Im Herzen des Globus, wo die Erde am heißesten ist, liegt ein Buch versteckt. Verfasst hat es ein Begründer der neuzeitlichen Wissenschaft, Galileo Galilei, der es dort in der Erdkugel in seinem Studierzimmer, nahe Florenz, vor den Augen seiner Gegner verborgen hält. Bis sein Schüler Andrea es am Ende über die Landesgrenzen schmuggeln wird. 1637, hinaus ins Freie.

Im Mittelpunkt des Manuskripts, das außer Landes geschafft wird, steht die neue Lehre, welche die Kirche nicht dulden will. Das alte Weltall hat sein Zentrum verloren, die Erde dreht sich in Wirklichkeit nämlich fröhlich um die Sonne, und mit ihr muss sich das ptolemäische Lehrgebäude der Kirche drehen, bis ihm schwindlig wird. Das ist die Wahrheit des wissenschaftlichen Fortschritts: Nichts bleibt, wie’s war! "Die Wahrheit ist das Kind der Zeit, nicht der Autorität." Da hört für die Kardinäle, die das Neue nicht sehen wollen, der Spaß aber auf, und wer zu weit geht, endet auf dem Scheiterhaufen oder unter der Folter.

Um die fröhliche Vernunft, um den Abgrund wissenschaftlicher Wahrheit kreist Bertolt Brechts Schauspiel Leben des Galilei, in einer ersten Fassung aufgeschrieben Ende 1938 , im dänischen Exil. Da war dem Chemiker Otto Hahn im nationalsozialistischen Deutschland gerade die Spaltung des Uran-Atoms geglückt, und seine Kollegin Lise Meitner hatte auf dem Weg in die Emigration geheime Papiere nach Kopenhagen geschmuggelt. Hinaus ins Freie. Als die zweite Fassung des Galilei entstand, in Amerika, waren Hiroshima und Nagasaki unter Atombomben verschwunden. Das hatte kein noch so fortschrittlicher Wissenschaftler und auch sonst niemand verhindern können.

Und die Kunst, was vermag sie? Im Zentrum des alten Weltbildes hatte die Erde gelegen, im Herzen des Globus dann das Buch mit der neuen Lehre. Im Mittelpunkt von Brechts Schauspiel aber stehen ein Lehrer und sein Schüler. Galilei und Andrea, Sohn der Haushälterin, ein Kind aus dem Volk, dem Mittelpunkt der neuen Zeit. Andrea, der durch Galilei sehen lernt, weil er "das mit dem Kippernikus seinem Drehen" nur durch Anschauung begreift. Vernünftig, wie das Kind nun mal ist: Es lässt sich erschüttern.

Die Waschschüssel ist die Sonne, der Stuhl die Erde, darauf setzt Galilei den Schüler, trägt die Erde mit ihrer Fracht um die Sonne herum: Was ist zu sehen? Beschreibe! Noch mal, anders: Die Lampe ist die Sonne, ein Apfel die Erde, einen Holzsplitter reingesteckt, das soll Andrea sein, dann alles auf den Kopf gestellt, und nun, wo ist die Lampe? Was ist nun hell? Sieh hin! Andrea hat Augen zum Sehen und einen klaren Verstand und Hände zum Greifen und fragt Galilei Löcher in den Bauch, weil das Lernen so froh und so stolz macht. Mehr braucht Wissenschaft nicht, die am Anfang steht. Sie ist köstlich wie gebratene Gänse. Viel zu köstlich, als dass ein Galilei zum Märtyrer taugte. Jupitermonde im Fernrohr! "Er denkt aus Sinnlichkeit", sagt der Papst über den Feind Galilei. Im Herzen des Schönen wohnt die Dialektik.

Leben des Galilei, das ist das Schauspiel der zweifach verkörperten Vernunft. Ein Augenmensch verkörpert den Genuss, die Wahrheit und die Abgründe der modernen Wissenschaft. Am Ende des Stückes ist er erblindet: Seine Lehre hat er widerrufen, der widersprüchliche Widerständler, aus Angst vor der Folter und um im Geheimen weiterarbeiten zu können. Sein Schüler verkörpert die Freiheit, welche die Vernunft einem jeden verspricht, und die Heimatlosigkeit, in die sie einen vertreibt.

"Wer wär nicht gern sein eigner Herr und Meister?", singen die Balladensänger, halb verhungert, auf dem Markt und rühmen die neue Lehre. Sie halten es eben mit Galilei, der meint, das "einzige Ziel der Wissenschaft" bestehe darin, "die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern". Und wenn die Gesellschaft sie nicht am Gegenteil zu hindern vermag? Wenn alle noch beraten, in wessen Händen welche Wahrheit am besten aufgehoben wäre, aber einer zündete schon die Bombe? Angesichts der Atombombe stellte sich die Frage nach dem Missbrauch der Wissenschaft, die heute so alt, so verbraucht, so ungelöst ist, zum ersten Mal, und Brecht hat die Frage in dem Moment auf die Bühne getragen, damit jeder sie sehen kann.

Galilei vermag mit seinen erblindenden Augen schließlich fast nichts mehr zu sehen, muss also die Tochter fragen: "Wie ist die Nacht?" Sie, deren Leben der Vater ruiniert hat, steht am Fenster, sagt: "Hell", und das wird der Alte ihr glauben müssen. Sein Schüler hingegen, der mit dem Manuskript ins Freie gelangte, kann alles sehen: "Wir wissen bei weitem nicht genug. Wir stehen wirklich erst am Beginn." Das ist im Schauspiel das letzte Wort. So beginnt die neue Zeit, in der "jeder als Mittelpunkt angesehen wird und keiner". Sie bewegt sich noch.