Das Kangaroo-Island-Känguru ist langsam. Es hat kaum Feinde und hüpft weder so hoch noch so schnell wie seine Verwandten vom Festland. Aber dafür ist es geschickt. Es kann zum Beispiel Zweimannzelt-Reißverschlüsse aufmachen, Käse-Sandwiches aus dem Proviantkorb angeln, sie auswickeln und aufessen. Das ist schlecht für hungrige Camper, denn Kangaroo Island, 110 Kilometer südlich von Adelaide, ist einsam und der nächste Supermarkt oft weit weg. Auch für die roos, wie Australier ihre Wappentiere nennen, ist das nicht gut. Sie bekommen von Käsebroten Maul- und Magenkrankheiten. Zum Glück finden sie auf dem Eiland relativ selten belegte Brote. 4373 Menschen bewohnen die mit 4500 Quadratkilometern drittgrößte Insel Australiens, aber mehr als eine Million Beuteltiere: außer den Kängurus vor allem deren kleinere Verwandte, die Tammar Wallabys, nachtaktive Wombats und mehr als 10000 Koalas. Im Buschland, in Seen und dichten Wäldern drängen sich Ameisenigel, Schnabeltiere, Goannas und Sumpfratten. Zwischen weißsandigen Buchten und Felsen ziehen Seelöwen und Robben ihre Jungen auf, und mehr als 250 Vogel- nebst seltener Papageienarten sind in dem südaustralischen Natur-Idyll heimisch. Kein Wunder, dass die Insel den Beinamen "Zoo ohne Zäune" hat. ZEIT-Grafik

Obwohl es auf dem kleinen Fleck Erde, den die Einheimischen lässig "KI" nennen, durchaus Absperrungen gibt. Hinter denen sitzen allerdings meist Menschen – weil sie weder gefräßige Opossums in ihrem Gemüsegarten sehen wollen noch Schlangen unter der Veranda. Und manchmal ist nicht ganz klar, wer hier eigentlich wen bestaunt. Die quietschbunten Papageien, die seit einer halben Stunde immer wieder pfeilschnell über meinen Kopf jagen, wirken jedenfalls, als sei an diesem Nachmittag ich ihr bevorzugtes Ausflugsziel. Ich habe mitten auf einer schnurgeraden Schotterstraße im Busch geparkt, die nicht wirkt, als würde sie heute noch jemand benutzen.

Achtzehn Stunden Schlaf und zum Frühstück Eukalyptusblätter

Es ist sonnig, warm und so unwirklich friedlich, dass man einfach ab und zu aussteigen muss, um zu hören, wie die Natur klingt. Kakadus kreischen, Grillen schnarren, Wind weht durch hohe Eukalyptusbäume. Sitzen dort vielleicht Koalas in den Astgabeln? Anderswo vom Aussterben bedroht, gelten sie auf der Insel als Landplage. Vor allem, weil sie Vielfraße sind. 18 Stunden am Tag schlafen Koalas, in der übrigen Zeit vertilgen sie bis zu ein Kilogramm Eukalyptusblätter. Und zwischendurch vermehren sie sich – auf Kangaroo Island, wo Koalas von Feinden und Krankheiten verschont sind, so stark, dass die Umweltbehörden eingreifen mussten. Sie sterilisierten die Beuteltiere und siedelten sie zu Hunderten um, weil die ihre grüne Speisekammer völlig leer zu fressen drohten. Die schlanken Bäume, deren Zweige hoch oben im Wind schaukeln, sind alles andere als kahl. Wahrscheinlich gehören sie nicht zu den 12 der mehr als 400 Eukalyptusarten, die den knopfäugigen Beutlern schmecken.

Egal, schließlich gibt es Aufregenderes, als schlafende Koalas zu wecken. Auf dem Rückweg zum Wagen stolpere ich fast über ein Echidna, eines der kuriosen Kriechtiere der Känguru-Insel. Die gelbbraunen Stacheln des Eier legenden Säugers erinnern an einen Igel, der Rüssel, mit dem er den Boden nach Ameisen durchwühlt, allerdings eher an die Nase von Pinocchio. Dass ich den Motor anlasse und gern losfahren würde, beeindruckt den Echidna nicht im Geringsten. Selbst schuld, wenn man vor einem (seinem!) Ameisenhaufen parkt. Auf Kangaroo Island geben die Tiere das Tempo vor und bestimmen indirekt sogar, wann es Zeit zum Schlafengehen ist. "Auf eigene Gefahr und ohne Versicherungsschutz", hatte Rose, die Autovermieterin, gerufen, könne man gern auch im Dunkeln fahren. Ratsam sei es nicht. "Bei Nacht gibt’s hier eh nichts zu sehen", sagte sie, stattdessen aber würde man mit Sicherheit ein paar roos über den Haufen fahren.

Die Sonne steht tief, es wird kühl, und meine Unterkunft liegt im äußersten Winkel des 74000 Hektar großen Flinders Chase National Park. Seit Stunden ist mir auf dem Feldweg kein Mensch begegnet, die Fahrbahn ist rot, staubig und führt durch endloses Buschland.

Das Cape Borda Lighthouse steht auf einer Klippe hoch über dem Meer, daneben eine Wetterstation und zwei kalkweiße Häuser. Im linken wohnt Dan, der Ranger und Leuchtturmwart. "Ja", sagt er und untertreibt ein bisschen, "es ist schon etwas abgelegen." Grinsend murmelt er: "Aber ganz allein ist man nie." Zur Dämmerstunde finden sich vor der Veranda zwei rosarote Papageien und ein Dutzend Wallabys ein, Fledermäuse machen sich fiepsend auf Beutefang. Dann plumpst sehr rot die Sonne ins Meer, und Südaustraliens einziger eckiger Leuchtturm übernimmt den Dienst. Es ist Nacht auf Kangaroo Island, aber Auto-Rose hatte höchstens zur Hälfte Recht. Zu sehen gibt es durchaus etwas. Alle 20 Sekunden machen die vier Strahlen des Leuchtfeuers dem Mond Konkurrenz. Sie tauchen Felsen, Wolken, Baumwipfel, Meer und den Rest der Einsamkeit in gleißend weißes Licht. Ein wenig unheimlich ist das, aber auch sehr romantisch.

Ebenfalls nach Einbruch der Dunkelheit muss vor die Tür, wer auf Kangaroo Island Pinguine treffen will. Während die Vögel tagsüber unter Wasser nach Fischen tauchen, gehen sie abends zu Hunderten vor den Ortschaften Kingscote und Penneshaw an Land. Laut kreischend, watscheln sie aus dem Wasser und versorgen ihre Jungen mit Beute. Dass ihnen Touristen dabei aus respektvoller Distanz, flüsternd und mit rot verdunkelten Taschenlampen zusehen, scheint sie wenig zu irritieren. Australiens little penguins sind wirklich winzig, kaum einen halben Meter groß, aber ihr Geschrei lässt keinen Zweifel daran, wer an der Nordostküste nach der Dämmerung das Sagen hat. Klug sind sie auch, denn hätten sie ihre Nester und Höhlen im Süden der Insel gebaut, wäre ihr Pinguin-Dasein deutlich gefährlicher. Beim Landgang träfen sie ihre ärgsten Feinde: Robben und Australische Seelöwen mit großem Appetit.