An die Tränen erinnere er sich, die sein Vater in den Augen hatte, als der Zug den Bahnhof in Breslau verließ. Sechs glückliche Kindheitsjahre habe er hier verbracht, so berichtete der amerikanische Historiker Fritz Stern in der Aula Leopoldina, gefolgt von fünf Jahren in Furcht und Schrecken, bevor die Familie 1938 vor dem Naziterror und dem Rassenfanatismus flüchtete. "So gehören wir zu den Glücklichen", blickte Stern zurück, "die dem unvorstellbaren Massenmord entgingen." Mit ihm hatte die Universität WrozIaw, die prunkvoll ihren 300. Geburtstag feierte, einen "Sohn der Stadt, in gewissem Sinne sogar einen Sohn der Universität" als Festredner eingeladen.

Familiengeschichte, Stadtgeschichte und Europas Geschichte flossen in dieser ungewöhnlichen "europäischen Feier", wie Stern den Festakt nannte, auf eigentümliche Weise zusammen. An Amerikas Schulen und Universitäten habe der europäische Geist unter dem Etikett "westliche Zivilisation" weitergelebt.

Einen Ausdruck der Wiedergeburt Europas, aber auch der Versöhnung von Polen und Deutschen wollte Stern in dieser Geburtstagsfeier sehen.

Große Worte, aber - er hat ja Recht. Auffallend leicht, locker und selbstverständlich machten die polnischen Gastgeber, aber auch der deutsche Präsident Rau mit ein paar unverschnörkelten Wahrheiten, die Stunden in der Aula zu einer kulturellen Station auf dem Weg zur Europäisierung Europas. Im Beisein Raus und des polnischen Präsidenten Kwaniewski erinnerten Redner und Festschriften an die Ahnengalerie der Universität, als sei das nun eine Vergangenheit. Die Nobelpreisträger und Laureaten, die sie erwähnten, neben dem Chemiker Fritz Haber, einem Verwandten Sterns, auch den Historiker Theodor Mommsen, den Physiker Max Born und den Mediziner Paul Ehrlich, sie alle trugen deutsche Namen. Sie werden nicht eingemeindet, sondern als multikulturelle Erbschaft betrachtet in einer Stadt, die einmal Breslau hieß.

Eine Stadt der Vertreibungen und der Zerrissenheiten, die daraus nach langem Hadern etwas zu machen versteht: Ein allmählich gewachsenes Selbstbewusstsein drückt sich hier aus. Fritz Stern illustrierte es, als er sagte, entfernungsmäßig sei diese Stadt näher an Auschwitz denn an Immanuel Kants Königsberg, in geistiger Hinsicht sei es aber umgekehrt.