Paradox darf man es schon finden. Vor zwölf Monaten wäre die rot-grüne Koalition fast wegen der Abstimmung über den Antiterroreinsatz der Bundeswehr zerbrochen. Die Emotionen schlugen so gewaltig hoch, dass Gerhard Schröder die Vertrauensfrage stellen musste, um Mandat, Koalition und Regierung zu retten. Diese Woche nun hatten die Abgeordneten über die Verlängerung des Mandats zu entscheiden – doch die Öffentlichkeit schien ungerührt. Selbst im Parlament war vor der Abstimmung allenfalls verhaltenes Grollen zu registrieren.

Alles dies, obwohl der Planet Wirklichkeit, auf dem die derzeit rund 1150 Soldaten ihrem Auftrag nachgehen (als Teil der US-geführten Operation Enduring Freedom in Afghanistan, am Horn von Afrika und in Kuwait), unterdessen um einiges unübersichtlicher, ja gefährlicher geworden ist.

Was ist hier los? Die Wahrheit lautet: Die Abstimmung hat alle Beteiligten in böse Verlegenheit gebracht. Das Resultat ist ein nervöses Beschweigekartell aus Regierung, Opposition und Bundeswehr.

Die Regierung: Sie verfügt rechnerisch über eine Bundestagsmehrheit von neun Abgeordneten; die Zahl der Zweifler, Unzufriedenen und schlicht Genervten aber gilt als durchaus höher. Der Tagesbefehl heißt daher eiserne Fraktionsdisziplin. Die Einpeitscher können dabei auf gute Argumente verweisen. Ein Mandat, das nur mit den Stimmen der Gegner zustande käme, wäre ein Schlag für die Glaubwürdigkeit der rot-grünen Koalition. Vor dem Hintergrund der eifrigen Bemühungen in Berlin, das Verhältnis zu Washington zu "entgiften", haben die deutschen Auslandseinsätze zudem den Charakter eines Tauschgeschäfts bekommen. Die Verlängerung sämtlicher anstehender Mandate (von Enduring Freedom über die Mazedonien-Mission bis hin zu den Patrouillen der Isaf in Kabul) ist – das haben die Minister und Fraktionsspitzen den Hinterbänklern eingeschärft – der unabdingbare Preis für das Nein zur Beteiligung an einem Krieg gegen den Irak. Was zu Zeiten des Golfkrieges die Scheckbuch-Diplomatie war, wird so durch die Truppenentsende-Diplomatie abgelöst. Auch das ist eine Spätfolge des "deutschen Weges".

Die Opposition: Sie befindet sich ebenfalls in der Zwickmühle. Wolfgang Schäubles Vorpreschen nach Schröders Wahlkampfauftritt – natürlich muss Deutschland neben Amerika reiten, wenn es gegen Saddam geht – passte vielen Abgeordneten von CDU und CSU nicht. Andererseits stecken die deutschen Konservativen im selben Dilemma wie die amerikanischen Demokraten: Ein Votum gegen militärische Antiterroreinsätze wäre eine einfache Fahrkarte ins politische Abseits. Also Mitmachen. Zähneknirschend.

Die Bundeswehr: Im Prinzip geht nichts mehr. Weltweit sind derzeit knapp 8700 Soldaten im Einsatz, zu Hause muss die Bundeswehr-Reform überarbeitet werden, zu allem Überfluss droht auch noch eine erneute Haushaltskürzung. Nur hat inzwischen auch der letzte Gefreite begriffen, dass die Auslandseinsätze der heimliche Bohrkopf der Reformer gegen die Granitfront der Beharrer und Verhinderer sind – und dass Fotos von Soldaten, die Schulen reparieren, die Herzen von Bürgern und Haushältern erweichen. Da heißt die Devise wider besseres Wissen: Wir können immer.

Das Beschweigekartell von Berlin