Eine Studie zum Thema "Der Körper in der zeitgenössischen Kunst" - das klingt zunächst vielversprechend, zumal künstlerische Arbeit heute mehr denn je mit körperlichem Einsatz verbunden ist. Die Glaubwürdigkeit zeitgenössischer Künstler bemisst sich unter anderem daran, wie sie sich selbst inszenieren. In Mit Haut und Haaren setzt Marina Schneede jedoch bei einer anderen Frage an: der nach der künstlerischen Verwendung des Körpers.

In den sechziger Jahren habe die Body-Art den Körper zum Werk erklärt, in den siebziger Jahren wäre er "Material" zahlreicher Performances gewesen, und in den neunziger Jahren sei er als Materie künstlerischer Arbeit in Erscheinung getreten. Nach dieser Eingangsthese folgt die Überprüfung an künstlerischem Material. Dabei wäre die Klärung der jeweiligen Körperverständnisse hilfreich gewesen wäre. Hat man es mit einer essenzialistischen Vorstellung des Körpers zu tun, mit konstruierten Körpern? Oder mit Körpern, die sozial verortet werden? Doch an die Stelle des methodischen Ansatzes ist bei Schneede die Motivgeschichte getreten. Künstlerische Arbeiten, die unterschiedlicher gar nicht sein könnten - etwa von Hans Bellmer und Douglas Gordon -, finden sich aufgrund von motivischen Gemeinsamkeiten im gleichen Kapitel verhandelt. Das Motiv des verschnürten Körpers soll sie vergleichbar machen.

Die inhaltliche Aufmerksamkeit für "Blut" oder "Haare" übersieht aber, dass die betreffenden Arbeiten ganz unterschiedlichen Kontexten angehören. Selbst in den Fällen, wo sich überraschende Parallelen bei geografisch weit auseinander liegenden Praktiken zeigen, wäre zu fragen, aus welchem Grund beispielsweise Valie Export und Dennis Oppenheim in den siebziger Jahren in ähnlicher Weise am Körper Grenzerfahrungen vollzogen haben? Welche Ideen waren es, die damals zwischen Los Angeles und Wien zirkulierten?

Die Tendenz zum Deskriptiven und Additiven dieser Studie ist auch auf ihren Materialreichtum zurückzuführen und auf die großen historischen Bögen - von Marc Quinn zu Michelangelo und zurück -, die in ihr geschlagen werden. Am stärksten ist sie immer dann, wenn einzelne Arbeiten unter Berücksichtigung der Rezeptionsgeschichte beschrieben werden. Gleichwohl irritiert, dass die Interpretationsvorschläge der Künstler und Künstlerinnen häufig mit der "wahren Bedeutung" des Kunstwerks verwechselt werden. Am Ende bleibt der Eindruck, dass inhaltliche oder formale Gemeinsamkeiten allein nicht ausreichen, um sinnvolle Beziehungen zwischen künstlerischen Arbeiten und dem Thema Körper herzustellen. Man wird auf diese Weise kaum seinem Bedeutungshorizont, seiner historischen Situiertheit oder seiner formal-ästhetischen Sprache gerecht.

Marina Schneede: Mit Haut und Haaren

Der Körper in der zeitgenössischen Kunst

DuMont Verlag, Köln 2002