Wiesbaden

Vielleicht sollte Gerhard Bökel es einmal auf Italienisch versuchen. Vorn am Parteitagspult in der Wiesbadener Rhein-Main-Halle steht Lino Zanichelli und donnert ein feuriges Grußwort in die Reihen. Der Präsident der Linksdemokraten im Parlament der hessischen Partnerregion Emilia Romagna ist eigens aus Bologna angereist, um den Genossen in Wiesbaden Mut zu machen. Temperamentvoll berichtet Zanichelli vom eigenen politischen Kampf gegen die Lega Nord des Umberto Bossi, von der skrupellosen Herrschaft Silvio Berlusconis und von der Krise, die die Rechtspopulisten zurzeit in Österreich und in den Niederlanden durchmachen. Es gebe "Anzeichen einer Veränderung", sagt Zanichelli – und befördert die hessische Landtagswahl damit kurzerhand zum europäischen Ereignis.

Gerhard Bökel bedankt sich mit einer ungelenken Umarmung für das engagierte Grußwort. Mag sein, dass ihm in diesem Augenblick noch einmal die ganze Last bewusst geworden ist, die er sich aufgebürdet hat. Denn Bökel ist nicht nur Spitzenkandidat der SPD bei der bevorstehenden Landtagswahl in Hessen. Gerhard Bökel ist der Mann, der Roland Koch stoppen soll. Auch wenn man den CDU-Ministerpräsidenten nicht gleich in eine Reihe mit den europäischen Rechtspopulisten stellt, gibt es in der SPD derzeit kaum eine vornehmere Aufgabe. Schließlich geht es bei der Wahl am 2. Februar nicht nur um die Mehrheit in Hessen und – wichtig genug – im Bundesrat, sondern auch um den möglichen Kanzlerkandidaten der Union für 2006. Gewinnt Koch, wird er seinen Anspruch geltend machen.

Koch stoppen: Man würde nicht auf Anhieb darauf kommen, dass der 56-jährige, außerhalb Hessens weitgehend unbekannte Bökel für diese Aufgabe der Richtige sein könnte. Hartnäckig verfolgt den langjährigen Landrat das Image, ein blasser und etwas biederer Verwaltungsfachmann zu sein. Daran haben auch seine privaten Leidenschaften als erfolgreicher Hammerwerfer und begeisterter Maler nichts ändern können. Tatsächlich gibt Bökel als Redner vor großem Publikum nur eine sehr durchschnittliche Figur ab – was auf dem Landesparteitag nach dem Grußwort des Italieners Zanichelli besonders auffällt. Mangelnden rhetorischen Glanz versucht der Kandidat durch einen umfangreichen Einsatz seiner Hände beim Sprechen auszugleichen. Doch just, als er zum Schlussapplaus mit hochgerissenen Armen vortritt, um sich den Fotografen als künftiger Ministerpräsident zu präsentieren, gelingt es seinen Fingern nicht auf Anhieb, das victory -Zeichen zu formen.

Feuerwehrfeste und Abschiebestopps

Ausgerechnet der frühere Ministerpräsident Hans Eichel, der Bökel 1994 als Innenminister in sein Kabinett geholt hatte, versuchte später hartnäckig, dessen Kandidatur zu verhindern. Als die Entscheidung im Frühjahr 2001 anstand, streute Eichel in Berlin den Namen des Offenbacher Oberbürgermeisters Gerhard Grandke. Der erfolgreiche Kommunalpolitiker, ein unorthodoxer, angriffslustiger Sozialdemokrat mit guten Verbindungen zur Wirtschaft, habe alle Voraussetzungen, die notwendig seien, um Koch zu schlagen – und die Bökel fehlten. Das Einzige, was Grandke nicht hatte, war der notwendige Rückhalt in den Gremien der hessischen SPD.

Bökel gehört zu der oft unterschätzten Spezies der Graswurzelpolitiker. Mit derselben Akribie, mit der er als Innenminister die hessischen Feuerwehrfeste bereiste (keine schlechte Voraussetzung für einen Wahlkämpfer), plante er nach der Niederlage der SPD in Hessen vor vier Jahren seinen Aufstieg. Was in der Auseinandersetzung mit Koch zunächst als Malus erscheint, kam ihm dabei zugute: Bökel ist kein Mann der scharfen Positionen, sondern ein ausgleichender Typ. Als Innenminister, zuständig für Flüchtlinge und Asylbewerber, setzte er sich wiederholt für Abschiebestopps ein und hielt damit den grünen Koalitionspartner bei der Stange. In der Partei gelang ihm das Kunststück, die notorisch zerstrittenen SPD-Bezirke Hessen-Nord und Hessen-Süd hinter seiner Fahne zu versammeln. Seitdem die Sozialdemokraten ihn auf den Schild gehoben haben, bemühen sich alle Beteiligten, die vermeintlichen Schwächen, die sie Bökel vorher zur Last gelegt hatten, in seine eigentlichen Stärken umzudeuten. Nicht blass und bieder sei er, heißt es nun, sondern freundlich und anständig.

Die Charakterfrage, Bestandteil jeder professionellen Kampagne, gewinnt im hessischen Wahlkampf eine besondere Bedeutung. Denn Bökels Gegner heißt Roland Koch, und der gilt seit seinem doppelt umstrittenen Wahlsieg vor vier Jahren – finanziert mit Schwarzgeld, befördert durch ausländerfeindliche Ressentiments – nicht gerade als charakterfest. Was auf den ersten Blick vermessen scheint: Dass ausgerechnet einer wie Bökel im Wahlkampf auf Personalisierung setzt, entpuppt sich so gesehen durchaus als strategischer Ansatz. Der Herausforderer als Antitypus zum Ministerpräsidenten; Bökel gibt den Anti-Koch. "Die Menschen in Hessen haben nicht vergessen", ruft er seinen Parteifreunden zu, "mit welchen schäbigen Methoden diese Schwarzen auf Stimmenfang gegangen sind."