Die Diagnose von C. K. Williams ist nur zum Teil richtig: Indem die Deutschen der Nachkriegsgeneration, die ja keine Täter mehr sind, bewusst/unbewusst die Täterrolle übernahmen, inszenierten sie sich selbst zugleich auch als Opfer dieser Übernahme. Dies hat Williams ausgeblendet, weil hierzu Erfahrung im Land ausschlaggebend ist und weniger die Statistik.

Die typisch deutsche Spaltung ist daher in Wahrheit ein kompliziertes Gemisch aus Täter- und Opfersyndrom, das die deutsche Wahrnehmung bis heute prägt und sich in allen Lebensbereichen niedergeschlagen hat.

Die Inszenierung des Täter-Opfer-Syndroms in der deutschen kollektiven Psyche hatte letztlich äußerst schwerwiegende Folgen: Verlust der Normalität

Verlust der Freiheit des Handelns und Kommunizierens, von Autonomie und Spontaneität im sozialen Umgang. Zudem war es den Deutschen nicht möglich, so etwas wie eine gemeinsame soziale, nationale oder wie immer definierte kollektive deutsche Identität frei zu entwickeln, weil alle Energien durch das Projekt der Schuldverarbeitung gebunden war. Vor allem deshalb erschienen alle sublimierten Bereiche wie Emotionalität, Humor, kulturelles und künstlerisches Schaffen in Deutschland immer seltsam bemüht, gelähmt, inszeniert oder übertrieben. Weil es keine wirkliche Freiheit jenseits der Täter- und Opferrolle gab, konnte es keine wirklich große Kunst in Deutschland geben, kein mächtiges Kulturschaffen, keinen großen Wurf, keine Visionen - dies war vielleicht das schmerzlichste Opfer von allen.

Die heutigen Deutschen, vor allem die junge Generation, sind aber weder Täter, noch wollen sie Opfer irgendwelcher Inszenierungen sein. Die Kriege und Katastrophen der letzten Jahre auf dem Balkan, in New York, in Bali oder Moskau mögen den Deutschen außerdem gezeigt haben, dass die Große Katastrophe letztlich an keinen Ort der Welt gebunden ist

hierdurch mag es eine klammheimliche Entlastung von der imaginierten Schuld gegeben haben: Seht, das Böse ist auch woanders. Die kollektiven Verwerfungen der letzten Jahrzehnte mögen den Deutschen nun in Motivation und Intention langsam bewusst werden. Wohin dies führt, wird die Zukunft zeigen.

Prof. Uwe Hinrichs, Berlin