Das leiseste Zucken des Schmerzes, und rege es sich nur in einem Atom, macht einen Riss in der Schöpfung von oben bis unten", sagt Thomas Payne in Büchners Schauspiel Dantons Tod.

Die Menschheitsgeschichte ergibt, wuchtig gesagt, einen Niagarafall solcher Phänomene, milliardenfache Risse von oben bis unten in jeder Sekunde. In diesem Tumult kann sich ein Einzelner lange und aufrecht behaupten, ehe er doch zerfetzt und weggefegt wird. Meistens merken es die anderen kaum, wenn wieder einer fort ist.

Der Regisseur Rudolf Noelte hat dieses tosende Schmerz- und Rissgeschehen in die bürgerlichen Wohnstuben verlegt, es gedämpft und lesbar gemacht. Man konnte es nun von den Gesichtern und Körpern seiner Spieler ablesen.

Seine Schauspieler, es waren immer die Besten und Berühmtesten, Bernhard Minetti, Will Quadflieg, Gustav Knuth, Theo Lingen, Thomas Holtzmann, gingen in kleinen Rissen verloren. Sie bewegten sich in Räumen, hinter denen tiefere Räume sichtbar waren, und bisweilen huschten sie in diese tieferen Räume, während sie noch sprachen. Sie waren dann fort, nur ihre Stimmen tönten hohl herüber. Und die Architektur erwies sich als ein System des Sortierens und Verschlingens von Leben, in dem der Einzelne wenig zählt.

Rudolf Noelte markierte seine Figuren, indem er sie verschwinden und wieder auftauchen ließ. Das Leben ging ohne sie weiter, und schon war es, als hätten sie nie gelebt: eine blitzhafte Erfahrung des Verschollenseins.

Dekonstruktion einer Figur als Vorahnung des Umstandes, dass sie bald für immer weg sein wird. Ein Riss ging durch die Szene von oben bis unten. So zeigte Noelte, dass es unter uns keine Sicherheit und keine Verlässlichkeit geben kann und dass jeder Zusammenhang eine kostbare Augenblickssache ist.

Man geht aus der Gesellschaft, und wenn man zurückkommt, ist alles verwandelt, auch man selbst - als sei jede Erfahrung zwischen uns vergebens gewesen. So war man bei Noelte, selbst im schönsten Menschengewimmel, immer allein.