Es ist sicher kein Zufall", raunt der Prospekt, "dass der Name Lexus an Luxus erinnert." O nein, bestimmt ist das kein Zufall! Nicht in dieser Branche! Nicht in diesen Zeiten! Et voilà, da steht er im Regen: der Luxuslexus RX 300. Hochhackig, pobackig. Vorn ein großschnäuzig verchromter Kühlergrill. Hinten vier runde, merkwürdig angeschnittene Rücklichter, die wie Konservenbüchsen hinter Glas wirken. Sie würden von mir keinen Designpreis, aber eine Erwähnung bekommen. Von der Seite erinnert das Fahrzeug an eine Limousine, die man aus den Federn gehoben und mit einem kleinen Rucksack versehen hat, davon abgesehen aber wirkt der Lexus ausgesprochen elegant. Ein klassischer Vertreter der Boomgattung SUV.

SUV heißt sport utility vehicle und bedeutet: viel Eisen zwischen Fahrer und Welt; Finsterfenster zumindest hinten (Der Ami spricht von privacy glass); fette Motoren, fette Verbräuche, alles fett, alles oversized. In den USA, wo das MagazinNewsweek schon vor einem Jahr "Unstoppable! " staunte, kaufen die Leute wie von Sinnen Zuhälterwannen wie den Escalade von Cadillac. Oder den fast ebenso breiten wie langen, im Felde ungeschlagenen Hammer Hummer. Oder Grand Cherokee. Fast jeder zweite verkaufte Neuwagen in den USA ist heute ein SUV. Wichtig fürs Geschäft: Der Kunde will den Eindruck haben, dass er notfalls durch unwegsames Gelände fahren kann, wenn der Araber kommt oder der Sniper. Der Eindruck reicht. Denn bis es zum Äußersten kommt, muss man vor allem gut shoppen und Eis essen fahren können. Hierzulande sind die M-Klasse von Mercedes und der BMW X5 die Trendsetter, der Porsche Cayenne und der VW Touareg die Newcomer. Der Lexus RX 300 wird in Deutschland seit drei Jahren angeboten; mittlerweile laufen bei uns 1171 Stück, das sind 400 verkaufte Autos pro Jahr oder 33 im Monat oder eins am Tag. Wer so ein Exemplar noch nie gesehen hat, muss sich nicht schämen.

Ein Sportnutzfahrzeug also. Fürs Skilaufen in Sankt Moritz, klar. Allrad, umlegbare Rückbank und Prestigelicht vorn wie hinten – wird schon klappen. Auch durch den Matschweg zur Tennishalle am Rande der Kleinstadt wird uns der Lexus ohne Schlupf schaffen. Der Kofferraum, ach was: die Kofferhalle, ist von Tennisschläger und adidas-Tasche nicht überfordert. Eben las ich, dass der amerikanische Sportangler verlangt, mit seinem SUV in knietiefes Wasser fahren zu können, um aus dem Auto heraus zu angeln. Auch nach Stunden muss das flussumtoste Auto noch anspringen. Das will ich nicht ausprobieren. Amerikanische Sportangler spinnen. Ich fahre zum Segeln nach Holland. Zum Segeln braucht man: 1 Seemannspullover, 1 Schlafsack und x Bier. Das alles passt ins Gepäckabteil. Wenn noch ein Außenborder, eine Sturmfock und drei Rettungswesten hinzukämen, würde es trotzdem nicht eng. Selbst ein aufgeblasenes Dingi hätte noch Platz, denn man kann die Rücksitze umklappen und bekommt eine nicht genug zu lobende ebene Ladefläche.

Husch, husch reingehüpft ins schwarze Leder (2000 Euro Aufpreis). Das Cockpit wirkt angenehm leer, ja schalterarm. Selbst die Bedienhebel für die "Gelände-Reduzierung" und allerlei Sperrdifferenzial-Pipapo fehlen. Dieser Lexus gehört einwandfrei in die Subkategorie der SUV mit Geländeanmutung. Natürlich haben Bein und Kopf jede Menge Platz, selbst Sitzriesen dürfen sich aufrichten auf dem achtfach verstellbaren Sitz. Ich knipse die Navigationshilfe an (3150 Euro) und muss mir erst mal anhören, bitte die Straßenverkehrsordnung einzuhalten. Dann läuft die amerikanische Nationalhymne. Der letzte Satz stimmt leider nicht, aber dieser: Das Display ist schmierig. Das leidige Fingerfettproblem bleibt auch im Lexus ungelöst. Dafür kennt die Navigations-DVD sich auch in sehr unbedeutenden nordholländischen Segelsportdörfchen aus.

Jetzt ginge es los, wenn ich wüsste, wie die Handbremse losgeht. Die Handbremse ist wie bei Daimlers eine Fußbremse, nur dass der Knopf zum Lösen fehlt. Ich muss die Bedienungsanleitung aus dem Handschuhfach fischen. Aha: Handbremse noch mal treten! Das Schalten vollzieht sich automatisch und undramatisch. Drei Gänge plus Overdrive zum Benzinsparen. Auf der Autobahn hört endlich das Geklingel der Bierflaschen auf. 180 Sachen läuft der Lexus, aber keine Sache mehr. Wer zu schnell ist, den bestraft die Elektronik mit einem drastischen Abregelvorgang: Die Karre fällt auf 170 zurück und kommt erst geraume Zeit später wieder auf Touren. Das uns! Den wahrscheinlich besten Autofahrern der Welt! Da werden wir schnell pampig, wenn man uns so den Fahrspaß beschneidet! Allerdings sind 180 Sachen ja auch nicht wirklich SUV-angemessen, wie der erste Tankstopp zeigt. Dieses Luxusgeländeauto säuft derart, dass mir nun klar wird, warum der Wagen ein 75-Liter-Fass hat. 18 Liter nimmt der Lexus, wenn man ihn tritt, im Testdurchschnitt immerhin 15 Liter. Damit kann man auch eine Flotte von Kleinwagen versorgen.

In den USA wurde der SUV-Fahrer als solcher schon lang und breit untersucht. Ist meist eine Frau. Oder Familienvater über 40. Signifikant häufig öko! Warum tut er so was? Wieso fahren gewöhnliche Bürger wider jede ökonomische und ökologische Vernunft massenhaft SUV? Darum: " If somebody bumps into me, I kill them, they don’t kill me. " Die bis zu drei Tonnen schweren Metallberge sind die Fluchtburgen selbstbezogener und ichschwacher Menschen in einer Welt voller Achsen des Bösen. Außerdem möchte, sagt eine andere amerikanische Untersuchung, der SUV-Fahrer vor anderen gern erstens als hip und zweitens als Single wahrgenommen werden. Darum müssen SUV hinten unbedingt Finsterfenster haben – damit man die Blagen von draußen nicht sieht.

Irgendwo, etwa 50 Kilometer hinter der niederländischen Staatsgrenze, erwischt es auch mich. Das Navigationssystem führt mich. Die Klimaautomatik säuselt. Der Tempomat reiht mich in die holländische Tempo-120-Kolonne ein. Vom akustisch perfekt entkoppelten Motor höre ich nichts. Windgeräusche von den Elefantenohrspiegeln dringen dank dicker Dämmsätze nicht ins Innere. Ich könnte jetzt der Flamme neben mir etwas Anzügliches flüstern, das Auto ist so leise, dass ich sogar ihr Erröten hören würde. Aber da sitzt keine Flamme, ich fahre ja zum Segeln. Ich schiebe eine Eminem-CD in den Sechsfachwechsler (Serie). " I’m sorry mama ". Yo! Super-Anlage, sechs Lautsprecher, fetter Subwoofer, ich übe im (zu schwach beleuchteten) Schminkspiegel mehrere coole Mienen ein. Ich erwäge den Kauf eines im Schulterbereich spannenden schwarzen Ledermäntelchens.

Es passt. Ich bin cool, relaxed, souverän, unverwundbar wie diese Kiste mit den schwarzen Scheiben. Unsere adäquate Bewegungsform ist das Cruisen. Unser adäquates Land sollte allerdings nicht so schnell zu Ende sein wie Holland. Und man müsste Gallonen tanken können.