Lise Eliot sieht aus wie Schneewittchen, das gerade merkt, dass sie in einen vergifteten Apfel gebissen hat – ihr Gesicht ist voll widerstreitender Gefühle. Während des Gesprächs beugt sie sich vor und pult einen unsichtbaren Krümel vom Tisch. Dann wendet sie sich ab und bohrt ihren Blick durchs Fenster. Kein Zweifel, die Neurobiologin ist nervös. Mitten in einem Exkurs über das amerikanische Schulsystem fällt sie sich selbst ins Wort "Oh, Gott, ich mache mir echt Sorgen, wie dieses Interview laufen wird", bricht es aus ihr hervor. Lise Eliot läuft knallrot an. "Kindererziehung ist heutzutage so ein Reizthema", sagt sie in die verblüffte Stille.

Nein, so dünnhäutig hatten wir uns eine Veteranin der Neurodidaktik nicht vorgestellt. Dabei ist Eliot ausgebildet an zwei amerikanischen Elite-Universitäten, Harvard und Columbia, Mutter von drei charmanten Blondschöpfen und auch noch Bestsellerautorin. Deutsche Leser kennen die 40-Jährige durch ihr Buch Was geht da drinnen vor? , ein 750-Seiten Epos über "Die Gehirnentwicklung in den ersten fünf Lebensjahren". Windung für Windung führt sie darin durch die Evolution des kindlichen Denkens und sucht Antwort auf die alte Streitfrage, wovon Babys spätere Fähigkeiten denn nun abhängen: Ist alles Vererbung, entscheidet sich also schon zwischen den zerwühlten Laken, ob Ei und Sperma einen Einstein formen? Oder gleicht das Hirn anfangs einem weißen Blatt Papier, vollständig den Einflüssen der Umwelt ausgeliefert? Eliot siebte durch den Wirrwarr der Studien und fand einen Kompromiss: Fifty-fifty dürfen sich Vererbung und Umwelt bei ihr das kräuselige Universum im Schädel teilen.

Darum sei es so wichtig, betont Eliot in ihrem Buch, dass das kleinkindliche Nervensystem frühzeitig stimuliert werde: "Synapsen, die nicht angeregt werden – weil eine Sprache nicht gehört, ein Instrument nicht gespielt, ein Sport nicht geübt oder eine Liebe nicht gespürt wird – sterben", schreibt Eliot. Und was hätte sein können – akzentfreies Russisch, tonreines Singen, gesundes Selbstvertrauen – wird nimmermehr. Die Moral ist klar: Wer nicht stimuliert wird, steht dumm da, buchstäblich.

Diese Erkenntnis – vorgetragen auch von anderen Neurologen – katapultierte Amerikas Kleinkinder in einen Strudel elterlicher Ängste und Eitelkeiten. Die Regierung von Florida befahl Kindergärten, klassische Musik zu spielen, nachdem Forscher erkannt haben wollen, dass dies die Intelligenz steigere. Übereifrige Schwangere bedudeln schon ihren Bauch mit Mozartsonaten – die Weisen des Wunderkinds sollen besonders förderlich wirken. Auch T-Shirts, die mit angeblich gehirnstimulierenden Grafiken bedruckt sind – etwa unterschiedlichen Smiley-Gesichtern – verkaufen sich bestens. Mal heißt es, durch die richtige Strategie ließe sich der Intelligenzquotient um 20 Punkte verbessern, mal nur um 12. Doch selbst 12 IQ-Punkte, rechnet Eliot vor, machten den Unterschied aus zwischen schnödem Mittelmaß und dem oberen Fünftel der Schlauköpfchen.

Nun ist Lise Eliot nicht die Erste, die ein Buch über Gehirnförderung schrieb, und sie ist bei weitem nicht die Radikalste. Konservativ gar findet sie ihr eigenes Werk im Vergleich zu Büchern, die "125 gehirnbildende Spiele" lehren wollen. Eliot bemüht sich um Zurückhaltung, streut ironische Seitenhiebe gegen väterliche Genie-Träume und Mahnungen zur Gelassenheit ein. Dennoch betont auch sie immer wieder die elterlichen Einflussmöglichkeiten, schreibt über den monatelangen Vorsprung beim Sprechen durch frühe Ermutigung oder über die bis zu neun IQ-Punkte, die sich durch Multivitaminpillen gewinnen lassen.

Kritik daran tut weh. Hämisch warf ihr eine angesehene britische Zeitung vor, auf dem Intelligenzfimmel mitzureiten, bei dem Gehirnwindungen gezüchtet werden sollen wie Hollandtomaten im Treibhaus. Eliot knetet sich gequält die Brauen bei der Erinnerung. Heute würde sie lauter davor warnen, dass zu viel Stimulation auch schaden kann, würde sagen, dass Kinder "ausbrennen", wenn sie schon als Fünfjährige mit den Spielzeugen für Ältere spielen müssen, "nur weil die Eltern denken, dann sind sie gleich so schlau wie Achtjährige". Aber wer konnte denn 1999, als sie das Buch schrieb, ahnen, wie hysterisch manche Eltern reagieren würden?

Sie will nicht recht hierher passen, in Raum 2274 der Chicago Medical School, ein seelenloser Kastenbau in der Wüstenei der Vororte, in der sie nach den üblichen akademischen Wanderjahren landete. Aufrecht wie eine strebsame Schülerin sitzt sie in ihrem aufgeräumten Büro, ein tannenschlankes Geschöpf mit arglos blauen Augen. Gut könnte man sie sich in einer Landkommune vorstellen, mit ihren gebräunten Armen, stark wie die einer Bäuerin, und dem blonden Pferdeschwanz, den sie uneitel in ein schwarzes Gummiband gestopft hat. Lippenstift und Nagellack braucht sie nicht, nur ihre Zehen lugen vorwitzig lila unter dem Wickelrock hervor. "Im Grunde meines Herzens bin ich Kommunistin", sagt sie.

Mit tiefer Befriedigung setzt sie Politiker unter Druck, mehr für die Eltern zu tun, die es sich nicht leisten können, ihre Kinder in "versnobten Privatschulen" erstklassig ausbilden zu lassen. Auch kämpft sie gegen den "lächerlich kurzen" Mutterschutz in den USA, "damit schießen wir uns doch nur selbst ins Knie." Die Anliegen sind nicht neu, das weiß auch Lise Eliot, "doch jetzt haben wir harte Fakten aus der Gehirnforschung, und das lässt die Politiker aufhorchen." Sehr oft allerdings bekommt sie dazu nicht Gelegenheit. Politiker kaufen wenig Bücher, und so doziert sie gewöhnlich vor Eltern, deren brennendste Sorge lautet: Wie früh soll man das Töchterchen in einer Fremdsprache schulen?