Der Spiegel , darauf haben sich nach dem Tod von Rudolf Augstein Freund und Feind gern verständigt, ist ein Mythos. Leider sind moderne Mythen wie Seidenpapier. Wir hüllen darin unsere Wirklichkeit ein, um sie vor Nachforschungen zu bewahren. So hält sich bis heute hartnäckig das Gerücht, der Spiegel sei von Anfang an als "Sturmgeschütz der Demokratie" in Stellung gebracht worden. Das ist leider nur die halbe Wahrheit. Es war zuerst der grimmige Widerstand gegen Adenauers Politik der Westbindung, die den nationalliberalen Augstein in den Harnisch trieb. Und der Spiegel als erstes Organ der Vergangenheitsaufklärung? Nein, am Redaktionstisch saß nicht nur ein Häuflein Aufrechter, sondern auch eine Hand voll ehemaliger Nazis, während Augstein die Bundesrepublik schon auf Recht und Freiheit einschwor. Dann kam 1962 der Gesetzesbrecher Franz Josef Strauß und brachte Augstein für hundert Tage hinter Gitter. Damit erwies Strauß der Demokratie einen unschätzbaren Dienst: Im Augenblick seines Triumphes erlitt der Obrigkeitsstaat eine Niederlage, von der er sich nicht mehr erholen sollte. Wenigstens das ist kein Spiegel-Mythos, sondern die Quelle seiner Autorität, bis heute. Wie kurzlebig Autorität ist und wie schnell sie zu Bruch geht, weiß der Spiegel selbst am besten. Weil seine Autorität sich der Enthüllung verdankt, wartet er auf den Skandal wie der Beichtpriester auf die Sünde. Der Spiegel braucht den Gegner, und wenn es nicht der Staat persönlich ist, dann so einen Sonnenkönig wie Oskar Lafontaine, der einst das Presserecht verschärfen wollte und schon mit dem Maulkorb wedelte. Und wenn schon kein Franz Josef Strauß aufzutreiben war, so ließ sich doch ein Lothar Späth, den es kostengünstig nach Bangkok getrieben hatte, im Namen deutscher Sittlichkeit demontierten. Bleibt aber der Skandal aus, dann schrumpft der Spiegel auf Lebensgröße. Drunten im Tal der gewöhnlichen Welt, so hat der Publizist Claus Koch einmal bemerkt, fehle es dem Spiegel plötzlich "an seiner singulären Notwendigkeit". Dann nähme das Organ der "Mehrheitsmittelklasse alles, was kommt", und er "nimmt es, wie es kommt". Der Spiegel , der, so Koch, früher ein "Täter war und vor Energie" vibrierte, "sammelt nur noch fleißig Urteile über die gegenwärtige Zeit, aber weiß nichts damit anzufangen". Das war in den vergangenen Jahren häufig der Fall. Der Spiegel hat viele Meinungen gesammelt und seinen Zauberberg oft verlassen, in der Regel aus freien Stücken. Unvergessen bleibt, wie er während seiner inneren Focus-Krise 1993 dem Häppchenjournalismus schöne Augen machte. Er träumte von Auflagensteigerung durch Anpassung an die angeblichen Wünsche eines oberflächlichen Lesers, und die Auflage sank. Er huldigte mit Servicejournalismus dem unbekannten Verbraucher, und die Auflage sank immer noch. Damals hatte sich der Spiegel einreden lassen, seit dem Mauerfall sei die goldene Zeit von Machtkritik und Enthüllungsjournalismus vorbei und deutsche Politik bald so harmlos wie die Tulpenfelder von Holland. Das Argument, auf das die halbe Welt hereingefallen ist, lautete so: Nachdem der deutsche Nationalstaat wieder groß und stark sei, könne er auf kleine Nebenregierungen und Kontrollöffentlichkeiten getrost verzichten - erst recht auf die "Demokratiemaschine" des Spiegels . Denn die Demokratie, die mache der Staat jetzt selbst. Seltsam beglückt nahmen viele Spiegel -Redakteure die Nachricht vom Ableben des politischen Journalismus entgegen, ganz so, als seien sie Augsteins Auftrag überdrüssig, sich krummzulegen und Woche für Woche ihr linksliberales "Sturmgeschütz" in Stellung zu bringen. Bald vollzog die Redaktion ideologische Wendungen, die niemand von ihr verlangt hatte, und dann hieß es mit ausländerfeindlichem Unterton 1997: "Gefährlich fremd - Das Scheitern der multikulturellen Gesellschaft." Zwischendurch recherchierten Fachkräfte Vampir-Geschichten und erklärten dem Verbraucher die Welt von AOL und Telekom, als seien sie deren bessere Pressestelle.Und plötzlich war der Spiegel nicht mehr das erste Investigationsorgan der Presselandschaft, sondern nur noch ein Magazin aus Hamburg. Das war die Zeit, als auch die Konkurrenz den politischen Journalismus an den Katzentisch verbannte und sich von windigen Pop-Journalisten bunte Teile maßschneidern ließen, ganz wie im Leben. "Bauch-Beine-Po". Der Fels der Allwissenheit Seine Midlife-Crisis hat der Spiegel zwar hinter sich, aber er laboriert immer noch daran, dass seine Geschichten einen "hohen menschlichen Bezug haben" müssen, so steht's in seinem Statut. Der Gegner, den das Blatt ins Visier nimmt, braucht ein Gesicht und einen Namen, und darum war das Bonner Treibhaus eine glückliche Zeit. Damals war das Kanzleramt so bescheiden wie die Kreissparkasse von Brilon, aber es war die Adresse der Macht. Heute ist das Bundeskanzleramt so groß wie die Oper von Sydney, aber der Wirkungsbereich des Kanzlers reicht nur bis zur Kürzung der Eigenheimzulage um höchstens zwei Prozent. Die wirklich Mächtigen, denen gegenüber sich der Spiegel als Gegenmacht aufführen kann, sitzen weder in der bayerischen Staatskanzlei noch im Berliner Parlament. Sie gehören vielmehr zur globalen Klasse der "Entscheider" und befinden sich im Stand der Ungreifbarkeit. Ihre Macht ist anonym, hat keinen festen Wohnsitz und hält sich an keine Grenzen. Man findet sie in transnationalen Vorstandsetagen, in der Wissensindustrie sowie in inner- und außereuropäischen Institutionen. Angesichts der unpersönlichen Macht steht ein Enthüllungsjournalist, der die Welt bislang nur im Spiegel einer nationalen Person wahrnehmen wollte, vor ganz neuen Aufgaben. Er muss Strukturen analysieren, Verhältnisse beschreiben und sagen, wer die Puppen tanzen lässt. Und zwar noch vor dem Skandal. Solche Verschiebungen auf dem Gelände der Macht lassen den journalistischen Seelenzustand nicht unberührt. Der Fels der Allwissenheit bröckelt, die Schar der politischen Republikaner im Spiegel schrumpft, und smarte Pragmatiker klettern auf die Brücke. Politische Neugier, erst recht das humane Einfühlungsvermögen in den Stand der Dinge hat sich in die Reportagen zurückgezogen, und die zählen immer noch zum Besten, was es hierzulande zu lesen gibt. Daneben ist das Magazin so wissenschafts- und technikgläubig wie die Konkurrenz, nur der Papst in Rom weckt zuverlässig das alte Ressentiment. Unter Rudolf Augstein kämpfte der Spiegel wacker für die Deregulierung des autoritären Staates, unter Stefan Aust für die Deregulierung der Wirtschaft, auch wenn, wie die Dissidenten der Weltbank längst wissen, die Krise der Erwerbsgesellschaft damit nicht zu lösen ist. Im Großen und Ganzen segelt das Blatt in einem Meer der Ratlosigkeit, aber die anderen tun es in dieser Zeit ja auch. Widerlegt ist damit Enzensbergers Vorwurf, der Spiegel gebe nur vor, die Welt verändern zu wollen, wisse aber nicht, zu welchem Ende. In Wirklichkeit will der Spiegel die Welt gar nicht verändern, sondern wünscht nur, dass sie besser funktioniert und die Züge pünktlich fahren. Dabei hat er mit seiner brillanten Essay-Serie zur Jahrtausendwende allen publizistischen Mitbewerbern den Rang abgelaufen und die klügsten politischen Analysen geliefert. Doch im geistigen Binnenraum des Blattes war der Widerhall gleich null. Eigentlich ist das ein Widerspruch. Denn seitdem Augstein der deutschen Rechten schmerzhaft klar gemacht hat, wie sinnlos es ist, den Leichnam des autoritären Staates wiederzubeleben, gilt der Spiegel als Schoßkind der Intellektuellen. Heute würden Augsteins berühmte Interviews mit Philosophen wegen Bildungshuberei vermutlich gar nicht mehr gedruckt. Erst recht das Gespräch mit Martin Heidegger bedürfte wegen geistiger šberforderung des Lesers dringend der popkulturellen Modernisierung. Das hat Gründe, und sie liegen nicht beim Leser, sondern in der Redaktion. Denn der Kulturteil pflegt dieselbe Abneigung gegen das Schwierige wie der politische Teil auch - er ist sein Symptom. Im Allgemeinen besteht die Originaltätigkeit der Zeitgeistwächter nämlich in der Hatz auf Intellektuelle, wahlweise auf politisch Korrekte, "prätentiöse Theoretiker" und "Fistel-Feuilletonisten", Hochkulturbetreiber, WDR-Redakteure, Moralapostel, Achtundsechziger und linke Lehrer. Was die Erledigung von Intellektuellen angeht, eilt die Jagdgesellschaft derzeit von Sieg zu Sieg. Alarmistisch warnt sie vor Alarmisten oder vor dem Gottseibeiuns Roger Willemsen, dem der Spiegel einen Schmähartikel von beispielloser Niedertracht widmete. Ein paar Fürwitzige glauben wirklich, Kulturkritiker und Bildungsbürger gehörten neben der al-Qaida zu den größten Bedrohungen, auf die sich die westliche Zivilisation einzustellen habe. Bei so viel Wut auf die "Hochkultur" gerät die ganze Welt zum Spiegel der Hamburger Provinz, und dann fragt die Redaktion drohend, wie lange wir dem Kultursender Arte noch gestatten wollen, sein Geld für Berichte über französische Sozialarbeiter zu verschleudern. Die große Säuberung Gerechterweise muss man sagen, dass das Spiegel -Feuilleton gute Bücher aus ganzem Herzen liebt, zumal dann, wenn diese sich einem deutschen Fräuleinwunder verdanken. Aber Rezensionen und Kritiken haben es schwer, denn Platz ist knapp. Nirgends ist die deutsche Spaßgesellschaft so raumgreifend unter die Lupe genommen worden wie im Kulturteil des Spiegels, niemand hat Frau Abdel Farrag und Frau Feldbusch derart ausgeleuchtet wie die Herren aus Hamburg. Gewiss, wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, sagte Karl Kraus, werfen auch Zwerge lange Schatten. Aber das erklärt nicht die närrische Liebe des Magazins zum Fun. Für einen Spiegel -Inspektor, der in der Regel genau den Zeitgeist verkörpert, dessen Herrschaft er beklagt, ist die Medien-Spaßgesellschaft eine Waschanlage. Mit ihr reinigte er sich von Utopien, die schon im Augenblick ihrer Niederschrift von gestern waren. Nachdem er die Schlacken seiner geistigen Jugend abgespült hatte, las er Bücher von Medienphilosophen und glaubte fest, es existiere keine Realität außerhalb des Fernsehens. Aus diesem Grund hatte der Spiegel den Big Brother-Container schon inspiziert, bevor Guido Westerwelle mobil zur Stelle war. Er hoffte auf ein Pontifikalamt der Spaßgesellschaft und beugte die Knie. Tatsächlich aber waren Pop und Spaßgesellschaft die Begleitmusik zum Aufstieg der New Economy. Nun, auch der Spiegel wird es irgendwann merken und exklusiv darüber berichten. Hans-Magnus Enzensberger hat vor zwanzig Jahren davon abgeraten, dem Spiegel "irgendwelche Überzeugungen zuzuschreiben". Wo andere Zeitungen behaupten, sie hätten eine Überzeugung, steht beim Spiegel ein Inserat. Natürlich finden die Kollegen von der Konkurrenz das schrecklich enttäuschend. Von sich selbst und dem eigenen Blatt hätte man im Zweifelsfall nichts anderes erwartet. Aber vom Spiegel ?