Der Jobwechsel brachte den Abstieg – zumindest sahen das die Kollegen so. "Viele signalisierten mir, dass ich plötzlich zur gegnerischen Seite gehörte", sagt Heike Jung, die letztes Jahr ihre Stelle als Kinderärztin an der Medizinischen Hochschule Hannover kündigte und beim amerikanischen Pharmaunternehmen Lilly in der klinischen Forschung anfing. Sie wunderte sich, wie ablehnend viele Kollegen ihre Entscheidung aufnahmen. "Als hätte ich meine Seele der Industrie verkauft und würde jetzt wegen besserer Bezahlung nur noch daran denken, Medikamente zu verkaufen", sagt Jung.

Genau dieses Image des Verkäufers klebt am Arzt in der Pharmabranche. Als wäre er ein besser gestellter Pharmareferent, der sich durch Einschleimen und Klinkenputzen profiliert. "Mit diesem negativen Bild haben wir zu kämpfen", sagt Thomas Weihrauch, Direktor der internationalen medizinischen Strategie von Bayer, "dabei arbeiten die Ärzte im Unternehmen hauptsächlich in der Forschung an neuen Medikamenten, der Arzneimittelsicherheit und an der Entwicklung von Therapiestudien." In den USA oder in England hätten die Wissenschaftler ein unverkrampfteres Verhältnis zur Pharmaindustrie als in Deutschland, so Weihrauch. Doch in den letzten 20 Jahren ist auch hierzulande das Interesse unter den Ärzten für dieses Gebiet gewaltig gestiegen.

Immerhin arbeiten derzeit bundesweit 2000 Mediziner in diesem Industriezweig. Demnächst könnte sich sogar eine Facharztausbildung für Pharmazeutische Medizin europaweit etablieren. In Großbritannien gibt es sie bereits: Dort legen die Ärzte nach zwei Jahren klinischer Erfahrung und vier Jahren strukturierter Ausbildung im Pharmabereich ihre Facharztprüfung ab. Ein ähnliches Curriculum existiert auch in der Schweiz. Wird in einem weiteren EU-Land dieser Facharzttitel akkreditiert, könnte kurzfristig auch in Deutschland diese Weiterbildung eingeführt werden.

50000 Euro Einstiegsgehalt

Bis es so weit ist, rekrutiert die Pharmaindustrie entweder Studienabgänger oder Klinikaussteiger. "Ein Chirurg, der schon über 1000 Bypass-Operationen hinter sich hat und jetzt von seinem Beruf gefrustet ist, hat bei uns schlechte Chancen", sagt Thomas Weihrauch. Denn sie seien kein Auffangbecken für gescheiterte Existenzen. Am liebsten stelle er Internisten, Kinderärzte oder klinische Pharmakologen ein, die sich im Idealfall bereits seit längerem für Arzneimittel interessieren.

Wer einmal den Sprung in die Industrie gewagt hat, kehrt nur selten in den Alltag am Krankenbett zurück. Bei Bayer – so Weihrauch – gebe es eine Fluktuationsrate unter den Ärzten von gerade einmal sechs Prozent – und der Großteil davon gehe zu einer anderen Firma. Meist lockt die Konkurrenz mit einem attraktiven Angebot.

Die Aufstiegsmöglichkeiten sind in der Industrie vielfältiger als im Krankenhaus. Das Einstiegsgehalt promovierter Mitarbeiter liegt derzeit bei gut 50000 Euro, je nach persönlichem Einsatz und Leistung kann sich das Einkommen rasch nach oben entwickeln.