnene zu Ende zu führen.

Widerstand formierte sich auf der Krasnaja Presnja auch noch nach der Revolutionsepoche. Im August 1991 setzten sich hier, am Weißen Haus, Moskauer gegen den Augustputsch der Altkommunisten zur Wehr. Der politische Held war diesmal Boris Jelzin, der ein für alle Mal mit der Korruption aufzuräumen versprach. Drei junge Männer kamen dabei ums Leben. Zwei Jahre später, im Oktober 1993, als Jelzin den reaktionären Obersten Sowjet Russlands niederkartätschen ließ, kämpfte hier Bürger gegen Bürger. Die Zahl der Opfer ist bis heute nicht geklärt. Auch diesen beiden Ereignissen ist heute das Museum gewidmet.

Genosse Trotzki darf wieder mit aufs Gruppenfoto

Und haben nun die vielen Kämpfer irgendetwas erreicht? Irgendetwas schon, jedes Mal etwas anderes, sagt später die Exkursionsleiterin Tatjana Iljassowa beim Tee im Häuschen der Verwaltung. Dann schweift sie ab: 1991 wurde mir die Magie dieses Ortes unheimlich. Da war ich nun mein ganzes Leben hier über die Hügel gelaufen und hatte den Leuten von den Barrikaden erzählt, und nun sah ich sie an genau derselben Stelle mit eigenen Augen.

In einem dunkel und solide möblierten Kabinett des Zentralen Museums für die Zeitgeschichte Russlands an Moskaus Hauptstraße, der Twerskaja, residiert die Direktorin Tamara Schumnaja. Früher hieß das Haus Revolutionsmuseum. Zu Beginn der neunziger Jahre hätten die Leute es fast als unanständig empfunden, in ein Revolutionsmuseum zu gehen, erzählt die Direktorin. Aber nach 1996, als nicht alles Neue sich in den Augen der Menschen bewährte, da kamen sie wieder. Aber kaum mehr in Gruppen. Jetzt suchen sie individuell nach Erklärungen und Zusammenhängen, nach dem Sinn gewisser Ereignisse. Und wir helfen ihnen bei der Neubewertung - mit Denkanstößen, nicht mit fertigen Rezepten.

Die Museumssäle ergreifen für niemanden mehr Partei. Wichtige politische Personen, die während der Sowjetzeit irgendwann in Ungnade fielen, tauchen nun anstelle der Retuscheflecken auf den Gruppenfotos wieder auf, zum Beispiel Genosse Trotzki. Frau Schumnajas Museum, zu dem die unterirdische Druckerei in der Uliza Lesnaja und das Diorama auf der Krasnaja Presnja als Filialen gehören, verzeichnet heute jährlich fast eine halbe Million Besucher aus aller Welt. Zum Schluss ist sie uns noch eine Erklärug schuldig. Warum fehlt an dem Laden in der Lesnaja ein Hinweisschild auf die unterirdische Druckerei? Es gibt schon eins, sagt sie lächelnd: Aber es ist zu gut versteckt!

INFORMATION

ANREISE: Mit Aeroflot zum Beispiel kostet der Flug Hamburg-Moskau und zurück ab 302 Euro inklusive Steuern und Gebühren

HOTELS: Marriott Twerskaja, Uliza Twerskaja 26, Tel. 007-095/258 30 00, Fax 258 30 99. Elegantes, sehr zentral gelegenes Fünf-Sterne-Hotel mit ausgezeichnetem Service. Doppelzimmer zwischen 148 und 221 US-Dollar (rund 149 und 223 Euro)

Marco Polo Presnja (1904 gebaut, 1999 rekonstruiert), Spiridonowskij Pereulok 9, Tel. 007-095/244 36 31, Fax 926 54 04. Kuscheliges Vier-Sterne-Hotel am dem Zentrum zugewandten Rande der Krasnaja Presnja, in einem stillen Seitengässchen, gleich neben den berühmten Patriarchen-Teichen. Preiswerter und empfehlenswerter Business-Lunch. Doppelzimmer 145 bis 300 US-Dollar

Aerostar, Moskau, Leningradskij Prospekt 130-142, Rezeption: Tel.

007-095/213 90 00. Modernes, eher nüchternes, aber sauberes und komfortables Vier-Sterne-Hotel zwischen der Krasnaja Presnja und dem Flughafen, gleich nebenan ist die große Schwimmhalle des ZSK (Zentralen Sportklubs).

Doppelzimmer 130 bis 142 US-Dollar

MUSEEN: Unterirdische Druckerei, Uliza Lesnaja 55, Tel. 007-095/250 30 47.

Außer montags täglich geöffnet von 9.30 bis 18 Uhr

Museum der Roten Presnja - mit Diorama, Bolschoj Prdtetschenskij Pereulok 4, Tel. 007-095/252 30 35. Außer montags täglich geöffnet von 10 bis 17.30 Uhr, sonntags nur bis 17 Uhr

Zentrales Museum für Zeitgeschichte, Uliza Twerskaja 21, Tel. 007-095/ 299 52 17. Täglich geöffnet von 10 bis 18 Uhr außer montags

Herrenhaus plus moderner Museumskomplex in Gorki Leninskije. Täglich geöffnet von 10 bis 16 Uhr außer montags. Ab Metrostation Domodjedowskaja mit dem Bus Nummer 434 (den Taxis dort ist zu misstrauen, wer sich schon eins nehmen will, sollte dies vom Stadtzentrum aus tun)

Den Pendel-Kleinbus, der für etwa 10 US-Dollar vom Herrenhaus zur Metro fährt, kann man auf Englisch vorbestellen unter 007-095/548 99 11 (Moskauer Nummer, Alexandra Wiktorowna verlangen). Unter dieser Nummer kann man auch einen zweitägigen Aufenthalt mit Übernachtung, Verpflegung, dem Besuch von drei Herrenhäusern und einem Abend à la Jour-Fixe von Sinaida Grigorjewna Morosowa buchen (für zirka 100 US-Dollar pro Person, nicht mehr als zehn Personen). E-Mail: Gorki@cityline.ru

AUSKUNFT: Russlandinfo, Dudenstraße 78, 10965 Berlin, Tel. 030/ 78 60 00 40, Fax 78 60 00 41, Internet: www.russlandinfo.de, E-Mail: info@russlandinfo.de