Hat er an George W. Bushs Entscheidung zum Angriff keine Zweifel mehr, schlägt Saddam Hussein diesmal als Erster los. Belehrt durch die Niederlage von 1991, macht er nicht in Kuwait Halt, sondern stößt den Golf entlang zu den saudischen Ölfeldern vor und setzt die Bohrtürme in Brand. Im Westen schießt er Raketen auf Tel Aviv ab, bestückt mit chemischen oder biologischen Gefechtsköpfen. Die israelische Luftwaffe schlägt zurück; die Opfer unter Bagdads Zivilbevölkerung bringen die viel beschworene "arabische Straße" auf die Beine. Ihre Wut erreicht das Ausmaß des Revolutionsjahres 1979 in Teheran. Der Feuersturm springt auf Pakistan über, fegt Präsident Musharraf aus dem Amt; so fällt einer islamistischen Militärjunta nukleares Erpressungsspielzeug in die Hand. In Jordanien stürzt ein Palästinenseraufstand den Haschemiten-Thron und bringt die irakische Armee ins Land, die damit an der Grenze zu den israelisch besetzen Gebieten des Westjordanlandes steht. Im Fernen Osten beginnt der muslimische Koloss Indonesien zu beben. Und in den USA selbst werden wieder Verkehrsflugzeuge entführt…

Keine Frage: Dieses worst-case scenario überschätzt die Möglichkeiten, die Saddam Hussein noch verblieben sind. Die New York Times jedoch malt es aus, um George W. Bush an ein Prinzip zu erinnern, das bisher für alle amerikanischen Nachkriegspräsidenten galt: es nämlich zu keinem Krieg kommen zu lassen, der den Planeten im Ganzen ruinieren könnte. Doch für Pentagon-Strategen wie Paul Wolfowitz, den Stellvertreter des Verteidigungsministers Rumsfeld, und Richard Perle, den Vorsitzenden des Defense Policy Board, liegt die Gefahr nicht in den möglichen Reaktionen Saddam Husseins auf Bushs Angriffsdrohung. Die wirkliche Bedrohung besteht für sie darin, dass die USA noch zwei, drei weitere Jahre untätig bleiben könnten und Saddam Hussein dann über eine nuklear bestückte Kriegsmaschinerie verfügen würde.

Was das internationale Völkerrecht betrifft: Fordern nicht die UN seit nunmehr zwölf Jahren einen irakischen Verzicht auf Massenvernichtungswaffen, und dies vergebens? Nach wie vor verstößt Saddam mit seinem ABC-Waffenprogramm gegen UN-Resolutionen. Sein Sündenregister des vergangenen Vierteljahrhunderts ist eindeutig. Neben der Invasion Kuwaits ist der beispiellos brutale Überfall auf den Iran von 1980 zu erwähnen – wie auch der über Jahre fortgesetzte Giftgaseinsatz gegen Landsleute, 1988 in Halabdscha unterschiedslos gegen die gesamte Bevölkerung einer irakischen Stadt. Ein internationales Inspektionsregime vermag das irakische Gefahrenpotenzial einzudämmen. Den Beweis für Saddams bleibende Ungefährlichkeit kann es nicht erbringen, woraus wiederum nicht zwingend folgen müsste, dass es in Abwägung der Risiken nicht dennoch bis auf weiteres das angezeigte Programm bliebe. Doch in Washington will man mehr: einen neuen Mittleren Osten mit einem Irak ohne Saddam.

So weit teilen den Wunsch so gut wie alle Araber, die – in Bagdad wie anderswo – Saddam liebend gern eliminiert haben möchten (obschon ihm das viele nicht sagen). Zugleich sprechen sie sich freilich alle gegen einen weiteren Krieg aus (solange er nicht gewonnen ist). Im Ernstfall werden die arabischen Regierungen weise die Köpfe einziehen, und wer angesichts welcher Entwicklungen wen wie weit und zu welchem Ende unterstützen wird, ist aus den vorausgegangenen Verlautbarungen jedenfalls nicht abzulesen. Nicht nur in Riad gilt unverändert die Empfehlung des saudi-arabischen Gründerkönigs Ibn Saud aus den dreißiger Jahren, der auf die Meldung hin, es nähere sich ein britischer Kreuzer dem Hafen Janbu am Roten Meer, die Frage stellte. "Lässt es sich verhindern? Nein? Dann heißt sie willkommen!"

Wie hätte man sich den Auftakt und den Verlauf eines Irak-Krieges vorzustellen? Bei einem amerikanisch-britischen Angriff zerfällt die irakische Armee rasch – möglicherweise auch die Präsidialgarde, ungeachtet ihrer Privilegien. An die Stelle des amerikanischen Kriegsziels Regimewechsel tritt alsbald die anspruchsvollere Aufgabe, den im Chaos versinkenden Irak unter Kontrolle zu bringen. Modelle einer landesweiten Besetzung – nach den Weltkriegsbeispielen Deutschland und Japan unter General MacArthur – sind in Washington bereits ausgearbeitet worden.

Globale Desaster-Szenarien wie etwa bei einem nuklearen Schlagabtausch auf dem indischen Subkontinent zeichnen sich einstweilen keine ab. Doch die regionalen Verwicklungen sind unabsehbar: Die aufständische schiitische Mehrheit im Südosten, zwei Drittel der irakischen Bevölkerung, denkt nicht daran, sich den im Westen exilierten selbst ernannten Führern zu unterstellen. Sie strebt vielmehr – vom Iran ermutigt – nach der Macht in Bagdad, während die arabische Welt alles unternimmt, die amerikanisch beaufsichtigten Überreste von Saddams Sunniten-Regime zu retten. Zweiwöchentlich ein Militärputsch und fern am Horizont zeichnen sich die Umrisse eines Rest-Iraks ab, der aufs Haar dem von der Baath-Partei beherrschten Staat der siebziger Jahre gleicht. Den Norden – noch sind wir beim Schwarzmalen – okkupiert die türkische Armee, gebunden in einem nicht mehr zu beendenden Guerillakrieg mit Iraks nach Unabhängigkeit strebenden Kurden. Vergessen wir nicht ganz den Spuk großtürkischer Ansprüche auf Mosul und Kirkuk und, nicht wahr, Ankaras historische Sorgepflicht für Iraks Turkmenen-Minderheiten. (Bis eines Tages Europas Grenze 40 Kilometer vor Bagdad zu liegen kommt…) Und südlich der irakischen Grenze ein destabilisiertes, vielleicht bald nicht mehr saudisches Nachbarreich von der Größe Westeuropas, seinerseits bedroht durch den generationenalten Revanchedurst von 19 Millionen verarmten Jemeniten im einst "glücklich" geheißenen Südarabien, die an Zahlenstärke die 17 Millionen angestammten Saudi-Araber übertreffen.

Falls aber für die USA alles wunschgemäß verlaufen sollte? Die Frage der Menschenrechte einmal beiseite: Wo, östlich von Sues, könnte der Westen einen besseren arabischen Partner finden als den Irak, den schon die Briten als militärischen Außenposten heranzuziehen suchten? In den sechziger Jahren umwarben ihn die USA gegen Nasser und in den siebziger Jahren gegen Moskaus Freunde in Damaskus, ehe sie ihn dank dem gemeinsamen Feind Chomeini schließlich als Verbündeten gewannen. Wo sonst in der arabischen Welt ist Religion Privatsache und der Staat so laizistisch wie unter den islamischen Ländern sonst nur der türkische? Auch herrschen keine saudischen oder Taliban-Gepflogenheiten in der Beziehung zwischen Mann und Frau. (Ganz und gar nicht: Saddams 1995 aufgedecktes B-Waffenprogramm leitete eine Frau – Rihab Raschida Taha, von den Inspektoren Frau Dr. Germs genannt.) Und wäre der Irak, ungeachtet all seiner inneren Unvereinbarkeiten, nicht doch der natürliche arabische Hegemon zwischen östlichem Mittelmeer und Golf?