Grüß Gott" ist in Österreich eigentlich kein ungewöhnlicher Gruß. Aber an einem Ort wie diesem überrascht er doch: der Islamischen Religionspädagogischen Akademie in Wien, VII. Bezirk, Neustiftgasse. In Raum zwölf hängen Poster der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem an der Wand, in der ersten Stuhlreihe vor der Tafel sitzen sieben Männer, in den zwei Reihen dahinter acht Frauen, die Kopftücher sorgfältig geschlungen. Hier werden die Lehrer für den islamischen Religionsunterricht in ganz Österreich ausgebildet. Es ist halb neun Uhr morgens, und die Dozentin ruft ihren Studenten ein munteres Grüß Gott! zu. Schließlich ist Martina Schmied Katholikin. Und seit März provisorische Leiterin der Akademie. Die Juristin hatte über Islamisches Familienrecht promoviert und außerdem Arabistik studiert. Gute Voraussetzungen, um an der Akademie zu unterrichten, ihre Fächer sind Schulrecht und Politische Bildung, der Glaube ist in der Beziehung Nebensache.

Ansprechpartner gesucht

Ohne große Aufregung hat Österreich etwas zustande gebracht, was sich in Deutschland viele wünschen: einen einheitlichen islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache, mit dem auch noch alle zufrieden sind. Eltern, Schüler, Lehrer, der Staat. Und das seit zwei Jahrzehnten. Während es in Deutschland nach 20 Jahren Diskussion noch immer nicht gelungen ist, für die 700000 muslimischen Schüler regulären Religionsunterricht auf Deutsch und unter staatlicher Aufsicht zu organisieren. Man konnte sich nicht auf Lehrpläne einigen, wusste nicht, wer die Lehrer wie ausbilden soll. Nur wenige Modellversuche laufen, wie etwa in Bayern und NordrheinWestfalen (siehe S. 76). Stattdessen haben sich immer mehr die Koranschulen der Moscheevereine der religiösen Unterweisung der jungen Muslime in Deutschland angenommen. Was der Integration nicht gerade dient. Allzu oft wird dort gegen westliche Lebenskultur gewettert, ein zu konservativer Islam gelehrt.

Österreich ist da besser dran. Das hat mehrere Gründe: Seit 1912 ist der Islam in Österreich staatlich anerkannt und mit den christlichen Kirchen gleichgestellt. Laut Gesetz ist der Religionsunterricht Sache der Kirchen oder Religionsgesellschaften. Sie kümmern sich um alles: um Lehrer, Lehrpläne und Schulbücher. Und aufgrund des Anerkennungsgesetzes gibt es auf muslimischer Seite nur einen Ansprechpartner: die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ). Während in Deutschland zahlreiche Verbände und Organisationen die Muslime vertreten. Hinter der Uneinigkeit der rivalisierenden Verbände ließ sich bislang auch bequem ein mangelnder Wille seitens der Behörden verstecken. Denn laut Grundgesetz ist in Deutschland ein staatlicher Religionsunterricht für Muslime zulässig. Vorausgesetzt, es gibt eine anerkannte Religionsgemeinschaft. Die sollte ähnlich organisiert sein wie eine Kirche. Die Schwierigkeit dabei: Der Islam kennt eigentlich keine kirchenähnlichen Strukturen.

"Was heißt Islam?", fragt Fatma Akyildiz die 14 Schüler vor sich. Sieben Jungen, genauso viele Mädchen, zwei von ihnen tragen Kopftücher. Sie sind zwischen 15 und 16 Jahre alt. Die meisten in Wien geboren, man hört es, ihre Eltern kommen vor allem aus der Türkei, manche aus Bosnien oder Albanien. "Liebe!", "Frieden!", "Glauben!", rufen die Schüler. Mittwochmorgen, Islamunterricht in der Polytechnischen Schule in der Pernerstorfer Gasse in Wien. Die Lehrerin schreibt die Worte an die Tafel und sagt, von allem sei etwas dabei, aber Islam heiße Hingabe an Gott. Fatma Akyildiz hat die Gruppe neu übernommen und möchte herausfinden, wer wie viel über den Islam weiß. Zum Beispiel über das Beten. Dabei wird al-Fatiha, die Eröffnungssure des Korans, rezitiert. Fatma fragt, wer sie vorlesen möchte, auf Arabisch. Ahmed meldet sich, er gehe jeden Tag in die Moschee, sagt er. Während er liest, übersetzt Zeynep an der Tafel: Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Allerbarmers…

Dann rückt Fatma Akyildiz ihr Kopftuch zurecht und rezitiert selbst auf Arabisch einige Verse aus dem Koran, ihre Stimme füllt den Raum, die Schüler werden ganz still, auch die Jungs, die sich vorher lieber mit ihren Handys beschäftigt haben, hören zu. Die 33-Jährige konnte den Koran auswendig, bevor sie ihn verstand, sämtliche 114 Suren. In einem religiösen Internat in Istanbul hatte sie das gelernt. Seit 13 Jahren unterrichtet sie als Religionslehrerin in Österreich. Gerade ist sie im sechsten Semester auf der Akademie, wird da "nachträglich" aus- und weitergebildet.

70000 Schüler muslimischen Glaubens gibt es in Österreich, 40000 besuchen den Religionsunterricht, jeweils zwei Stunden die Woche. Wer nicht geht, muss sich abmelden. Dass viele Schüler nicht in den Unterricht kommen, hat keine inhaltlichen Gründe, sondern organisatorische: In ländlichen Gebieten findet der Unterricht oft an weit entfernten Sammelpunkten statt, meist nachmittags. 330 Lehrer pendeln zwischen den Schulen.

Im Islamunterricht müssen die Schüler den Koran nicht auswendig lernen. Er hat vor allem die Aufgabe, "den Schülern die islamische Geschichte und die Begegnung mit der prophetischen Überlieferung zu vermitteln", heißt es im Lehrplan. Die Schulbücher sind für die Klassenstufen eins bis zwölf ausgelegt, für 6- bis 18-Jährige. Der Islamwissenschaftlerin Irka Mohr kommt der Lehrplan etwas altmodisch vor, eher wie ein Nachschlagewerk, das wenig auf die Lebenswelt der Schüler eingeht. Themen sind das Leben des Propheten, die Fundamente des Islam wie Glaubensbekenntnis und Gebet, die Pflichten, was ist für den Muslim verboten, was erlaubt. Kapitel, die für Scharia oder Gottesstaat werben, lassen sich nicht finden.