Es ist nicht das Seltene, daß einer verzweifelt ist

nein, das ist das Seltene, das sehr Seltene, daß einer in Wahrheit es nicht ist." Selten hat der gesunde Menschenverstand etwas Abwegigeres als diese Behauptung gehört.

Wie - er, der gemeinhin nicht an sich zweifelt und schon gar nicht verzweifelt, sollte eine der "sehr seltenen" Ausnahmen sein, wo er doch weiß, dass er der Normalfall ist? Fans der Fun-Gesellschaft könnten immerhin, wenn sie sich einmal in die Philosophie verirren, den Unterhaltungswert dieser exotischen Diagnose des christlichen dänischen Existenzphilosophen Sören Kierkegaard zu würdigen wissen, ahnend, dass sie vielleicht tatsächlich der Verzweiflung anheim fielen, wäre nicht zur Not auch mit solchen Mitteln für ihr Entertainment gesorgt: Verzweifelt? Interessant, wer hätte das gedacht!

Freilich benötigt Kierkegaard eine Zusatzhypothese, um seine so kurios anmutende Behauptung zu stützen. "Die gewöhnliche Betrachtung versteht sich sehr schlecht auf Verzweiflung. Sie übersieht ganz, daß es gerade eine Form der Verzweiflung ist, es nicht zu sein, sich nicht bewußt zu sein, daß man es ist." Ja, so lässt sich besser die abnorme Normalität der Verzweiflung behaupten: indem man sie dem Unbewussten verschreibt. Papier und das Unbewusste sind geduldig. Nur mit den von Kierkegaard unterstellten Hauptformen der Verzweiflung hapert es dann wieder etwas: "verzweifelt man selbst seinwollen, verzweifelt nicht man selbst sein wollen", was beides darauf hinausläuft, dass man nicht der sein will, der man ist - wer will denn das?

Unter den Gefühlen, den "Affekten", den "Stimmungen", die besonders in der neueren Philosophiegeschichte Karriere gemacht haben - die Angst, die Langeweile, der Ekel und ebendie Verzweiflung als Antipodin des "Prinzips Hoffnung" -, hat sie es unter dem Einfluss Kierkegaards zu einer Sonderstellung gebracht. Aber anders als die Angst, seit Heidegger der philosophische Marktführer unter den Stimmungen, ist sie nie so richtig populär geworden. Dafür war sie, nach Kierkegaard "die Krankheit zum Tode", etwas zu nahe am Abgrund, allezeit gefährdet, zuzulaufen auf das suizidale "deep end".

Die Schwester der Langeweile

Andererseits war sie wie sonst nur noch die Melancholie, die acedia, in der Tradition beheimatet. Von Augustinus und Thomas von Aquin über Luther bis zu Kierkegaard hat die Theologie ihr Sündenkapital aus der desperatio als Verrat an der Hoffnung, mehr als bloß Hoffnungslosigkeit, geschlagen. Kant hat sie zur allseitigen und wohl auch seiner eigenen Beruhigung zu den vorübergehenden "Krankheiten des Kopfes" gerechnet. Schopenhauer hat ihr Porträt philosophisch-psychologisch vertieft. Der fromme Gottesmörder Friedrich Nietzsche hat die Verzweiflung wie sonst wohl nur Kierkegaard am eigenen Seelenleibe erlebt. "Sum in puncto desperationis", lautet in erbarmungswürdigem Küchenlatein sein Verzweiflungsschrei. Nur der Popensohn Emile Cioran hat sich geradezu triumphal "auf den Gipfeln der Verzweiflung" niedergelassen.