Es ist Rush-Hour auf dem Interstate Highway 35 zwischen Austin und San Antonio, und in dem zügigen Verkehrsstrom zieht ein halbes Haus vorbei, kaum langsamer als die Autos und dicht gefolgt von seiner zweiten Hälfte. Am Exit 223 verlässt das gespaltene Heim die schnurgerade Autobahn und biegt nach ein paar Meilen durch die flache Landschaft in eine stille Ortschaft ein. Sunset Ridge steht auf der Mauer am Eingang, einem Halbrund aus prächtigen Steinquadern, das auch die Einfahrt zu einem Golfclub, einer Eliteuniversität oder einem Friedhof markieren könnte. Routiniert rangieren die Fahrer ihre sperrige Fracht, bis sich die beiden Teile des Hauses an ihrem prädestinierten Platz genau gegenüberstehen. Sie entfernen die dünnen Plastikplanen an den Schnittstellen, die nun einen Einblick wie in die Puppenstube eines Giganten freigeben: Einbauküche, Badewanne und Waschbecken sind bereits installiert, sogar die Gardinen hängen schon, bis auf Tisch und Bett, Sessel und TV ist alles komplett. Drei bis vier Stunden dauert es, ehe die beiden Hälften miteinander "verheiratet" sind, wie es im Jargon der Industrie heißt, ehe die Fontanelle am Giebel geschlossen, die Wunde am Boden mit einem plüschigen Teppichboden gepflastert und das verräterische Räderwerk hinter einer Einfassung aus Pseudozement, dem so genannten Hardipanel, verborgen ist. Nun soll das Mobile Home einem traditionell an Ort und Stelle gebauten Haus zum Verwechseln ähnlich sehen. Noch vor Sonnenuntergang ist es an das Wasser- und Elektrizitätssystem angeschlossen und in einem zwei Meter unter der Erde begrabenen Betonklotz – dem "toten Mann" – verankert.

Alleinerziehende Mütter lästern im Clubraum über Ehemänner

104 Häuser haben sich seit der Gründung von Sunset Ridge im Jahr 2000 hier etabliert, und die Siedlung verzeichnet jeden Monat sechs bis acht Zuwanderer. In der ersten Phase sollen 178 Parzellen besetzt werden, und in wenigen Jahren wird die Gemeinde auf fast 600 Wohneinheiten anwachsen. Doch die Straßen mit ihren klangvollen Namen wie Harvest Moon Parkway, Country Knoll Drive und Rawhide Cove sind sauber und menschenleer, es gibt keinen Laden, kein Lokal, keine Post und kein Kino, nur ein Clubhaus. Es ist der einzige Bau im Ort, der nicht auf Rädern anrollte, es ist das Herz der Gemeinde, und der Junior Olympic Pool ist ihr Stolz. "Zu Ostern haben wir hier eine Eierjagd organisiert, und Weihnachten kam Santa Claus", erzählt Barbara Ullery bei einem Frühstück mit Blaubeerpfannkuchen, Speck und Ahornsirup, zu dem sie und ihr Mann Larry, die Manager von Sunset Ridge, in das Clubhaus eingeladen haben. Insgesamt erscheinen etwa 15 Personen, darunter die vor einigen Monaten zugezogene Büroangestellte Cathryn.

Sie verteilt Broschüren unter den anwesenden Frauen, in der Hoffnung, sie zu einem monatlichen Spielabend zu bewegen, bei dem alle über ihre Ehemänner und Freunde herziehen dürfen; Cathryn selbst steckt in einer schwierigen Scheidung und ist eine von 14 alleinstehenden Müttern, die ihre Kinder in Sunset Ridge, in einer Attrappe wahren Wohlstandes, aufziehen wollen.

Sunset Ridge gehört zum Imperium der Forest Communities, die über alle südlichen Regionen der Vereinigten Staaten verstreut sind und sich im Unterschied zu den berüchtigten Blechwaggongemeinden an eine Klientel aus der Mittelschicht wenden. Die Straßen mit ihren winzigen Stoppzeichen und schmalen Bürgersteigen werden regelmäßig von einem Polizeiwagen aus dem Nachbarort Kyle patrouilliert, und unter den Einwohnern gibt es sogar zwei Sheriffs. "Wir haben hier Krankenschwestern, Autohändler, Collegestudenten, Leute aus den unterschiedlichsten Bereichen", sagt Barbara Ullery, die mit Larry die wenigen langen Wochenenden des amerikanischen Kalenders in ihrem Wohnwagen auf gut geführten Campingplätzen an den künstlichen Seen von Texas verbringt.

Die meisten Bewohner von Sunset Ridge sind moderne Nomaden, die im Laufe ihres Lebens etliche Male ihre Adresse änderten und nun, vom häufigen Ortswechsel ermüdet, im Niemandsland am Highway Zwischenstation machen. Mächtige Sofas und übergewichtige Sessel sollen der unerträglichen Leichtigkeit des mobilen Daseins zumindest zeitweise Bodenständigkeit verleihen, und mit einer Breite von 11 mal 25 Metern vermittelt ein double wide die Illusion des home, sweet home nahezu perfekt. Häufig muss man die Dinge erst berühren, um ihre unwahre Natur zu erkennen: Die Steinmauer am Ortseingang ist hohl und aus dem gleichen Hardipanel gegossen, das die inzwischen verachteten Vinylsäume ablöst und überzeugend ein solides Fundament imitiert.

Bonnie und Rick suchten sich aus dem Katalog des Herstellers Palm Harbor ein Double Wide aus, das sich, ganz in Hardipanel, als Steinhaus verkleidet hat. Bonnie, die drei Nächte pro Woche für das Finanzamt die Telefone bedient, und Rick, ein arbeitsloser Software-Ingenieur, sind im Laufe ihrer 30-jährigen Ehe 18-mal umgezogen und wollen sich in Sunset Ridge endlich zur Ruhe setzen. Ihre Rastlosigkeit sublimiert Bonnie nun, indem sie alle drei Monate das gesamte Interieur umräumt. Zu Weihnachten stellt sie vier Bäume auf, und Rick ist mit den Nachbarn in einen Wettstreit geraten, wer die meisten Lichterketten um sein Haus schnürt. Am Ende eines Tages, der von dem Wunsch nach permanenter Verbesserung und Aufwertung der materiellen Existenz getrieben ist, schaukelt sich das Paar auf einem wabernden Warmwasserbett in den wohl verdienten Schlaf.

Raffinierte Wohnkultur: Bullennasenschliff im Schlafzimmer