Am Tag danach: Ausgebrannte Gebäude und Straßenbahnen in Bogotá

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Es ist ein Krieg ohne Ende, der längste Bürgerkrieg unserer Zeit. Seit über fünfzig Jahren erschüttert er Kolumbien, den viertgrößten Staat Südamerikas, jährlich fallen zwischen 25.000 und 30.000 Menschen dem Terror von Militärs, Paramilitärs und Guerillas sowie privaten Abrechnungen zum Opfer. Zwei Millionen Menschen leben im eigenen Land als Vertriebene. Mit rund 3000 Entführungen pro Jahr ist das Land weltweit einsamer Spitzenreiter. Am Anfang dieses mörderischen, selbstmörderischen Konfliktes aber stand ein einziges Attentat – am 9. April 1948 in der Hauptstadt Bogotá, um die Mittagsstunde.

Das Zentrum der Stadt wirkte, wie immer um diese Zeit, etwas ausgestorben. Nur wenige Passanten schlendern durch die Carrera Séptima, die Prachtstraße im Herzen der Innenstadt, die gemeinhin "Königstraße" genannt wird. Einige Losverkäufer und Schuhputzer warten vergeblich auf Kunden. Es ist kurz nach eins. Die Angestellten sind nach Hause gegangen, um zu essen und danach Siesta zu halten. Die Läden sind geschlossen. Nur das Quietschen der Straßenbahn, die bei jedem Halt klingelt, stört die Ruhe.

Dann fallen die Schüsse. Jorge Eliécer Gaitán – zweimal in den Rücken und einmal in den Kopf getroffen – sackt sofort zusammen. Der Attentäter hat den Chef der Liberalen Partei Kolumbiens an der Eingangstür des Gebäudes abgepasst, in dem sich sein Anwaltsbüro befindet. Gaitán ist in Begleitung von vier Freunden auf die Straße getreten, als ihn die Schüsse aus drei Meter Distanz niederstrecken. Ein Polizeikorporal, der zufällig um die Ecke kommt, entwaffnet den Mörder ohne größere Schwierigkeiten und schubst ihn in eine Drogerie, um ihn vor den Neugierigen, die nun herbeieilen, fernzuhalten. Der Drogist lässt gleich das Ladengitter herunter. Doch nach wenigen Minuten schon schallt es durch die Straßen: "Man hat Gaitán getötet!"

Vor der Drogerie versucht ein Pulk, sich mit Gewalt Zutritt zum Attentäter zu verschaffen. Der Drogist, der um seinen Laden bangt, zieht das Gitter wieder hoch, der Attentäter ist der Menge preisgegeben. Ein Schuhputzer macht den Anfang und schlägt ihm seine Holzkiste über den Schädel. Es hagelt Faustschläge und Fußtritte – erbarmungslos und brutal, bis der Mann nur noch ein blutendes Bündel ist. Dann zieht die grölende Meute den bewusstlosen Mörder an den Beinen auf die Straße und brüllt: "Zum Palast! Zum Palast!"

Der Präsidentenpalast ist sieben Häuserblocks entfernt. Schon bei der zweiten Kreuzung ist der Attentäter tot – der Mob schleift die Leiche unter hysterischen Schreien weiter durch die Straßen. Als der Tote vor dem Hauptportal des Präsidentenpalastes abgelegt wird, trägt er nur noch zwei Krawatten (eine hatte man ihm als Zugriemen umgebunden) und einen Fetzen Unterwäsche.

"Wenn sie mich töten, bleibt kein Stein auf dem andern"

Für die meisten Zeugen des Geschehens gab es keinen Zweifel: Die Verantwortung für den Mord an Gaitán trug der Präsident Kolumbiens, Mariano Ospina Pérez. Der Kandidat der Konservativen hatte 1946 die Präsidentschaftswahlen gewonnen, weil die Liberalen, die andere große Partei des Landes, mit zwei Kandidaten – Gabriel Turbay und Gaitán – angetreten waren. Gaitán war nur Dritter geworden, aber in vielen Großstädten hatte er die Mehrheit der Stimmen erhalten, in Bogotá rund 60 Prozent. Als sich Turbay nach der Wahlniederlage aus der Politik zurückzog, übernahm Gaitán die Führung der Liberalen Partei.