Als vor 90 Jahren die Titanic einen Eisberg rammte, gab es Passagiere, die nicht auf die Befehle von oben hörten. Es waren die Reisenden der dritten Klasse, unten im Schiff, denen von Deck der Ruf entgegenschallte, sie mögen in Ruhe warten, es seien Rettungsboote für alle da. Sie aber warteten nicht, sondern drängten nach oben und brachten so die Rettungsmanöver der Offiziere durcheinander. Waren diese Menschen alle Egoisten? Nein. Sie hatten nur begriffen, dass sie belogen wurden. Diesen Freitag entscheidet der Bundestag über eine erneute Erhöhung der Rentenbeiträge. Eine Gruppe grüner Abgeordneter drohte, gegen die eigene Regierung zu stimmen. Damit gefährdeten sie das Rettungsmanöver, mit dem Sozialministerin Ulla Schmidt in der Wirtschaftskrise den Alten im Lande die Rentenerhöhung sichern will. Verhielten sie sich unsozial? Sind die Millionen Bundesbürger, die wegen der zusätzlichen Belastung auf die Regierung schimpfen, unsolidarische Egoisten? Nein. Sie haben nur begriffen, dass ihnen niemand die Wahrheit sagt. Dass ihnen die Politiker weiter vorgaukeln, das Rentensystem sei sozial und überlebensfähig.Die Lecks im SystemNorbert Blüm, Arbeitsminister unter Kohl, verglich dieses System einst mit einem großen, schweren Schiff. Konrad Adenauer ließ es 1957 vom Stapel, und lange konnten die Deutschen glauben, sie seien auf einer fröhlichen Kreuzfahrt. Sie zahlten sieben Prozent ihres Bruttolohnes in die Rentenkasse. Ihre Arbeitgeber legten noch mal dasselbe drauf, und fertig war die großzügige Rente, die mit den Löhnen stieg. Deutsche Rentner hatten es gut.Allerdings nicht alle. Bald zeigten sich die Lecks im System. Das versprochene Rentenniveau von 70 Prozent des Lohnes ist nur für den komfortabel, der durchschnittlich verdient und 45 Jahre lang Vollzeit arbeitet. Wer Teilzeit arbeitet, sich um die Familie kümmert oder zwischendurch seinen Job verliert, kriegt im Alter schnell Probleme. Beamte und Freiberufler sind erst gar nicht drin in der gesetzlichen Rente. Ärzte haben eigene Versicherungssysteme, andere Selbstständige nicht.Vor allem aber funktioniert das System nur, solange genug arbeitsfähige und erwerbstätige Menschen im Land leben. Denn sie erwirtschaften die Beiträge, die der Staat an die Rentner weiterreicht.Jahrzehntelang fielen diese Widersprüche und Probleme wenigen auf. Im Deutschland von früher hatte man einen lebenslangen Vollzeitjob, und außerdem hatte man Kinder. Die Rente war sicher.Im Deutschland von heute ist Arbeitslosigkeit der Alltag mehrerer Millionen Menschen. Die Teilzeitquote ist gestiegen und "Selbstständige" nicht länger nur ein anderes Wort für Ärzte, sondern auch für Paketausfahrer oder Software-Berater. Die Republik ist voll von Menschen, denen die gesetzliche Rente kaum helfen wird oder die gar nicht erst im Rentensystem sind. Aber auch die Vollzeitarbeitnehmer können sich ihrer Rente nicht mehr sicher sein. Denn dem Land gehen die jungen Menschen, die Einzahler von morgen, aus. 1960 lag der Anteil der über 60-Jährigen bei 17 Prozent. Heute sind es 24 Prozent, in 40 Jahren werden es 40 Prozent sein. Die Deutschen haben nicht genug Kinder. Immer weniger Berufstätige müssen immer mehr Rentner finanzieren. Das Rentenschiff hat Schlagseite, es droht zu sinken.Und die Politik? Die verkündet verzweifelt, die Passagiere mögen bitte Ruhe bewahren. Das fällt schwer. Seit 1977 haben die Sozialminister mehr als zwanzig Mal am Rentensystem geschraubt. Sie haben Beiträge erhöht, gesenkt, erhöht, Berechnungsmethoden verändert und die Bürger zur privaten Zusatzvorsorge aufgefordert.Aber sie haben den Wählern keine triftigen Antworten gegeben: Warum zum Beispiel müssen Teilzeitjobber und Alleinerziehende Rentenbeiträge zahlen, wenn sie am Ende eine Rente kriegen, die kaum über dem Niveau der Sozialhilfe liegt? Warum muss oder darf der selbstständige Kurierfahrer selbst vorsorgen, während man das dem angestellten Kurierfahrer nicht zutraut? Warum sind Beamte und Freiberufler von der Solidargemeinschaft ausgenommen? Und wie will man angesichts der Überalterung in Deutschland verhindern, dass die Rentenbeiträge weiter steigen? Warum also wrackt die Regierung nicht das alte Rentenschiff ab und macht sich endlich daran, ein neues zu bauen?Das Land braucht ein Rentensystem für alle, ähnlich wie in der Schweiz. Dort zahlt jeder Arbeitnehmer nur fünf Prozent seines Lohnes an die staatliche Rentenversicherung, der Arbeitgeber gibt dasselbe dazu. Derart niedrige Beiträge sind möglich, weil in der Schweiz auch Selbstständige in die staatliche Rentenkasse einzahlen. Und weil es keine Beitragsbemessungsgrenze nach oben gibt. Wer viel verdient, muss viel zahlen. Trotzdem erwirbt er nur einen Rentenanspruch auf maximal 2060 Franken, das sind 1410 Euro im Monat.Ein solches System ernsthafter Solidarität spült genug Geld in die Rentenkasse, um auch Alleinerziehenden und Teilzeitjobbern eine Rente zu garantieren, die zum Leben reicht. Gleichzeitig entlastet es die Unternehmen, die für ihre Angestellten kaum noch Rentenbeiträge bezahlen müssen. Arbeit wird billiger, wodurch neue Jobs entstehen, was wiederum der Rentenkasse zugute kommt.Die Lösung: Länger arbeitenNeben der staatlichen Rente ließe sich, wie in der Schweiz, eine verpflichtende betriebliche Altersvorsorge einführen. Oder die Menschen entscheiden selbst, wie viel Geld sie zusätzlich für ihr Alter sparen wollen. Wer glaubt, sie könnten das nicht, muss erklären, warum es die selbstständige Gemüsefrau um die Ecke bisher können musste.Mit solchen Maßnahmen könnte man viele Ungerechtigkeiten eines Systems auflösen, das oft jenen gibt, die schon haben, während andere leer ausgehen. Das demografische Rentenproblem, verursacht durch die Überalterung der Gesellschaft, ließe sich dadurch mildern, allerdings nicht lösen. Auch Millionäre und Selbstständige altern. Deshalb geht es bei einer vernünftigen Rentenreform nicht nur um Finanzen, sondern auch um eine neue Sicht des Alters und der Kindheit.Alte müssen endlich so lange arbeiten dürfen, wie sie wollen. In Adenauers Industriegesellschaft sehnten sich die Stahlwerker nach dem Ruhestand. Heute würde gern jeder Dritte über das 65. Lebensjahr hinaus arbeiten. Verträge, Konventionen und der Jugendwahn in Unternehmen zwingen zum Ausstieg. Würden sie alle weiterarbeiten, wäre die Rentenkasse von morgen um einiges voller.Und Kinder müssen endlich als das gesehen werden, was sie sind: der Nachwuchs, den das Land zum Leben braucht. Heute aber sind sie ein Armutsgrund. Vor der Einführung der Rentenversicherung ging es dem schlecht, der keine Kinder hatte. Heute spart sich reich, wer keine Kinder hat. Er arbeitet im Vollzeittakt, und wenn er alt ist, lebt er von Rentenbeiträgen, die die Kinder anderer Leute zahlen.Das deutsche Rentensystem übersieht, dass nicht nur sehr alte, sondern auch sehr junge Menschen sich nicht selbst ernähren können. Während der Staat aber für die Alten ein Fürsorgesystem errichtet hat, speist er die Familien mit ein bisschen Kindergeld ab. Was Eltern über die Jahre für Ausbildung und Erziehung ausgeben, oft mehrere hunderttausend Euro, können sie meist nicht mal von der Steuer absetzen. Dem Ökonomen Wilfried Schreiber, der Ende der Fünfziger das hiesige Rentensystem erfand, war das Problem bewusst. Er wollte nicht nur eine Rente für Alte, sondern auch für Kinder. Adenauer aber antwortete: "Kinder kriegen die Leute sowieso." Er irrte. So wie der Kapitän der Titanic.