Fünfundfünfzig Prozent aller Deutschen finden, es gebe zu viele Ausländer.

Leider finden auch 55 Prozent aller Ausländer, es gebe zu viele Deutsche. Wir sind das "symbolische Volk der Täter" (C. K. Williams). Wir können noch so Johannes-B.-Kernerweich und Max-Schautzer-matt daherkommen, wir können uns als harmlose Warmduscher, Frühbucher und Beipackzettelleser tarnen, man wird in uns doch stets das rabiat Hunnische erkennen. Immerhin zeichnet sich in diesen Herbsttagen ein Paradigmenwechsel ab. Unsere Rolle ist vielschichtiger, heiterer geworden: Das Volk der Täter wandelt sich zum Volk der Deppen. "Wie Katzen Vögel töten, so machen wir Witze über Deutsche", sagt ein Kolumnist des Guardian. Der englische Deutschenwitz hat angstlösenden Charakter: Er zeigt den Hunnen hohl. Derzeit sorgt Kanzler Schröder dafür, dass der hohle Hunne zum Inbegriff des Deutschen wird. Zum "aufgeblasensten Mann Europas" hat ihn die englische Sun ernannt, und wie der Kanzler steht schon sein ganzes Land da: als Popanz, der auf seinen hohen Angeberschuhen mit einem dünnen Pfiff in sich zusammensinkt. Als Schröder kürzlich seinen Wahlkampfauftritt in Wien absagte, waren seine Freundinnen und Freunde von der SPÖ erleichtert. Man kann sich mit dem Gerd nämlich nimmer sehen lassen.

Er ist ein Troubleshooter, der nur in Washington noch ernst genommen wird.

Dort beißt George W. Bush jeden Morgen zum Frühstück einer Schröder-Puppe den Kopf ab und flucht auf Deutschland und die Achse des Blöden. Dabei hatte es noch im Sommer nach großen Jahren für Schröder und sein Land ausgesehen. Als im August auf dem Berliner Gendarmenmarkt die SPD den Wahlkampf eröffnete, waren wir dabei. Die Popband Pur spielte, wir weinten vor Glück. Wenn Pur spielt, ist es immer morgens, halb zehn, in Deutschland. Der Pur-Sänger Hartmut Engler verbreitet ein Honigbrötchengefühl unter seinen Zuhörern.

Engler singt gern von der Liebe, und viele Texte widmet er seiner Gattin: Ich lieb mich in dir fest. Gerd und Hartmut, das war Deutschland auf dem Gipfel seiner Möglichkeiten: politische Größe und Poesie der Weltklasse! Nun, drei Monate später, ist alles dahin, und alles war Lüge. Schröder käme bei Neuwahlen auf 1,8 Prozent der Stimmen, und Engler ist bei seiner Frau, in der er sich so egelmäßig festgeliebt hatte, ausgezogen. Selbst den Schreibtisch, auf dem er seine Lieder schrieb, musste er mitnehmen. Möge der Tisch vom Blitz getroffen werden und lange brennen. Beim nächsten Kanzler achten wir ein bisschen genauer darauf, welche Musik er hört.