In diesen für alle Beteiligten so schweren Tagen tröstet uns, die Geplünderten, Niedersachsens Ministerpräsident Gabriel: "Sozialismus ist Champagner für alle und nicht Rotkäppchen-Sekt für wenige." Eine solche Sentenz, in der ein bisschen von Heinrich Heines üppigen Träumereien und auch etwas von Marie Antoinettes Pragmatismus der Brotlosigkeit perlt und die sogar an Erich Mielkes letzte, kosmisch-allumfassende Liebes-Rede vor der Volkskammer erinnert, gießen wir uns genüsslich hinter die Binde. In leicht gedoppelter Optik sehen wir Rot-Grüns eigentliche Leistung vor der Geschichte, gleichsam das Wesensmerkmal der Epoche vor uns: Humor.

Das überrascht, denn Schröder-Witze beispielsweise schäumen ja nicht wirklich, und sie klingen eher nach Rotkäppchen. Der klassische Witz über die Politik spekulierte auf Fallhöhe und Distanz: ihr da oben, wir hier unten.

Als Adenauer und Kiesinger noch mit Willen zum Gravitätischen regierten, kondensierte das bessere Deutschland in einer Pointe - sagen wir von Wolfgang Neuss. Das poppte, und die Utopie war eine respektlose Sottise. Inzwischen sind wir alle Gerhard Schröders Bündnispartner geworden. In Gestalt der einen oder anderen Interessengruppe sitzen wir an seinem Kamin, die Gewerkschaften sitzen sogar auf seinem Schoß. Regieren wir nicht alle mit, die sich an ihm verwählt haben? Ja, und genauso gut könnte der Kanzler Witze über uns reißen.

Wer weiß, vielleicht war Scharping nur der erste von Schröder aus dem Kabinettssaal entsandte Marx-Brother, der uns zur Weißglut treiben sollte.

Der Nächste: Müntefering, der jeden Gesprächspartner in einen Hape-Kerkeling-Sketch verwickelt. Clement, die Rache an Buster Keaton. Oder der SPD-General Scholz ("Lufthoheit über den Kinderbetten"), der vermutlich von Dieter Wedel erfunden und in einem Anfall von Überdruss später wieder aus dem Film herausgeschnitten wurde. Sie sind leider nur mittelwitzig, aber Rente und Bildung sind ja auch erst halb kaputt. In der korporativen Demokratie leidet der Humor an Kohlensäurearmut. Unklar, wer Opfer, wer Urheber des Witzes ist, Real und Satire paaren sich bis zur Ununterscheidbarkeit.

Einem wie Harald Schmidt, der sich anstrengt, der Juvenal der Schröder-Zeit zu bleiben, setzt das zu. Mag er brillant sein, der rotgrüne Schlechte-Laune-Geist folgt ihm wie sein Schatten: Regierungsnähe durch Spott. Er kann sich daraus nicht befreien. Wir auch nicht. Wir können Rot-Grün nicht tragisch verklären, bloß um bessere Witze zu machen. Wir können uns ja auch nicht um des Veuve Clicquot willen aus dem Bündnis fürs Steuerzahlen zurückziehen. Gefangen sind wir in der Matrix eines müden Karnevals. Jeder Tag in dieser politischen Spaßgesellschaft ist Murmeltiertag. Der volkstümliche Humor des niedersächsischen Genusssozialisten ist das letzte verbliebene plebiszitäre Element in unserer Demokratie. Die Utopie, das ist die noch nie gehörte Nörgelei.