Es ginge auch so: "Liebe Mitbürger, Lobbyismus fördert den Interessenausgleich in der Demokratie. Ab sofort bin ich selbst der größte und hemmungsloseste Lobbyist im Land – für die Arbeitslosen. Als solcher werde ich die Arbeit von Bürokratie und Soziallasten befreien. Und ich wehre sämtliche Maßnahmen ab, die Arbeit teurer machen. Höhere Beiträge für Rente und Gesundheit? Lieber beschneide ich Leistungen. Verordnete Hochlöhne für Leiharbeit? Nein, Menschen ohne Job sind mir wichtiger als das Tarifkartell. Steigende Steuern für die Arbeitnehmer? Nicht mit mir, lieber stopfe ich Schlupflöcher, damit die Vermögenden ihren Teil zum Gemeinwesen beitragen…"

So könnte ein entschiedener Kanzler die Reform der Bundesrepublik einläuten. Gerhard Schröder, der Mann ohne ordnungspolitische Eigenschaften, kann es nicht. Mal sauer auf die Gewerkschaftsikone Ursula Engelen-Kefer, mal dem obersten Industrievertreter Michael Rogowski gram – derlei Menscheleien dürften einen Reformer nicht beeinflussen. Doch wie eine Pappel im Wind schwankt der Kanzler zwischen persönlichen Verbundenheiten und politischen Gelegenheiten.

Alle wissen: Er meint es nicht so

Linke und rechte Überzeugungen finden in diesem Spiel keinen Platz mehr. Zwar hoffen zurzeit die Traditionalisten in der SPD auf die geistig-ökonomische Wende nach hinten. Aber sie sollten sich erinnern, wie Schröder vor zwei Jahren mit der Steuerreform die Hoffnungen der Wirtschaftsliberalen nährte – und die neuen Freunde im Wahljahr nach Kräften abmeierte. Wetten, dass sich bald die wirtschaftsnahen Parlamentarier wieder besser fühlen dürfen und die Gewerkschaftsfreunde zetern. Die neuesten Korrekturen an den Korrekturen der Steuerpläne deuten es an.

Freuen sollte sich niemand. So gewissenhaft man auch sucht: Der Kanzler verfolgt keine Idee, wie die soziale Marktwirtschaft von morgen aussehen soll. Wenn er doch eine Vorstellung davon besitzt, wohin sich Deutschland bewegen soll, verbirgt er sie Oscar-reif. Dieser Mangel hat seinen Charme, weil ein bloß taktierender Kanzler auf nichts festzunageln ist. "Ich hab’s doch versucht", kann er Linken wie Rechten sagen. Nur öffnet solches Verhalten Tür und Tor des Kanzleramtes für das Spiel der Verbände. Lange und laut genug gerufen, dann bekommt fast jeder seinen Teil. Da kann Schröder der Gesundheitslobby den Kampf ansagen. Sie weiß: Er meint es nicht so. Oder nur heute.

Aber ist der Mann nicht genug geschlagen? Seine Umfragewerte sind schlechter als die von Renate Künast, die Bürger wollen sich nicht satt hören am Kanzler-Spottlied. Und kann er überhaupt anders? Schon am Tag nach der Wiederwahl musste er mit den nächsten Landtagswahlen in Hessen und im heimischen Niedersachsen kalkulieren – und durfte doch die dortigen Rentner nicht vergraulen. Wenn er über irgendeine Kürzung bloß laut nachdenkt, fängt der Medienzauber wieder an. Auch die Tatsache, dass die Union nach vier Jahren Opposition nicht im Ansatz mit einem Konzept aufwartet, zeigt: Das Reformfeld gleicht in Deutschland einer Champignonwiese: Wer den Kopf hochstreckt, verliert ihn.

Also sind die Bürger schuld? Das würde bedeuten, wir schauen in den Spiegel, wenn wir die 20-Uhr-Nachrichten anschalten. Die Politiker verhaspeln sich nur deswegen im Klein-Klein, weil ihre Wähler sich an den Status quo klammern und zukunftsmüde fürchten, alles könne nur schlechter werden – ein bleierner Kanzler für ein bleiernes Volk.

Wirklich? Erst verspricht die Regierung eine goldene Zukunft, die sie nicht bieten kann. Nach der Wahl verunsichert sie die Menschen und verstrickt sich in abenteuerliche Widersprüche nach dem Motto: Arbeit soll billiger werden, aber erst machen wir sie teurer. Und dann schiebt die Politik die Verantwortung noch aufs Volk? Absurd.