Martina, 43, Ärztin in Landshut/Bayern, verheiratet, drei Kinder, über ihren Sohn Paul, 18:

Ich habe ein Foto von seinem Zimmer gemacht, damit ich nicht vergesse, wie es da aussieht – damit ich ihm das später einmal zeigen kann. Er hat sich angewöhnt, alles fallen zu lassen. Ich dachte immer, das sei eine Phase, aber das geht schon drei, vier Jahre so. Er hat einen hübschen Teppich in seinem Zimmer, aber den sieht man nicht, weil alles herumliegt: schmutzige Kleider und auch saubere Kleider, CDs ohne Schutzhüllen, leere Bierflaschen, faulende Bananenschalen, schmutzige Müslischüsseln und überquellende Aschenbecher. Dabei raucht er selber gar nicht.

Er geht jetzt in die 12. Klasse, und ich denke: Hoffentlich zieht er bald aus. Wir haben ein eigenes Haus. Sein Zimmer ist ein Treffpunkt. Die Freunde, die zu ihm kommen, gehen die Treppe rauf. Die berühren uns gar nicht. Er will auch nicht, dass wir mit denen reden, er hat Angst, wir könnten was Peinliches sagen. Ich sehe, dass die Jungs Sachen mitbringen: Six-Packs, Fertigpizzas und Videos. Mein Sohn ist Vegetarier, darum bestellen sie auch oft beim Chinesen. Ich finde, die sind alle unheimlich faul. Sie hören Musik und spielen Risiko. Das weiß ich, weil am nächsten Tag noch alles herumliegt.

Aber ich mache in seinem Zimmer nichts mehr – er möchte das nicht. Er will auch nicht, dass ich sein Bett mache. Es gibt jetzt neue Regeln für mich: Nicht ins Zimmer hineingehen! Nicht herumschnüffeln! Eine Zeit lang hat er das Zimmer auch abgesperrt. Ich gehe trotzdem jeden Tag rein, um zu lüften. Ich habe auch schon einmal heimlich in seine Schubladen geschaut, habe aber nie etwas gefunden. Ich weiß, dass er ab und zu Dope raucht. Wir dulden das. Er wollte auch Pflänzchen auf unsere Terrasse stellen. Das habe ich aber verboten.

Paul ist sehr verschlossen, er redet wenig mit uns. Was Mädchen betrifft, hat er noch nie etwas erzählt. Vergangenen Sommer ist er nur in seinem Zimmer gesessen, hat Musik gehört und ferngesehen – auch am Nachmittag. Er macht auch selber Musik, aber das Klavier steht im Esszimmer, deswegen hätte er gern ein Keyboard für sein Zimmer, damit er mit Kopfhörer darauf spielen kann. Eine Zeit lang hat er sich sehr für die Rastafari-Bewegung interessiert, hatte zu diesem Thema mehrere englische Bücher in seinem Zimmer liegen. Er hatte auch schon zweimal Dreadlocks.

Paul hat schon gerne zum Aufstehen sehr laute Musik, das halte ich rein körperlich nicht aus. Ich habe mich immer in den Zimmern meiner Töchter wohler gefühlt. Die wollen es schön haben. Das Zimmer meines Sohnes gehört dringend gestrichen. Die Wände sind verschmiert, aber ich glaube, es soll so vergammelt aussehen.

Paul hat sich mit seinem Vater in den letzten Jahren schlecht verstanden. Mein Mann sagt: "Wir können ihm nicht alles durchgehen lassen." Ich sage: "Wir müssen diese eigene Welt akzeptieren lernen." Da waren wir uns nie einig, das war vielleicht ein Fehler. Er ist jetzt 18 und muss lernen, Verantwortung für sich zu übernehmen. Ich habe das Gefühl, für Erziehung ist es jetzt zu spät.