Gäbe es Noten im Fach Gerechtigkeit, lautete die Zensur für das deutsche Schulsystem: ungenügend. In keinem anderen Industrieland spreizt sich die Bildungsschere so weit wie in Deutschland, entscheidet die soziale Herkunft über die Karriere von Schülern so stark wie hier. Dieses Zeugnis hat uns die OECD vor einem Jahr ausgestellt. Nun legt sie eine Analyse vor, wie es dazu kommen konnte. Sie wird jene nicht freuen, die nach der Pisa-Pleite fordern, leistungsstarke und lernschwache Schüler noch konsequenter voneinander zu trennen: also Gesamtschulen abzuschaffen oder die Orientierungsstufe einzustampfen.

Denn je früher die Auslese, je hierarchischer das Schulsystem - das zeigt die OECD -, desto stärker beeinflussen soziale Faktoren die Schülerleistungen. In beiden Kategorien ist Deutschland Spitze: In kaum einer anderen Nation gliedert sich das Schulwesen derart streng wie hierzulande, fallen Entscheidungen über Lebenschancen in so jungen Jahren. Deutsche Schulen haben es im Aussortieren zur Meisterschaft gebracht.

Am besten schneiden bei Pisa Länder ab, die Schüler bis zur neunten Klasse beisammen lassen. Dort kümmern sich Lehrer stärker um den Einzelnen, können ihn nicht auf eine Haupt- oder Sonderschule abschieben. Deutsche Schulen aber gleichen Herkunftsunterschiede nicht aus - sie potenzieren sie.

Diese Erkenntnisse passen schlecht zur deutschen Diskussion nach Pisa. Nach 30 Jahren Streit um das gegliederte Schulwesen hat kaum jemand Lust, die Strukturfrage neu zu stellen. Die Mehrheit der Eltern lehnt Gesamtschulen ab, was angesichts ihres niedrigen Niveaus nicht verwundert. Die meisten deutschen Lehrer wiederum können sich nicht vorstellen, in Klassen mit unterschiedlich leistungsfähigen Schülern zu unterrichten, weil sie es nie gelernt haben.

Dass ein anderer Weg möglich ist, beweisen Reformschulen wie die Bielefelder Laborschule. Ihre Schüler erzielten bei Pisa Ergebnisse, die weit über dem deutschen Durchschnitt liegen, obwohl niemand sitzen bleiben kann, Noten in den ersten Jahren fehlen - und vom Hauptschüler bis zum Gymnasiasten alle Schüler gemeinsam unterrichtet werden. Martin Spiewak