Er ist immer noch besessen. Von einem archetypischen Vergeltungswillen, der den Opfern Gerechtigkeit verschaffen will. Von geradlinigen Moralvorstellungen, die er gegen jede Ordnung durchpeitscht. Clint Eastwood ist immer Rechtsanarchist und Outlaw geblieben, ob in der Prärie, im Weltall oder in den Straßen amerikanischer Metropolen. Was sich geändert hat, sind die Parameter dieser Besessenheit. In seinen letzten Filmen wichen Zynismus und Verachtung almählich einer gewissen Nonchalance, wobei nie ganz klar ist, wann bei Eastwood die Altersweisheit aufhört und die Resignation beginnt.

Zwischen zwei Hot-Dog-Bissen erledigte er 1971 in Dirty Harry eine Bande von Bankräubern und legte eine halbe Straße in Schutt und Asche. Der in die Jahre gekommene Eastwood würde das Würstchen wohl erst nach getaner Arbeit in Ruhe zu Ende essen oder sich sowieso einen Veggie-Burger kaufen. Auch seine Bewegungen sind bedächtiger geworden, fast vorsichtig, als müsse er sich schonen. Rente, Ruhe und Frieden sucht sein einzelgängerischer Heldentypus seit Erbarmungslos zu Beginn der Filme, doch das alte Image lässt nicht locker.

In Blood Work erzählt Eastwood jetzt noch einmal die Geschichte vom Crack, der wieder ranmuss, weil er einfach der Beste ist. Wieder steht das eigene Altern im Mittelpunkt, und die Operationsnarbe, die er als Ex-Polizist Terry McCaleb auf der Brust trägt, stellt ganz unverhohlen jahrelange Überarbeitung zur Schau. Wie ein kleines Mahnmal erinnert sie ihn und uns daran, dass es nicht mehr so geht wie früher, denn seit einem Zusammenbruch lebt McCaleb mit einem Spenderherzen. Dass nun ein Frauenherz in dieser Männerbrust schlägt, gehört zu den beiläufigen Entmystifizierungen, denen sich Eastwood mit Vorliebe unterzieht. In Blood Work muss McCaleb den Mörder seiner Spenderin suchen, und dieser Fall wird ihn seine Gesundheit, seine Ruhe und fast sein Leben kosten.

Die weiblichen Scheinwerfer

Eastwood als verletzliches Wesen und angeschlagener Haudegen, der seinem Publikum zum ersten Mal wahre Beschützer-Instinkte abtrotzt - tatsächlich werden seine Verfolgungsjagden auf ganz andere Weise physisch erfahrbar. Man ist um jeden seiner müden Cowboyschritte besorgt, beäugt misstrauisch seinen Bierkonsum, ist angesichts der immer tiefer werdenden Augenringe um jeden ruhigen Augenblick froh. Wohl deshalb liefert Anjelica Houston die wunderbarste Nebenrolle dieses Films, denn sie spricht uns einfach aus dem Herzen, wenn sie ihn als Kardiologin sorgenvoll anschnauzt, zurechtweist und sogar ins Bett schickt. Aus dem alten Mann, der ständig tut, was er nicht soll, wird auf diese Weise auch ein Lausbub - und damit wieder eine klassische Eastwood-Figur, die sich wie gewohnt alles erlauben und jeder Regel widersetzen kann.

Ohnehin sind es die weiblichen Wesen, die sein Image in diesem Film ständig dekonstruieren und zugleich verfestigen. Eine dominante Ärztin, eine coole Polizeikollegin (Jaye Winston) und eine attraktive Auftraggeberin (Wanda De Jesús) - es gehört zu Eastwoods kleinen Wundern, dass er sich mit starken, gleichberechtigten Frauen umgeben kann und trotzdem ein großartiger Macho bleibt. Egal, was sie tun und wie schwach sie ihn machen, irgendwie werden sie doch zu Scheinwerfern, die, wenn auch souverän, auf ihn zurückstrahlen.

Besessen ist er immer noch, aber auf eine andere, irgendwie persönlichere Art. Dirty Harry ging aus dem Dreck hervor, den er glaubte aufräumen zu müssen. Er war der Mann, der alles hasste, den Tod und das Leben, Ausländer, Kellnerinen, Farbige, Schwule, Verbrecher und zuallererst sich selbst. Und natürlich lebt er in McCaleb fort. Auch in Blood Work geht hin und wieder das Harryhafte mit Eastwood durch, wenn er mal eben ein flüchtendes Auto mit der Pumpgun zerlöchert oder seine lateinamerikanischen Kollegen mit kleinen Spitzen bedenkt. Doch der Zyniker und abgebrühte Rassist von einst hat auf der Leinwand einen Entwicklungsroman hinter sich gebracht und liebt nun mit der ganzen Kraft seines transplantierten Frauenherzens eine Mexikanerin. Man könnte sogar behaupten, dass in diesem Cop-Film so einiges, was Eastwood anstellt, aus ganz konkreter Liebe geschieht. Seine Härte hat sich gewissermaßen in Stärke verwandelt, und aus dem Outlaw ist ein Mensch geworden, der die anderen nicht einfach abcheckt, sondern wirklich wahrnimmt.