Schade, kein Spektakel: Sammelklagen wie in den USA sind in Deutschland ausgeschlossen. Verantwortlich ist das Prozessrecht, das im Gegensatz zum amerikanischen den individuellen Rechtsschutz garantiert: Jeder Fall ist einzigartig - und soll auch so entschieden werden.

Für US-Rechtsanwälte sind Sammelklagen ein lukratives Geschäft. Anders als ihre deutschen Kollegen, die nach einer festen Gebührenordnung abrechnen müssen, kassieren sie Erfolgshonorare. "Deshalb fordern sie mindestens zweistellige Millionensummen", sagt der Rostocker Rechtsprofessor Harald Koch, der sich intensiv mit den class actions beschäftigt.

Von dieser Konstruktion profitieren auch die Kläger. "Wer in den USA einen Prozess verliert, ist nicht prozentual an den Kosten beteiligt", sagt Koch.

In Deutschland dagegen wird ein verlorener Prozess teuer: Wer ein 50 000 Euro-Verfahren in allen Instanzen verliert, sollte sich auf eine Rechnung von etwa 25 000 Euro einstellen. Das zwingt dazu, sich genau zu überlegen, ob ein Unternehmen auf mehrere Millionen Euro verklagt werden soll. Firmen und die überlastete Justiz werden auf diese Weise vor aussichtslosen Prozessen geschützt.

In Amerika ist eine Sammelklage überdies für Unternehmen auch unabhängig von einer möglichen Verurteilung ein hohes wirtschaftliches Risiko. Denn anders als die Anwälte der Kläger, die nur bei Erfolg honoriert werden, muss die verklagte Firma ihre eigenen Rechtsvertreter in jedem Fall bezahlen. Nach Ansicht des Hamburger Juristen Michael Adams eröffnet das "ein erhebliches Erpressungspotenzial".

Die Rechnung ist einfach: US-Wirtschaftsanwälte haben Stundensätze von etwa 600 Dollar plus Spesen. Schon bevor der eigentliche Prozess beginnt, muss die Verteidigungsstrategie vorbereitet werden. Das bedeutet: Beweise beschaffen, Zeugen finden, ähnlich gelagerte Fälle recherchieren. Keine einfache Sache bei Verfahren um Asbesterkrankungen oder Flugzeugabstürze - aber notwendig.

Wen ein möglicher Prozess zwingt, ein Heer von Anwälten zu bezahlen, stellt deshalb oft eine einfache Rechnung auf: Lohnt sich der Aufwand? Für viele Unternehmen ganz offensichtlich nicht. Die meisten Sammelklagen enden mit einem Vergleich, mitunter unabhängig von Schuld oder Unschuld.