Seitdem in der Erinnerungskultur an die Stelle der heiligen Liaison von Ruhmestempel und Bibliothek die schnöde Interessengemeinschaft von Archiv und Verlag getreten ist, löst sich auch das Vertrauen in eine unbegrenzte Konservierungskraft der Texte auf. Ein besonders anschauliches Beispiel dafür ist die Archivgeschichte Heinrich Manns. Sicherlich hatte Nadeza Marcurová vom Prager Literaturmuseum nicht ganz Unrecht mit dem mokanten Hinweis, dass deutsche Germanisten und Archivare den "sensationellen" Fund schon früher hätten machen können, wenn sie der tschechischen Sprache mächtig wären und intensiver gesucht hätten. Aber auch für tschechische Germanisten war das Ausmaß des Fundes überraschend, auf den die Berliner Akademie-Archivarin Christina Möller bei Recherchen für ein Referat gestoßen ist. Die Tatsache, dass die umfangreichen Materialien in 15 Archivschachteln (darunter neben der Familienkorrespondenz auch Briefe von Henri Barbusse und Félix Bertaux) bisher nahezu unbeachtet blieben (Katalog und CD geben nur äußerst vage Hinweise), hat natürlich etwas mit der vom Zeitgeist diktierten Einschätzung des Autors Heinrich Mann zu tun. Wäre es zum Beispiel vorstellbar, dass auch nur eine einzige Archivschachtel mit der Zuordnung Thomas Mann oder Kafka über Jahrzehnte öffentlich nicht wahrgenommen worden wäre?

Warum aber ließ der Fischer Verlag (der das Copyright besitzt) jetzt eine Sensationsmeldung über Heinrich Mann verbreiten, die keine ist? Merkwürdig sind Tonfall und Zeitpunkt der Verkündung. Der "Glücksmoment", den die Berliner Archivarin erleben durfte, weil "unverhofft neue Dokumente auftauchten", liegt schon länger zurück, als es in der zuerst über die FAZ verbreiteten Presserklärung suggeriert wurde. Die Frage nach dem archiv- und verlagspolitischen Hintergrund des Timings - "bisher unbekannte Briefe werden in die neue Edition eingearbeitet" (Fischer) - erscheint daher spannender als jene, ob Leonie Mann bei der Übergabe des Nachlasses ihres Vaters an die DDR-Akademie der Künste die Schachteln in Prag "vergessen" hat oder ob der Inhalt vom tschechischen Staat "konfisziert" wurde, wie der Enkel Jindrich vermutet.

Dass Heinrich Manns Manuskripte, Briefe und Bücher zu einem Zeitpunkt, als er sich bereits im französischen Exil befand, von München nach Prag gelangen konnten, hatte er dem Staatspräsidenten Tomás Masaryk ("ein Mann der Tat und Philosoph") sowie der Fürsorge seiner ersten Frau Maria (Mimi) und der Tochter Leonie zu verdanken. Noch am 18. Januar 1935, also fünf Jahre nach der Scheidung, hatte Mimi an Heinrich in Nizza geschrieben: "Du solltest nicht nervös sein, wenn ich Dir verspreche, etwas zu tun, so tue ich es immer." Auch nach dem Einmarsch von Hitlers Truppen fand sich für Heinrichs Unterlagen in Prag ein Versteck, während für die Jüdin Mimi eine schreckliche Zeit begann.

"Er ist unser!", verfügte Ulbricht Die "tschechische Heinrich-Mann-Forschung" war einmal "sehr gründlich", musste Alfred Kantorowicz Anfang der fünfziger Jahre konstatieren. Beim Sortieren der von Leonie Mann erhaltenen Nachlassteile versuchte er vergeblich, einen "unheimlichen Fund" vor der Neugierde tschechischer Doktoranden zu verbergen: Der junge Heinrich Mann hatte Manuskripte für die antisemitische Zeitschrift Das zwanzigste Jahrhundert verfasst, zu deren Mitarbeitern auch sein Bruder Thomas gehörte. Neue Skandale dieser Art wurden in Prag jetzt aber nicht entdeckt, denn die über 1000 Briefe stammen nicht von Heinrich Mann, sondern sind an ihn gerichtet und handeln von seinen bekannten Freundschaften, Frauenbeziehungen und der Familiengeschichte. Die Erkenntnis, dass es in Letzterer vor allem um patriarchalische Vorherrschaft und ödipale Verstrickungen mit tragischem Ende ging, hat bereits Heinrich Breloers Filmsaga als populäre Bildungsbotschaft in die deutschen Wohnzimmer getragen. Auch dass die dramatische brüderliche Beziehungsgeschichte zwischen Heinrich und Thomas Mann ebenso mit persönlichen Konflikten verknüpft war wie mit den Katastrophen eines Zeitalters, weiß man.

Dennoch: Ein wichtiges Signal, das von den jüngsten Prager Funden für die Heinrich-Mann-Forschung ausgeht ist die Einsicht, dass man sich endgültig von der Vorstellung verabschieden muss, die Berliner Akademie beherberge das Zentralarchiv und könne auch alle Editionsprobleme lösen. Diese Legende wurde in der DDR unter dem Patronat von Kantorowicz begründet und 1961 nach der Überführung der Urne Heinrich Manns aus Kalifornien zum Dorotheenstädter Friedhof symbolisch überhöht mit Walter Ulbrichts Erklärung: "Er ist unser!"

Wie alle repräsentativen DDR-Einrichtungen zur "Wahrung des humanistischen Kulturerbes" war das Heinrich-Mann-Archiv in der Akademie materiell, personell und organisatorisch hervorragend ausgestattet. Zum Kernbestand gehörte neben den zentralen Stockholmer und Prager Nachlässen auch das von Viktor Mann (dem jüngsten Bruder) übernommene "Familienarchiv". Die Exilnachlässe aus Nizza und Santa Monica, Kalifornien, kamen 1956/57 hinzu.

Bereits 1963 informierte das von Rosemarie Eggert bearbeitete Findbuch über den Inhalt von 22 000 Blatt Werkmanuskripten, Briefen, persönlichen Urkunden und Geschäftsunterlagen (davon allein 9000 Blatt Handschriftensammlung), Fotos und die Arbeitsbibliothek des Dichters mit rund 4000 Bänden. Man erstellte eine umfangreiche Bildkartei, registrierte Zeichnungen, Skizzen und Werkillustrationen - und selbst alle entdeckten Randbemerkungen Heinrich Manns in den vorhandenen Druckschriften wurden abgeschrieben und kommentiert.