Sosehr ich mit den Diagnosen Professor Winklers übereinstimme, die das politische System und die Gesellschaft der Türkei der Gegenwart betreffen und seine Meinung teile, dass eine EU-Mitgliedschaft aus guten Gründen derzeit nicht infrage kommt (Hauptstichwort: Kurdenpolitik), so sehr lehne ich seine historisch-kulturellen Begründungen ab. Winkler suggeriert, die Türkei sei infolge historischer und kultureller Prägung unfähig, jemals eine unserer westlichen Zivilgesellschaft vergleichbare Gesellschaft aufzubauen. Er versucht, eine gemeinsame Identität für das, historisch gesehen, relativ neue Gebilde EU zu finden, und verweist deshalb auf historische "westliche" Errungenschaften wie Gewaltenteilung, Aufklärung, Säkularisation und Demokratie. Eine solche Identität zu finden ist sicher nötig, und ich bezweifle nicht, dass wir Europäer auf diese Errungenschaften stolz sein können. Es ist aber nicht hilfreich und darüber hinaus ein Rückfall in Diskurse des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, europäische Identität in Abgrenzung zu einem orientalischen "Anderen" zu definieren. Auf das "einzigartige" christliche Erbe und die daraus erwachsenen "abendländischen" Werte zu verweisen, die einer "asiatischen", das heißt nichtchristlichen und nichtwestlichen, kurz: "anderen" Türkei beziehungsweise deren Traditionen unversöhnlich gegenüberstehen, führt letztlich in eine Aporie: Nach dieser Denkungsart wäre es keinem nichtwestlichen Land je möglich, eine an Menschenrechten und demokratischen Werten orientierte Gesellschaft zu entwickeln. Europa kann es sich nicht leisten, die liberal und "westlich" orientierten Kreise in der Türkei zu verprellen. Es sind maßgeblich diese Intellektuellen, die eine Zivilgesellschaft und ein politisches System aufbauen helfen können, das die Türkei zu einem modernen Staat im östlichen Mittelmeerraum machen könnten - in enger Partnerschaft mit der EU, aber ohne (jetzt) Mitglied zu werden.

Elmar Schulte, Berlin