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Vor vier Jahren wurde der amerikanische Molekularbiologe John Medina eingeladen, vor den Gouverneuren der US-Bundesstaaten zu referieren. Welche Konsequenzen hat die neue Hirnforschung für Erziehung und Bildung von Kindern? war die Frage. "Das wird ein kurzes Referat, zehn Sekunden lang", antwortete Medina. Es sei zu früh, über solche Konsequenzen zu sprechen. Doch die Gouverneure blieben hartnäckig: "Bitte fantasieren Sie, denken Sie an Ihre eigenen Kinder."

Da äußerte Medina einen Wunsch: Um die Lernfähigkeit des kindlichen Gehirns zu erforschen und für Erzieher nutzbar zu machen, brauche man eine gemeinsame Anstrengung von Neurobiologen, Genforschern und Entwicklungspsychologen, die Familien, Kindergärten und Schulklassen beobachteten und ihre Ergebnisse mit Pädagogen und Computerwissenschaftlern diskutieren. Außerdem müsse man Wissenschaftsjournalisten einbinden, um das Wissen für Eltern, Lehrer und Erzieherinnen richtig aufzubereiten. Kurz: Was Not tue, meinte Medina, sei ein neues Forschungs- und Aufklärungskonzept.

Von den Gouverneuren erhielt Medina beifälliges Nicken, mehr nicht. Dennoch ging sein Wunsch im Sommer 2000 in Erfüllung. Der Telefonunternehmer Bruce McCaw, der in den neunziger Jahren mit Handys reich geworden war, spendierte Medina 25 Millionen Dollar für die Gründung einer einmaligen Forschungsstätte: Das Talaris Research Institute in Seattle soll das Wissen über frühkindliche Entwicklung sammeln und Eltern, Kindergärtnerinnen und Lehrern zugänglich machen. Bruce McCaw und seine Frau Jolene, die selbst zwei kleine Kinder haben, waren von Medinas Plädoyer für die frühkindliche Forschung so beeindruckt, dass sie Anfang 2001 noch einmal 35 Millionen bereitstellten, um ein Center for Mind, Brain and Learning an der University of Washington in Seattle zu etablieren.

Das Talaris-Institut (benannt nach den geflügelten Sandalen des flinken Götterboten Hermes) hat ehrgeizige Ziele: Es will möglichst schnell Missverständnisse ausräumen und den Blick auf die ersten Lebensjahre verändern. "Kinder für die erste Klasse lernbereit machen – solchen Unsinn darf man künftig nicht mehr hören", sagt Medina. Die erste Klasse beginne unmittelbar nach der Geburt. "Kinder bilden in der ersten Stunde ihres Lebens die ersten Hypothesen, sie sind sofort lernbereit, das ist unser Überlebensinstinkt." Daher müsse das Wissen über die Chemie und Physik des Lernens, über die physiologischen Prozesse der Informationsverarbeitung, zu einem gesellschaftlichen Grundwissen werden.

Derzeit arbeiten auf dem Institutscampus, der in einem idyllischen Parkgelände am Rande der Universität von Seattle liegt, 15 Mitarbeiter, darunter ein Drittel Journalisten, am Aufbau des Instituts, das später einmal 100 "Multiplikatoren" beherbergen soll. Neben einem Forschungsschwerpunkt zur "affektiven Neurowissenschaft", der von dem Entwicklungspsychologen John Gottman geleitet wird, bauen ITExperten und Dokumentarfilmer an Datenbanken und Internet-Angeboten, die sich vor allem an Eltern und Früherzieherinnen richten. Das Projekt wird begleitet von den Säuglingsforschern Andrew Meltzoff und Patricia Kuhl, die mit ihren Arbeiten zum frühen Spracherwerb bekannt wurden und die nun am Center for Mind, Brain and Learning die Wissenschaft der ersten Lebensjahre vorantreiben.

Stress in der Familie schädigt das Gedächtnis des Kindes

In der Aufbauphase konzentrieren sich die Bemühungen des Talaris-Instituts auf junge Paare im Übergang zur Elternrolle. "Es muss jedem klar werden, dass es nicht nur gesundheitsschädigende Bedingungen des Aufwachsens gibt, sondern buchstäblich hirnschädigende", formuliert Bridgett Chandler, stellvertretende Direktorin und Geschäftsführerin des Talaris-Instituts, den Anspruch. Häufig schlitterten die jungen Paare unvorbereitet in ihre Elternschaft. "In unserer Studie schilderten 70 Prozent der Eltern, wie ihre Beziehung im ersten Jahr der Elternschaft unglücklicher geworden ist: Streitereien über Kleinigkeiten, Enttäuschungen, sie hatten die Arbeit unterschätzt", sagt Talaris-Forscher Gottman. Diese Depressionen der Eltern wirken sich auch auf die Aufmerksamkeitsfähigkeit des Kindes aus. Wie Gottmans Studien zeigen, reagieren sechs Monate alte Babys schon auf die Ambivalenz in der Körperhaltung ihrer Bezugspersonen: Wenn etwa die Mutter dem Kind etwas zeigt, sich dabei aber unbewusst abwendet wie auf dem Sprung, sinkt die Aufmerksamkeit. In Konfliktfamilien ist die Herzfrequenz des Babys ständig höher, selbst dann, wenn es äußerlich gut versorgt ist. Steigt der Stress, kann sogar das Gedächtnis geschädigt werden: Dann wird Cortisol ausgeschüttet, ein Hormon, das normalerweise in Kampfsituationen und auf der Flucht gebraucht wird. Aber wenn Cortisol länger in der Blutbahn bleibt, hinterlässt das Schäden im Hippocampus, in der Region, in der das menschliche Gedächtnis lokalisiert ist.

Die Schlüsselrolle für die familiäre Harmonie, auch das haben die Untersuchungen ergeben, hat meist der Vater inne. Jetzt entwickelt Gottman am Talaris-Institut Filme für Elternkurse. Dabei geht es vor allem um die Kommunikation zwischen Baby, Mutter und Vater. "Alle Eltern, vor allem die Väter, müssen die vorsprachliche Kommunikation des Kindes lesen lernen", fordert John Gottman.

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Ein anderes Handlungsfeld von Talaris ist die Aufklärung der Betreuerinnen, bei denen amerikanische Kinder in den ersten Lebensjahren viele Stunden verbringen. "Für eine Lizenz zum Betrieb eines Baby-Care-Centers muss man nur zehn Stunden Vorbereitungskurs nachweisen – fünfmal weniger als für die Eröffnung eines Pediküresalons", sagt Bridgett Chandler. Eine amerikanische Kinderbetreuerin erhält weniger Stundenlohn als ein Parkwächter. Ansprüche an Professionalität in dieser Tätigkeit müssen überhaupt erst entwickelt werden. Im Talaris-Institut wird deshalb auch ein Master-Studiengang in Erziehungswissenschaften und Hirnforschung entwickelt, der ab 2004 angeboten werden soll.

Den Säuglingsforschern Andrew Meltzoff und Patricia Kuhl brachte der Bestsellererfolg ihres Buches The Scientist in the Crib (deutsch: Forschergeist in Windeln; Ariston Verlag, 2000) gar eine Einladung ins Weiße Haus ein. Präsident Bush hatte zu einem Symposium über Säuglingsforschung als Thema des 21.Jahrhunderts geladen. "Kein amerikanischer Präsident kommt an diesem Thema vorbei", meint Meltzoff selbstbewusst. Wenn etwa weltweit die Menschen künftig mindestens zwei Sprachen sprechen müssten, wolle man wissen, wie und warum das Kindern so leicht gelingt. Meltzoff ist vor allem durch seine Studien über die Nachahmungsfähigkeiten von Babys bekannt geworden. Nun interessiert er sich für die elementaren Forscherleistungen sehr junger Kinder. "Die menschliche Fähigkeit zur Hypothesenbildung macht Säuglinge zu den besten Lernern der Welt", ist der Psychologe überzeugt. Pädagogische Lernsoftware für den Computer oder die vielen über Kinderbettchen baumelnden Mobiles hält er allerdings für verlorene Liebesmüh: "Wir zeigen mit unserer Forschung, dass Eltern selbst die Mittel in ihren Gesichtern, Stimmen und Händen haben, um Kindern die Anregung zu geben, die sie brauchen."

Ein Zukunftsprojekt am Center for Mind, Brain and Learning ist die Forschung über Empathie. Bis vor kurzem hat man Kinder in den ersten Lebensjahren noch als kleine Egozentriker – "nicht gruppenfähig" – gesehen. Heute erkennt man sie durchaus schon als soziale und mitfühlende Wesen. Allerdings beobachtete Meltzoff bei den vielen tausend Kleinkindern, mit denen er gearbeitet hat, eine große Bandbreite von Empathie. Gibt es so etwas wie ein angeborenes Talent für Mitgefühl? Kann man das Lernen von Empathie verstärken, und wie würde sich das auswirken auf das menschliche Zusammenleben? Auf solche Fragen erhofft sich Meltzoff Antwort.

Dass die ersten drei Lebensjahre eine wichtige Bildungszeit sein sollten, spricht sich langsam auch in Deutschland herum. Dennoch wird über Kleinkinder meist noch immer geredet, als seien sie lediglich eine Betreuungslast, die möglichst gerecht auf verschiedene Schultern verlagert werden sollte. Warum klingt das so freudlos und beleidigt, so wenig inspiriert?

Offenbar fehlt es an Wissenschaftlern, die uns Talent und Fähigkeiten der kleinkindlichen Naturforscher im richtigen Licht zeigen. Auch bei uns gilt das Etikett "pflegeleicht" noch immer als Lob. Dabei zeigt die Hirnforschung, dass kein Mensch pflegeleicht ist und dass wir alle am Anfang des Lebens – aus gutem Grund – höchst anspruchsvoll sind. Für eine Einrichtung wie das Talaris-Institut gäbe es wohl auch in Deutschland viel zu tun.

Die Autorin betreibt am Deutschen Jugendinstitut vergleichende Kindheitsforschung. Sie wurde durch ihr Buch "Weltwissen der Siebenjährigen" bekannt

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