Angenehm weich klingt die Stimme am anderen Ende der Leitung, und wer länger als zwei Sätze zuhört, hat das sichere Gefühl, dass sie einer Person gehört, die ein gepflegtes Äußeres zu ihren positiven Eigenschaften zählen darf und eine gute Kinderstube hatte. Angenehm weich klingt auch, was die Stimme zu sagen hat: "Wir werden unser Bestes versuchen" zum Beispiel, oder: "Wir machen das gerne für Sie."

Angenehm reich ist, wer das Glück hat, mit dieser Stimme telefonieren zu dürfen. Diese Stimme – sie gehört Jana Clement, und die hat in ihrem Job nur mit den wirklich Reichen zu tun: Sie ist Mitarbeiterin im Service-Team der Centurion-Karte von American Express, der Karte, die wirklich (fast) alles möglich macht. Und Jana Clement telefoniert nicht mit jedem, weil eben nicht jeder diese Karte kriegt – sondern nur Menschen mit einem Jahreseinkommen von einer halben Million Euro an aufwärts und einem durchschnittlichen Kreditkartenumsatz von 150000 Euro im Jahr, also dem Gegenwert von zehn VW Polos. Mit Menschen also, die dank ihres Einkommens gewohnt sind, stets das zu bekommen, was sie wollen. Und zwar schnell. Menschen, die deswegen von den Managern bei American Express mit der in ihren Augen allergrößten Auszeichnung bedacht werden, die es von einem Kreditkartenunternehmen gibt: einer kleinen schwarzen Plastikkarte.

Wer richtig viel Geld ausgibt, wird reich belohnt

Wer dieses Privileg in Deutschland genießt? Wird von American Express nicht verraten. Wie viele Karten es in Deutschland gibt? Auch dazu keine Auskunft. Man will ein exklusiver Klub sein – schon, um die Kunden nicht aus der Schwelgerei im VIP-Gefühl zu reißen. Zu viel Transparenz stört jede Exklusivität. Deshalb kann man in diesem Klub auch nicht einfach per Kontoauszug und Gehaltsbescheinigung Mitglied werden. In bester englischer Klubtradition wird nur aufgenommen, wer eingeladen ist. Weil die Karte selbstverständlich keinen Rahmen hat, beschränkt sich der erlauchte Kreis auf eine sehr zahlungskräftige Kundschaft, die zumindest einen Teil des Vermögens auch flüssig hat – zum Ausgeben eben.

Schätzungen gehen von 2000 Centurion-Karten-Inhabern aus, die im Jahr 1000 Euro dafür bezahlen, dass Menschen wie Jana Clement "ihr Bestes" versuchen, um Unmögliches möglich zu machen. (Man kann das so sagen, ohne dass es Werbung wäre, denn was nützt Werbung für eine Karte, die nicht käuflich ist?)

Das Ermöglichen des Unmöglichen jedenfalls beginnt bei vergleichsweise einfachen Dingen wie kurzfristigen Tischreservierungen in auf Monate ausgebuchten Luxuslokalen, Tickets für ausgebuchte Flüge und Mietwagen- und Limousinenservices in den entlegensten Gebieten. Wenn eine Kundin ihrem Papagei einen limitierten Edelteddybären aus Hongkong schenken will, ist das genauso wenig ein Problem, wie Hochzeitskostüme aus dem 18. Jahrhundert zu besorgen, 10000 weiße Schmetterlinge fliegen zu lassen oder eben einmal schnell einen Privatjet samt Limousinenservice zu organisieren, wenn Papi seine 14 Jahre alte Tochter zum Geburtstag aus dem Internat in Monte Carlo nach Düsseldorf einfliegen lassen will. Auch dem Kunden, der zu einem Champions-League-Match des FC Bayern München nach Madrid flog und erst dort bemerkte, dass seine Eintrittskarte noch zu Hause lag, konnte geholfen werden. American Express ließ das Ticket holen und brachte es kurz vor dem Anpfiff zum Stadion.

Für diese Serviceleistungen werden die Kartenbesitzer nicht extra zur Kasse gebeten – all das ist mit den 1000 Euro Jahresgebühr abgedeckt. Wer mit der Luxuskarte viel Geld ausgibt, spart sogar. Wer eine Centurion besitzt und erster Klasse fliegt, kann seinen Partner fast gratis mitfliegen lassen. Mit dem Priority Pass haben die Edelkartenbesitzer Zugang zu allen VIP-Lounges dieser Welt. Außerdem ist da ja auch noch Jana Clement.

Für American Express, auch keine Wohlfahrtsorganisation, ist diese Karte trotzdem ein Geschäft: Denn den Warenwert müssen die Kunden natürlich bezahlen – mit ihrer Centurion-Karte, und dabei bekommt die Firma wie bei allen anderen Karten zehn Prozent Anteil. "Die Kunden sind unser Kapital", sagt Amex-Sprecherin Ursula Hellstern listig.