In welchem Maß das Sein das Bewusstsein bestimmt, ist eine nie zu lösende Frage. Auf einem Feld jedoch ist die Trefferquote beim Raten ziemlich hoch. Das Luxusbewusstsein, der Sinn fürs Geldausgeben jenseits des finanziellen Korsetts der eigenen Existenz, wächst proportional mit der Entfernung aus der Ebene des "Entbehren sollst, sollst entbehren". Aber auch die mit der Luxusfrage verwandte Modellrechnung, ob die Investition für hochwertige und deshalb langlebige Güter in the long run nicht auch rechnerisch günstiger sei, ist eher dort zu Haus, wo die Entscheidungsfreiheit eine behäbige materielle Basis hat.

In der jüngsten Zeit gesellt sich zum Katzenjammer über Börsenbaisse und Zusammenbruch der New Economy eine neu erwachte puritanische Luxusfeindlichkeit. Darf man, selbst wenn man es sich leisten könnte, angesichts von Wirtschaftskrise und vier Millionen Arbeitslosen, unbefangen dem Luxus frönen? Immer noch steckt in uns ein Rest protestantischer Sehnsucht nach "innerweltlicher Askese" (Max Weber). Aber: "Die Wirtschaft ist unser Schicksal" (Walther Rathenau), auch und gerade in "schlechten Zeiten". Rudolph Giuliani hatte Recht, als er die New Yorker nach dem worst case des 11. September dazu aufrief, zu leben und zu konsumieren und die Broadway-Theater zu füllen. Dabei ist es keinem Moralisten benommen, seine Kaufkraft nach dem Kompass eines neuen Zentralbegriffs auszurichten: Nachhaltigkeit. Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob sich meine Luxussehnsucht in Kerosin verschlingenden Urlaubsreisen verwirklicht oder im Erwerb von Produkten, die ihren Preis Hunderten von Arbeitsstunden hochkarätiger Spezialisten verdanken. Wer sich einen Porsche kauft, wer sich einen Steinway-Flügel zusammenspart und seinen schwarz glänzenden Schatz täglich streichelt, ist kein "demonstrativer Verschwender", sondern ein Wohltäter der bedrohten alten Handwerkskultur.

Meine Geschichte beginnt in der Mitte der siebziger Jahre, zu einer Zeit, als meine Kaufkraft ganz präzis mit BAT (Bundesangestelltentarif) IIa/Ib resp. A13/14 beschrieben werden konnte. Es waren und sind dies die Besoldungsstufen des Normalakademikers in den frühen Jahren der Laufbahn; Studienräte, Regierungsräte, Amtsrichter, Museumskustoden, Gefängnispsychologen, Pressesprecher erkennen ihren verwandten Sozialstatus auf Anhieb an den Tarifklassen. Auch einander unbekannte Angehörige des öffentlichen Dienstes konnten, zum Beispiel in der Kantine des Bonner Bundesinnenministeriums, sofort ein spannendes Fachgespräch über Weihnachts- und Urlaubsgelder, ungerechte Beihilfeverordnungen beim Zahnersatz und anrechenbare Vordienstzeiten beginnen. Partnerwahl fällt in diesem Milieu leicht. "Deutsch, Geschichte, Erdkunde am Luther-Gymnasium" verlobt sich mit "Verhaltenstherapie bei der Caritas". Charakteristische Einkommenskurven zeitigten wiederum vorhersagbare Konsumstrukturen.

Ohne dieses Tweedjackett wäre die Existenz unvollständig geblieben

Den hohen Anteilen von Wohnungs- beziehungsweise Immobilienkosten korrespondierten relativ niedrige Kosten für Verkehrsmittel, die als gebrauchter R4 oder als U-Bahn-Monatskarte plus Hollandfahrrad zu Buche schlugen. In der Physiognomie der männlichen A 13er gab es keine Überraschungen. Im Umkreis der "Planstellen"-Gehäuse hätte man die Dazugehörigen auf Anhieb erkannt an gemustertem Sakko, grauer Hose, weißem Hemd, unehrgeiziger Krawatte, bequemem Sportschuh und einer unauffälligen Aktentasche. Befragt, wie diese Gegenstände in ihren Besitz gelangt seien, hätte die Mehrheit bekannt, dass ihre Frau bei der Auswahl mitgewirkt habe, da sie selbst keinen Sinn für "Mode" hätten. Allenfalls hätten die Befragten wohl über ihre Konfektionsgrößen Auskunft geben können, sozusagen als natürliche Fortsetzung ihrer Tarifgruppe. Und sie hätten geschworen, dass man für ein Sakko nicht mehr ausgibt als 200 Mark.

Im Herbst 1974 war ich zum ersten Mal an dem kleinen Geschäft British Woollens in einer Seitenstraße beim Bayerischen Nationalmuseum in München vorbeigekommen. Immer war es zugesperrt gewesen, auch zu normalen Einkaufszeiten. Im Schaufenster vereinigten sich unordentlich gestapelte Stoffballen lieblos mit Pappdeckel-Displays verblichener Englandansichten. Eines Tages in der Mittagspause geriet der "Wissenschaftliche Mitarbeiter BATIIa" auf dem Weg zur Bäckerei in die ausnahmsweise offen stehende Tür der British Woollens. Und begann ein ziellos neugieriges Gespräch mit der älteren Frau, die ein unglaubliches Gemisch aus Englisch und Bayerisch sprach. Ein Münchner Schneidermeister hatte sich vor Jahrzehnten verliebt in die Dame aus der Ferne (alliierte Besatzungszeit, Nachkriegsdurcheinander).

Daraus war dies britisch spezialisierte Maßgeschäft geworden, mit einer kleinen Kundschaft verschworener Münchner Anglomanen rund um den Englischen Garten. Die Mittagspause nach BAT einzuhalten (30 Minuten) war diesmal nicht möglich. Denn ich fiel in Liebe. Nicht so sehr zum Gedanken der Maßkonfektion. Sondern zu einem Ballen Harris-Tweed mit einem Muster und von einer Qualität, wie ich es noch nie in einem Kaufhaus, aber auch noch nie an einem anderen Menschen gesehen hatte. Mir wurden die Augen aufgetan, aber auch der Tastsinn, und ich erkannte, dass meine Existenz als erwachsener Mann unvollständig gewesen war ohne dieses Tuch. Dicht, steif und schwer wie ein Mantelstoff. Grau, bräunlich, grünlich, weiß durchmischt, ein Gewebe, das mich an eine uralte, in Jahrhunderten immer wieder ausgebesserte Steinmauer erinnerte, an die ungeteerten Landstraßen, über die ich als Pfadfinder im Regen gewandert war. Der Stoff war nicht "schön" in irgendeinem mitteilbaren Sinn, aber vertrauenerweckend. Wenn das Licht auf eine bestimmte Weise darauf fiel, sah er auch so aus wie ein mittelalterliches Kettenhemd. Dieser Tweed rief mir zu: Komm endlich heim, bei mir bist du sicher, bei mir hast du es gut. Und ich bestellte ein Jackett, wurde vermessen, mit einem Terminzettel entlassen.

Zum versprochenen Datum war das Geschäft (natürlich) zu. Nach einem halben Jahr hatte ich dann endlich die Jacke, zahlte 750 Mark, was mir unvorstellbar viel erschien, eine Summe, die man vernünftigerweise niemand im "Lande A13" mitteilen konnte. Beim Abholen betrachtete ich mich im Spiegel und musste mich an mich gewöhnen. Das Jackett war sehr eng. Man teilte mir mit, dies sei der englische Schnitt, und nun müsste ich eben die entsprechende Haltung einnehmen. Das versuchte ich dann auf der Straße und prüfte argwöhnisch im ungenauen Spiegel der Schaufenster, ob es gelang. Einen Tag später waren diese Nichtigkeiten für immer vergessen. Das dicke Jackett wurde mein Haus, in dem ich wohnte, mein Schutzwall gegen Mutlosigkeit und Melancholie.